Spätstarter: Nestlé bringt Erbsenmilch „Wunda“ raus

  • Der Markt mit Milchersatzprodukten boomt – und ist deshalb schwer umkämpft.
  • Auch der Megakonzern Nestlé springt jetzt auf den Erfolgszug auf und stellt seine neue Erbsenmilch „Wunda“ vor.
  • Wird der Einstieg mit „Wunda“ gelingen?
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Frankfurt am Main. Nestlé kommt angriffslustig daher. Unter dem Motto Disrupting the disruptors präsentiert der Schweizer Konzern ein Produkt mit dem friedfertig anmutenden Namen „Wunda“. „Stört die Störer“ erinnert an einen Terminus aus der Wirtschaftstheorie. Disruptive Erfindungen bezeichnen Produkte, die einen neuen Markt dadurch schaffen, dass sie gleichzeitig neue Werte verkörpern – und damit langfristig den existierenden Markt übernehmen.

Eine sehr ambitionierte Umschreibung für Milchersatz auf Erbsenbasis. Der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern will den Boom bei veganen Produkten nicht an sich vorbeiziehen lassen. Heftige Kämpfe um Marktanteile stehen bevor. Und dabei spielen auch Ökologie und Klimaschutz eine Rolle.

Nestlés „Wunda“ ist zunächst in Frankreich, den Niederlanden und in Portugal zu haben. Andere europäische Länder sollen zügig folgen, Deutschland dürfte auch dazugehören. Die Schweizer sind Spätstarter im noch jungen Sektor der veganen Nahrungsmittel, die Produkte mit tierischer Basis ersetzen sollen. Dabei wächst die Nachfrage extrem stark. Auch beim Milchersatz.

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Das Marktforschungsunternehmen Euromonitor prognostiziert, dass dieser Markt in Westeuropa in den nächsten drei Jahren um weitere 30 Prozent expandiert. Und er ist mit hoher Geschwindigkeit bereits auf ein Volumen von fast 2,4 Milliarden Euro jährlich geklettert.

Kuhmilch mit mäßiger Ökobilanz

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Hierzulande ist Sojamilch nach wie vor der Favorit. Hafermilch hat zuletzt stark aufgeholt. Das hat viel mit den Ansprüchen der Kunden zu tun. Sie wollen ein veganes Produkt, das nichts mit tierischer Massenhaltung und deren negativen Implikationen für Kühe, Umwelt und Klima zu tun hat. Bei der Ökobilanz von echter Milch schlagen Landnutzung, Futterproduktion, Gülle und die daraus folgende Belastung von Böden und Grundwasser heftig zu Buche.

In diversen Internetforen wird immer wieder darauf hingewiesen, dass bei der Produktion von einem Liter Milch insgesamt rund 2,4 Kilogramm Kohlendioxid freigesetzt werden – das entspricht in etwa dem Treibhausgas, das beim Verbrennen von einem Liter Benzin entsteht.

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Ökobilanz für Alternativprodukte noch unklar

Bei Sojamilch fällt die Klimarechnung zwar deutlich günstiger aus, Sojamonokulturen sind aber eine Ursache für das Abholzen von Regenwald in Südamerika. Hafer für Hafermilch wird hingegen fast überall in Europa erzeugt. Noch günstiger sollen aber Erbsen als Grundstoff sein, da sie reich an Proteinen sind und sogar bei der Verbesserung der Bodenqualität helfen können.

Allerdings gibt es eine große Grauzone. Es handelt sich beim Milchersatz immer um hochgradig verarbeitete Lebensmittel, die mit hohem Einsatz von Energie erzeugt werden. Experten machen darauf aufmerksam, dass vollständige Ökobilanzen fast unmöglich sind, schon allein, weil jede Menge Zusatzstoffe zum Einsatz kommen, um dem Milchgeschmack einigermaßen nahezukommen: Aromen und Rapsöl, Kalzium und andere Mineralstoffe oder auch Reis.

Erbsenmilch wird immer beliebter

Die rundlichen Feldfrüchte jedenfalls bilden bislang eine Nische in der Nische. Der Pionier beim Einsatz von Erbsen – die übrigens gelb sind – für die Milchersatzproduktion war das US-Start-up Ripple. Vor gut zwei Jahren kam hierzulande das Produkt „Princess on the Pea“ (Prinzessin auf der Erbse) von der Firma Drinkstar auf den Markt.

Als eine Art Shootingstar wird das Berliner Start-up VF Nutrition gehandelt. Es hat nach eigenen Angaben mit seinem Produkt „Vly“ (Motto: No milk today) binnen eines Jahres seine Präsenz in Supermärkten von 25 auf 6000 gesteigert. Mehr als eine Million Liter Erbsenmilch seien verkauft worden.

„Es geht um nicht weniger als die Disruption der Milchindustrie“, teilt das Unternehmen mit. Co-Gründer Nicolas Hartmann hebt hervor, dass bei der Herstellung im Vergleich zu Kuhmilch nur ein Sechstel CO₂ anfalle, und es werde nur ein Fünftel der Anbaufläche benötigt. Die Erbsen stammten aus Nordfrankreich.

Nestlé: „Wunda“ ist vom Start weg CO₂-neutral

Und jetzt „Wunda“. Nestlé stellt sich in seiner Insidestory zum neuen Produkt im Start-up-Sprech dar: „Wir wollen wirklich auffallen und einige Regeln brechen“, wird ein Manager zitiert, der nur mit seinem Vornamen Rani erwähnt wird. „Wir wollen für unsere Kunden die Rolle des helfenden Superhelden übernehmen“, ergänzt Rani.

„Wunda“ verfüge über ein gutes Profil bei den Inhaltsstoffen, sei wohlschmeckend, zudem so vielfältig einsetzbar wie richtige Milch – und vom Start weg komplett CO₂-neutral. Erreichen will das Nestlé durch den Einsatz von erneuerbaren Energien an mehreren Stellen in der Wertschöpfungskette. Für Emissionen, die sich nicht vermeiden lassen, werde in qualitativ hochwertige Ausgleichsprojekte investiert – dabei handelt es sich häufig etwa um Aufforstungsprojekte. Millennials, um das Jahr 2000 Geborene, seien die Zielgruppe. Dem Milchersatz sollen andere verwandte Produkte wie Joghurt folgen.

Die Konkurrenz ist groß

Nestlé geht mit dem Spätstart von „Wunda“ nicht nur gegen Start-ups, sondern vor allem gegen andere Branchenriesen an. So gilt der französische Danone-Konzern mit seiner Marke Alpro derzeit in Europa als der Branchenführer in Sachen Milchersatz, zudem sind unter anderem veganer Käse und vegane Mayonnaise im Angebot. Danone will den Umsatz mit diesen Produkten bis 2025 auf jährlich 5 Milliarden Euro verdoppeln. Ein weiterer wichtiger Akteur ist das schwedische Unternehmen Oatly, das gerade seinen Börsengang in den USA vorbereitet. Triebfeder ist die hohe Rendite. Vegane Milch kostet im Supermarkt nicht selten mehr als 2 Euro pro Liter. Wer die Variante mit Hafer selbst macht, kommt auf Herstellungskosten von um die 20 Cent pro Liter.

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