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Soziologin Hipp zur Corona-Krise: “Die Frauenberufe sind in diesen Zeiten besonders gefragt”

  • Deutschland fährt runter, viele Betriebe stehen still.
  • Doch gleichzeitig sind einige Berufe nun besonders relevant – und zwar auffällig viele, in denen vor allem Frauen tätig sind.
  • Warum das kein Zufall ist, erklärt die Soziologin Lena Hipp im Interview mit dem RND.
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Ganze 75 Prozent derjenigen, die in systemrelevanten Berufen tätig sind, sind weiblich – sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dass die Zahlen am Dienstag veröffentlicht hat. Das wirft die Frage auf, ob die Krise vor allem Frauen belastet – was auch die Soziologin Lena Hipp befürchtet.

Frau Professorin Hipp, Kassiererinnen, Pflegerinnen, Betreuerinnen – in den Schlagzeilen der vergangenen Tage ging es oft um Berufe, in denen viele Frauen arbeiten. Täuscht der Eindruck?

Klassische Frauenberufe scheinen im Moment eine besonders große Rolle zu spielen, das ist richtig. Frauen machen heute – wie auch in normalen Zeiten – Arbeiten, die dringend gebraucht werden und das System am Laufen halten, aber die wir oftmals gar nicht richtig sehen. Wer sitzt denn am Supermarkt an der Kasse, räumt die Regale ein, wer pflegt Kranke und Alte? Die Frauenberufe sind in diesen Zeiten besonders gefragt, auch wenn bei als systemrelevant geltenden Tätigkeiten auch ein Reihe typischer Männerberufe dabei sind.

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Warum arbeiten denn vor allem Frauen in den systemrelevanten Gesundheits- und Erziehungsberufen?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist das eine nicht vollständig geklärte Frage. Es gibt mehrere Theorien dazu. Haushalt, Erziehung, Pflege von Angehörigen sind Tätigkeiten, die Frauen schon immer und in hohem Maße unbezahlt erledigen. Möglicherweise ergreifen Frauen Berufe in diesen Bereichen, weil ihnen qua Geschlecht besondere Kompetenzen zugeschrieben werden. Früher sollte der Beruf der Hauswirtschafterin oder des Kindermädchens junge Frauen auf ihre spätere Aufgabe als Mutter vorbereiten. Frauen ergreifen diese Berufe vielleicht auch deshalb, weil hier schon viele Frauen arbeiten und sie ihre Rollenbilder in diesen Berufen sehen.

Lena Hipp ist Professorin an der Universität Potsdam. Die 1977 geborene Sozialwissenschaftlerin forscht am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) unter anderem zur Ungleichheit von Geschlechtern und zur Frage, inwiefern bestimmte Tätigkeiten vor allem von Frauen erledigt werden. © Quelle: WZB Potsdam

Gleichzeitig geht es um tendenziell recht gering bezahlte Tätigkeiten.

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Das stimmt. Und gerade dieser Tage stellt sich die Frage ganz besonders, warum das so ist und ob sich nicht etwas ändern sollte. Aber wir haben das Paradox, dass trotz hoher Nachfrage nach Pflege- und Erziehungspersonal und schwierigen Arbeitsbedingungen die Einkommen in diesen Bereichen niedrig sind. Das hat auch damit zu tun, dass es Bereiche sind, in denen es nur geringe Produktivitätssteigerungen gibt. Pflegekräfte können nur schwerlich durch Maschinen ersetzen werden. Außerdem sind gerade im Bereich der Pflege Arbeitskräfte nur in geringem Maß gewerkschaftlich organisiert.

Zu den systemrelevanten Berufen gehören auch typische Männerberufe, etwa in der Logistik oder in Sicherheitsbehörden.

Auch das stimmt. Auf der Liste der systemrelevanten Berufe sind viele der Berufe nicht besonders hoch bezahlt. Das gilt für den Pflegebereich genauso wie für Tätigkeiten im Nahverkehr oder im Justizvollzug. Am Ende geht es darum, was uns unsere Grundversorgung wert ist. Die Frage, ob es richtig ist, in solchen Bereichen stets möglichst viel zu sparen, stellt sich nun in der Krise erst recht – losgelöst davon, ob es um Männer- oder Frauenberufe geht.

Derzeit sind Schulen und Kitas geschlossen – in meinem Umfeld und in sozialen Medien gibt es viele Paare, bei denen nun eher die Frau sich um die Kinder kümmert, während der Mann Homeoffice macht. Droht vielen Frauen nun eine Doppelbelastung?

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Es kann gut sein, dass Frauen nun eine viel höhere Belastung als Männer haben. Sie arbeiten in systemrelevanten Berufen, schieben dort Überstunden und stehen abends vor leeren Supermarktregalen. Sie arbeiten im Homeoffice mit Kindern und sind dort gleichzeitig noch fürs Homeschooling verantwortlich. Vielleicht nehmen sie mangels Betreuungsmöglichkeiten Minusstunden in Kauf, die sie nacharbeiten müssen. Die Ungleichheiten, die es schon zu Normalzeiten gibt, könnten sich nun massiv verschärfen. Aber empirisch können wir das nicht unterfüttern, weshalb wir dazu gerade eine Onlineumfrage gestartet haben.

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Glauben Sie, dass durch die Krise nun sichtbarer wird, wie viel Arbeit Frauen leisten?

Wenn man versucht, dieser Krise etwas Positives abzugewinnen, ja. Die Arbeit von Frauen sowohl in der Pflege als auch in den Dienstleistungsberufen wird plötzlich sichtbarer – was zu mehr Wertschätzung führen könnte. Ähnlich sieht es bei der Doppelbelastung aus Familie und Erwerbsarbeit aus. Männer, die nun unfreiwillig zu Hause sind, sehen schließlich, wie anstrengend es sein kann, die Kinder zu Hause zu haben – und zugleich noch im Homeoffice arbeiten zu müssen.

Im Ersten Weltkrieg arbeiteten mehr Frauen als je zuvor – wenig später kam das Wahlrecht für sie. Auch der Mythos Trümmerfrauen hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Können Krisen zu dauerhaften Veränderungen führen?

Ich bin da nur verhalten optimistisch. Bei den Trümmerfrauen sieht man, dass es zwar viel Lob und Anerkennung gab. Aber als der Krieg vorbei und die Männer wieder von der Front zurückgekehrt waren, hat es in puncto Gleichstellung keine großen Verbesserungen gegeben. Deshalb wäre es für Frauen nach der Krise wichtig, das Momentum zu nutzen. Sonst sind Arbeit und Doppelbelastung wieder vergessen, wenn sich die Wogen glätten.

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