So stemmen sich Kaufhäuser in Paris und London gegen die Krise

  • Überall in Europa verlieren Kaufhäuser an Kundschaft. Traditionsunternehmen suchen nach Konzepten.
  • In Paris sollen sich Kunden wie im siebten Himmel fühlen.
  • In London haben nur Luxuskaufhäuser eine Chance.
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Paris/London. Im „siebten Himmel“ sollen die Kunden wie glücklich Verliebte schweben. Und so wirkt diese Abteilung des Kaufhauses Printemps abgehoben von den sechs Etagen darunter. Hier sieht es nicht nach Einkaufszentrum ohne natürliches Licht und massenweise ausgestellter Ware aus, eher nach einem schicken Modeatelier mit viel Sonne, die durch Glasscheiben fällt, und hohen Metallstäben, die den Raum strukturieren. Auf niedrigen Tischen aus Holz liegen einzelne Accessoires aus, und überall im Raum verteilt hängen jeweils ein paar Mäntel und Blusen an schlichten Ständern. Bunte Poufs laden zum Hinsetzen ein. Der Bereich „siebter Himmel“, der Ende September eröffnet wurde, ist der Secondhandware und dem Upcycling gewidmet, also der Mode aus aussortierten Materialien, die zu neuen Produkten gestaltet wurden.

Indem es neue Trends wie jenen zu einem nachhaltigeren Konsum aufgreift, versucht das 1865 gegründete Traditionskaufhaus mit seiner charakteristischen Jugendstilglaskuppel am Boulevard Haussmann in Paris, mehr jüngeres und lokales Publikum anzuziehen. „Wir bemühen uns um ein vielfältigeres Angebot“, bestätigt die Generaldirektorin Laurence Nicolas. Deshalb gebe es neuerdings auch einen Extrabereich für Sportbekleidung, einen anderen für Spiele.

Die große Konkurrentin nebenan, die Galeries Lafayette, geht ähnliche Wege mit dem Bereich „Creative Galerie“, in der junge Designtalente ihre Entwürfe verkaufen, und „Instabrand“, wo über Instagram berühmt gewordene Marken ihren Platz finden. 60 Prozent der Verkaufsfläche seien in einem Jahr umgestaltet worden, sagte Direktor Alexandre Liot gegenüber der Zeitung „Le Figaro“. Kundinnen und Kunden will man künftig ein „Gesamterlebnis“ anbieten, indem sie nicht nur einkaufen, sondern auch essen und trinken, eine Ausstellung oder einen Yogakurs besuchen können. Auch im Warenhaus Le Bon Marché setzt man auf lokale Kundschaft, etwa mit dem Angebot von Schönheits- und Schminktipps oder Aktionen wie der Begegnung mit Modeschöpfern.

Corona hat die Shoppinginstitutionen zur Umkehr gezwungen

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Die Corona-Pandemie hat die Pariser Shoppinginstitutionen zu einem Umdenken gezwungen. Sie litten nicht nur durch monatelange Schließungen, sondern auch durch den Einbruch des Tourismus – kam doch vor der Krise die Hälfte der Gäste aus dem Ausland, sehr viele von ihnen aus China. Die Pulks an Asiaten, die sich früher am Boulevard Haussmann tummelten, sind seit Langem verschwunden und Tourismusexperten zufolge werden die Chinesen nicht vor 2023 in größerer Zahl wieder in die französische Hauptstadt reisen. Gerade für die Galeries Lafayette zieht das massive Verluste nach sich. 2017 gab dort laut Tourismusamt jede Besucherin und jeder Besucher aus China im Schnitt 1400 Euro aus, um sich mit Luxusartikeln einzudecken, auf die mitunter lange hin gespart wurde.

Um weniger von ausländischen Touristen abhängig zu sein, bietet man nicht mehr nur Luxus an – genau das ist auch im erst im Juni wieder eröffneten Kaufhaus La Samaritaine zu beobachten. Hier finden sich Cafés, Restaurants und eine Geschenk­boutique. Und dort gibt es nicht nur Souvenirs.

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Welle der Kaufhauspleiten überrollt Großbritannien

Das Grauen britischer Innenstädte hat einen neuen Namen: Debenhams. Die traditionsreiche Kaufhauskette mit zuletzt 165 Filialen schloss am 15. Mai dieses Jahres ihre letzten Filialen. Geblieben sind leerstehende, teilweise riesige Gebäude in besten Lagen. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten kaum eine Stadt in Großbritannien ohne ein Debenhams-Kaufhaus. Oft waren sie in traditionsreichen Gebäuden untergebracht, aber auch kaum eine Mall kam ohne diesen Ankermieter aus. Nun ist Debenhams pleite – und hinterlässt vor allem eines: Leere.

Bereits vor Jahren hatte die Einzelhandelskette British Home Store mit ebenfalls riesigen Filialen ein ähnliches Schicksal ereilt. Viele der Läden stehen bis heute leer. Erst kürzlich folgte die Bekleidungskette Gap, zuvor bereits andere.

Viele der geschlossenen Warenhäuser stehen noch immer leer

„Großbritannien hat in den vergangenen fünf Jahren 83 Prozent seiner größten Kaufhäuser verloren“, fand der Wirtschaftsinformationsdienst CoStar Group kürzlich in einer Studie heraus. Während vor fünf Jahren noch 497 Kaufhäuser in britischen Innenstädten existierten, seien seitdem 388 geschlossen worden. Nur 79 Filialen überlebten. Fast zwei Drittel der geschlossenen Geschäfte stünden zudem bis heute leer. „Die Daten unterstreichen die Beschleunigung des Wandels im Einzelhandel in den vergangenen Jahren, den die Pandemie nur noch verschärft hat“, erklärte CoStars-Analytik-Chef Mark Stansfield der BBC.

Es sind bittere Zeiten für den britischen Einzelhandel. Erst der Brexit, dann Corona, dazu das veränderte Einkaufsverhalten, das viele Kunden schon vor der Pandemie zu Onlinehändlern trieb – die Innenstädte im Vereinigten Königreich verändern sich seit Jahren beinahe im Monatsrhythmus.

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Das Kaufhaus Harrods in London ist vor allem bei Touristen beliebt.

Auch die großen Luxuskaufhäuser leiden – doch weniger als andere. In kaum einem anderen Land sind edle Ketten derart gehäuft vertreten wie in Großbritannien. Das Aushängeschild, Harrods in London, ist eine der wichtigsten Touristenattraktionen der Stadt. Besucher nehmen lange Fahrten in Kauf, nur um einmal durch die legendäre Lebensmittelabteilung zu schlendern oder den jährlich wechselnden Weihnachtsteddybären zu kaufen.

Fortnum & Mason, ebenfalls in der britischen Hauptstadt, hat sich als Hoflieferant international einen Namen gemacht. Die hauseigenen Marmeladen, Kekse und Teesorten sind heute auch in vielen Flughafen-Tax-Free-Läden im Sortiment. Fast unbemerkt widersteht auch Harvey Nichols bislang allen Markteinschlägen – die 1831 gegründete Luxuskaufhauskette betreibt neben einem Flagship-Store in London-Knightsbridge unter anderem auch in Manchester, Hongkong und Dubai Filialen. Und auch das edle Liberty, 2010 von einem Beteiligungskonsortium übernommen, ist heute mehr Touristenattraktion als Kaufhaus: Der 1875 eröffnete Tudorbau im Londoner Westend ist Ziel vieler Designfans.

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