Skisaison in Corona-Zeiten: Zwischen gutem Winter und Komplettausfall

  • Für Skihersteller und Sportfachhändler gibt es im Winter nichts Wichtigeres als Schneefall.
  • Diesmal ist alles anders.
  • Die zweite Corona-Welle macht das Geschäft nicht planbar.
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Straubing. Gewissheiten gibt es für Skihersteller wie Völkl in diesem Corona-Winter kaum. „Der Mensch will raus in Natur und Berge“, nennt Christoph Bronder eine davon. Davon abgesehen ist der Chef des einzig verbliebenen deutschen Skiherstellers im bayerischen Straubing aber am Grübeln.

Was der Corona-Winter seiner Branche bringt, weiß auch er nicht. In alpinen Skigebieten sieht es derzeit schlecht aus. „In Deutschland, Italien, Österreich und Frankreich stehen alle Lifte still“, weiß Bronder. Auch Hotels sind dort derzeit geschlossen – vorerst bis Ende des Monats. Was dann kommt, hängt vom Pandemieverlauf ab. Darauf vertrauen, dass im Dezember die Skisaison mit ein paar Wochen Verspätung beginnt, kann derzeit niemand.

Dabei war schon die Vorsaison in den Alpen ein Tiefschlag. Erst gab es wenig Schnee. Als der dann gefallen war, fegte die Corona-Pandemie die Hänge zur Halbzeit der Saison leer und der österreichische Skiort Ischgl kam als paneuropäische Corona-Virenschleuder zu fataler Berühmtheit. 25 bis 30 Prozent Absatzrückgang habe die Vorsaison in den Alpenländern gebracht, schätzt Bronder.

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700.000 Paar Skier fehlen dem Markt

Konkurrent Fischer und andere Hersteller aus Österreich bestätigen das. Rund 700.000 Paar Skier würden dem Markt dieses Jahr wohl fehlen. Etwa 3,5 Millionen Paar werden normal per annum weltweit verkauft. Für die anstehende Saison haben mehrere Hersteller erklärt, in Unkenntnis der Entwicklung vorsorglich bis zu ein Fünftel weniger Skier als sonst ausgeliefert zu haben. „Im Handel ist große Unsicherheit da“, sagt auch Stefan Herzog.

Normalerweise gehörten Skier um diese Jahreszeit in die Schaufenster der Branche, sinniert der Chef des Verbands Deutscher Sportfachhandel. Aber nun sei es bei coronabedingt drohendem Ausfall der Alpinsaison schwierig, die richtige Warengruppe zu bewerben. Sind es Fahrräder oder Laufschuhe, die im Sommer gut verkauft wurden oder doch Skier?

Geschlossene Hotels als größtes Problem

„Hotels sind die offene Flanke“, stellt Bronder klar. Bleiben die geschlossen, nutzen auch Corona-Konzepte für Skilifte nichts. Es könnte andererseits kommen wie in der Schweiz. „Dort läuft das Geschäft normal“, sagt Bronder. Die Eidgenossen haben ihre Hotels geöffnet und Skilifte anlaufen lassen. Andernorts herrscht Tristesse.

Dabei hatte der Sommer große Hoffnungen gemacht. Nach kurzem Corona-Schock haben die Deutschen vielfach Sport als Frustkiller entdeckt und Sportarten wie Stehpaddeln zum unverhofften Boom verholfen. Auch die Wintersportindustrie spekuliert mit ähnlichen Effekten.

„In Europa, den USA und in Kanada sind Schneeschuhe ausverkauft“, sagt Bronder zu diesem Nischengeschäft, das sich gerade zu mehr entwickelt. Der Völkl-Chef spekuliert zudem auf verstärkte Nachfrage nach Langlauf- und Tourenskiern. „Damit kommt man auch an die frische Luft und geht den Massen aus dem Weg“, sagt Bronder.

Aufkommen auf Pisten muss begrenzt werden

An einen möglichen Boom bei alternativem Wintersport wie Schneeschuhwandern, glaubt auch Herzog und hofft auf Schnee in tiefen Lagen. „Vielleicht wird Langlauf dann das neue Jogging“, sagt er. Bis zur zweiten Corona-Welle haben Sportfachhändler nach den guten Erfahrungen des Sommers auf gute Wintergeschäfte gehofft. „Aktuell ist deren Euphorie aber verflogen“, weiß der Bronder.

Selbst wenn Hotels wieder öffnen und Lifte laufen, würden Corona-Konzepte aber das Aufkommen auf den Pisten limitieren. Denn Gondeln, die Skifahrer auf die Berge bringen, sind ein potentieller Ansteckungsort. Einige Liftbetreiber erlauben deshalb nur noch halb so vielen Menschen einzusteigen. „Manche lassen ihre Lifte schneller fahren, um das teilweise zu kompensieren und die Fahrzeit auf unter 15 Minuten zu halten“, weiß Bronder. Letzteres ist die Zeitgrenze für corona-kritische Kontakte.

Der Winter wird noch nicht aufgegeben

„Es kann noch ein guter Winter werden“, sagt Bronder abhängig von Schneefall und dem, was Regierungen an Wintertourismus erlauben. Sollte es besser als gedacht laufen, sieht der Völkl-Chef den letzten deutschen Skihersteller sogar im Vorteil. Denn aus dem Werk in Straubing könne man im Gegensatz zur oft fernab in Asien fertigenden Konkurrenten kurzfristig nachliefern.

Denn auch das sei eine Erfahrung des Corona-Sommers, sagt Bronder. Da hätten Touristen sehr kurzfristig Urlaube gebucht, seien dann aber zahlreich in die Berge gekommen. Er habe jedenfalls Anweisung gegeben, sich in Straubing für eine verlängerte Produktionsphase bereit zu halten. Die Fabrik selbst habe man bislang frei von Corona halten können, auch wenn es knapp war. „Zwei Infizierte haben wir vor dem Tor abgefangen können“, erzählt Bronder.

Im Gegensatz zu Rivalen sei Völkl mit seinen rund 400 Beschäftigten in Straubing bislang auch ohne Stellenabbau oder Staatshilfen durch die Krise gekommen. Im Extremfall ist aber auch ein Totalausfall der Skisaison in den Alpen möglich. „Dann müssen wir neu denken“, räumt Bronder ein.

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