Unterwegs auf der Hauptversammlung: Gestörtes Klima bei Siemens

  • Siemens hat am Mittwoch zur Hauptversammlung geladen – und neben Aktionären waren auch Klimaschützer da.
  • Bei einem Teil der Anleger kamen deren Forderungen gar nicht so schlecht an, wie unser Autor in München festgestellt hat.
  • Denn tatsächlich ist nicht ganz klar, wie es mit besonders klimaschädlichen Geschäftszweigen von Siemens weitergeht.
Thomas Magenheim
|
Anzeige
Anzeige

München. An einer Stelle wird es eng für Siemens-Aktionäre. Klimaaktivisten liegen eng gedrängt am Boden. „Eure Erde, eure Zukunft“, skandieren sie. Andere halten Plakate hoch. „Stoppt die größte Kohlemine der Welt“, steht auf einem, „Australien brennt“ auf anderen. Siemens geht das an, weil der Konzern für die kritisierte Mine in Australien Signaltechnik für den zugehörigen Kohlezug liefert. Die meisten Anteilseigner sind wenig beeindruckt. „Ihr solltet besser in die Schule gehen“, rät ein älterer Herr den rund 300 meist jugendlichen Demonstranten. Auf ein angebotenes Gespräch über den „Brandbeschleuniger Siemens“ lässt er sich nicht ein.

Draußen vor der Olympiahalle als Veranstaltungsort der Hauptversammlung bleiben die Welten getrennt – und drinnen sieht es kaum anders aus: Es sei grotesk, dass Siemens zur Zielscheibe von Klimaprotesten geworden ist, findet Konzernchef Joe Kaeser. Immerhin habe Siemens als erster Industriekonzern der Welt schon vor fünf Jahren verkündet, bis 2030 in den eigenen Werken weltweit klimaneutral fertigen zu wollen, und die Emissionen des Klimakillers Kohlendioxid (CO₂) seit 2014 halbiert. Allerdings hat der Konzern Ende 2019 auch den Vertrag für die Kohlemine in Australien an Land gezogen.

Das sehen nicht nur Klimaaktivisten kritisch: Nachhaltigkeit zu predigen und dann einen im negativen Sinn klimarelevanten Vertrag zu unterschreiben, passt nicht zusammen, findet eine Aktionärsschützerin gleich als erste Rednerin. „Das bringt einen erheblichen Reputationsschaden, Sie haben unnötig gepatzt“, bescheinigt sie Kaeser. In diesem Stil geht es weiter. Eine Liste von mehr als 50 Rednern signalisiert einigen Gesprächsbedarf.

Video
Siemens-Chef Kaeser will Klima schützen – und kritisiert Klimaaktivisten
1:51 min
Siemens-Konzernchef Joe Kaeser kündigte Investitionen in den Klimaschutz an und übte zugleich Kritik an Fridays for Future.  © Thomas Magenheim/AFP

Auch Fondsmanager reden Kaeser ins Gewissen

„Klimawandel hat auch am Kapitalmarkt einen immer höheren Stellenwert“, redet ein Fondsmanager dem Siemens-Management ins Gewissen. Den Vertrag für die Kohlemine zu unterzeichnen sei ein Fehler gewesen. Nachdem er aber unseligerweise geschlossen worden ist, wäre es ein weiterer Fehler gewesen, ihn wieder zu kündigen. Zumindest darin sind sich Management und das Gros der Aktionäre einig.

Anzeige
Siemens muss sich mittlerweile international Kritik von Klimaschützern anhören – hier in London. © Quelle: imago images/ZUMA Press

Klimaaktivisten sehen das anders. „Siemens muss aus dem Vertrag aussteigen und notfalls auch Vertragsstrafe zahlen“, findet Lara Eckstein von der Bürgerbewegung Campact. Weil Siemens dabei einen Vertrag mit unlimitierter Haftung unterzeichnet hat, könnten sich diese Strafen auf Milliarden aufsummieren, hält Kaeser entgegen. Dann schlägt er versöhnliche Töne an.

Anzeige

Kaeser will die Klimawende

„Als eine der wahrscheinlich letzten Managementgenerationen können wir noch rechtzeitig für eine Wende in der Klimafrage sorgen“, sagt Kaeser im Stil eines Klimaretters und kündigt Taten an. Eine Milliarde Euro werde Siemens bis 2025 in Klimaschutztechnik wie grünen Wasserstoff stecken. Gut eine weitere Milliarde Euro lassen sich die Münchner den Zukauf von 8 Prozent am Windkraftkonzern Siemens Gamesa kosten. Das stockt den eigenen Anteil auf gut zwei Drittel auf, was ein Schritt in die unmittelbare Zukunft ist.

Denn Siemens Gamesa wird in die neue Konzernabspaltung Siemens Energy integriert, die Kaeser unvermindert im September an die Börse bringen will. Das ist nicht nur klimatologisch heikel. Siemens Energy besteht zu zwei Dritteln aus Geschäften mit fossilen Energien von Kohle über Öl bis Gas. „Das ist ein Auslaufmodell“, findet eine Fondsmanagerin.

Anzeige

Die Marge von Siemens Energy schmilzt dahin

Eine im jüngsten Geschäftsquartal von ohnehin mageren 3,8 Prozent auf noch kümmerlichere 1,4 Prozent gesunkene Gewinnmarge für das Siemens-Geschäft mit Technik für Kohle- und Gastkraftwerke dokumentiert das. Die Minirendite ist aber immer noch besser als die 165 Millionen Euro Quartalsverlust im Windkraftgeschäft von Siemens Gamesa. Immerhin machen dort hohe Auftragseingänge etwas Hoffnung.

Einfach wird es für Siemens Energy aber fraglos nicht. Klimaaktivisten drängen zum Ausstieg aus fossilen Energiegeschäften. Kaeser weiß, dass die Abspaltung im Brennpunkt aller Klimadebatten steht. Managen muss das demnächst Siemens-Energy-Chef Michael Sen. Mutterkonzern Siemens und Boss Kaeser delegieren das Problem per Ausgliederung.

Im Juli sollen Entscheidungen fallen

Ein Aktionär versucht zu vermitteln. „Fossile Kraftwerkstechnik ist nicht anrüchig, solange sie nachweisbar CO₂-Emissionen reduziert“, argumentiert er. Wenn das Beste nicht sofort zu erreichen sei, dann müsse man eben das Machbare umsetzen. Ob diese Sicht Siemens auch vom Klimapranger der Aktivisten befreit, wird die nahe Zukunft zeigen.

Anfang Juli lädt der Konzern zur außerordentlichen Hauptversammlung, die über Abspaltung und Börsengang von Siemens Energy befinden soll. Dort geht es dann um ein Geschäftsmodell, das sich hauptsächlich um fossile Energien dreht und nicht nur um eine kleine Zulieferung für eine große Kohlemine. Die Zeit bis dahin könnte man für einen konstruktiven Dialog zwischen Managern und Klimaaktivisten nutzen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen