Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Misere eskaliert

Ein fast perfekter Sturm für Siemens Energy

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) steht mit Christian Bruch (r), Vorstandsvorsitzender von Siemens Energy vor der Gasturbine des Anstoßes.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) steht mit Christian Bruch (r), Vorstandsvorsitzender von Siemens Energy vor der Gasturbine des Anstoßes.

München. Immer, wenn man glaubt, es kann nicht mehr schlimmer kommen, beweist der Energietechnikriese Siemens Energy das Gegenteil. Gut eine halbe Milliarde Euro Verlust hat allein das jüngste Quartal von April bis Juni gebracht. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahrs 2021/22 (zum 30. September) haben sich rote Zahlen von über einer Milliarde Euro aufgetürmt. „Es gab Schattenseiten mit dem Rückzug aus Russland und unserem Windkraftgeschäft bei Siemens Gamesa“, beschreibt Konzernchef Christian Bruch die ausufernde Misere noch dezent. Die spanische Windkrafttochter Siemens Gamesa wird mit stetig steigenden Horrorverlusten zum Fass ohne Boden. Ein Marktrückzug aus Russland in Folge des Ukraine-Kriegs kostet weitere 200 Millionen Euro. Das ist noch nicht alles.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Denn im Fokus der Weltpolitik steht Siemens Energy durch eine Gasturbine für die Pipeline Nord Stream 1, die der Konzern soeben für den russischen Staatskonzern Gazprom im Zuge einer Ausnahmegenehmigung gewartet hat. Mit ihrem Fehlen begründet Russland die stark gedrosselten Gaslieferungen nach Europa. „Die Turbine ist immer noch in Deutschland“, bedauert Bruch. Es fehlten weiterhin Importpapiere aus Russland. Das dortige Regime macht indessen die deutsche Seite verantwortlich. Bundeskanzler Olaf Scholz hatte dieser Darstellung jüngst klar widersprochen. Wenn die Turbine jemand in Russland haben wolle, sei sie schnell da, betonte der Kanzler. Bruch unterstreicht das.

Scholz: Gas-Turbine kann jederzeit geliefert werden – indirekter Vorwurf an Russland

Bundeskanzler Olaf Scholz hat Russland indirekt vorgeworfen, Vorwände für die ausbleibenden Gaslieferungen zu nutzen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Da die russische Seite aber derzeit mit allen Methoden arbeitet, ist nicht auszuschließen, dass sie Siemens Energy für das Ausbleiben der Turbine in Haftung nimmt. Die Verträge mit Gazprom gäben das nicht her, versichert Bruch. Um Fakten schert sich Russland dieser Tage allerdings selten. Ob das Kapitel Russland für Siemens Energy bis Ende 2021/22 beendet ist, wie Bruch es hofft, bleibt abzuwarten. Dazu kommt, dass mit dem Konflikt zwischen den USA und China um Taiwan ein neuer Konfliktherd erwächst. In Taiwan ist Siemens Energy vor allem im Windkraftgeschäft vertreten. „Wenn das eskaliert, wird es deutlich kritischer als Russland und die Ukraine“, sagt Bruch zum Damoklesschwert über Taiwan.

Auch so sind die Aussichten für sein Haus alles andere als rosig. „Das wird langwierig und Jahre dauern, bis wir bei der Profitabilität da sind, wo wir sein wollen“, sagt Bruch zum Sanierungsfall Siemens Gamesa. Um dort durchgreifen zu können, will Siemens Energy die Windkrafttochter, an der man zwei Drittel hält, nun vollständig übernehmen und von der spanischen Börse nehmen, was bis zu vier Milliarden Euro kosten könnte. Beim Sorgenkind droht dem Vernehmen nach zudem der Abbau von bis zu 2500 Stellen.

Hausgemachte Probleme bei Siemens Gamesa

Hersteller von Windkraftanlagen kämpfen derzeit zwar weltweit, weil Lieferketten reißen und Herstellungskosten explodieren. Aber bei Siemens Gamesa kommen hausgemachte Probleme mit einer Turbine für Windparks an Land dazu. Prognosen wurden zuletzt in Serie nach unten korrigiert und das Management in Spanien ausgetauscht.

Hoffnungsschimmer bei Siemens Energy ist derzeit neben der Energieübertragung das zum Auslaufmodell erklärte Geschäft mit Gaskraftwerken, das gemessen am Umfeld beeindruckend profitabel arbeitet. Der Auftragseingang ist mit einem Plus von 60 Prozent im jüngsten Quartal über alle Geschäfte hinweg intakt. Weil zumindest bei Windkraftanlagen damit in der Vergangenheit regelmäßig Verlustaufträge verbunden waren, ist ein aktueller Rekordauftragsbestand von 93 Milliarden Euro jedoch keine ausschließlich gute Nachricht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Frage ist auch, wie schnell man Aufträge bei maroder Lieferketten abarbeiten kann. Deshalb schrumpfen im laufenden Geschäftsjahr trotz voller Auftragsbücher wohl auch die Umsätze von Siemens Gamesa um fast ein Zehntel. Speziell am Heimatmarkt Deutschland scheitert es zudem an Bürokratie und Politik. „Für eine Stromtrasse durch Deutschland brauchen wir bislang bis zu 10.000 Einzelgenehmigungen, was sieben bis zehn Jahre dauert“, stellt Bruch klar. Bei einer Netzlänge von 7500 Kilometern, die hier zu Lande modernisiert oder neu gebaut werden muss, bremse das die Energiewende massiv.

Mehr aus Wirtschaft

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen