Siemens Energy beginnt den Kohleausstieg

  • Siemens Energy will keine neuen Aufträge für Kohlekraftwerke mehr annehmen.
  • Bestehende Verträge werden abgearbeitet, heißt es allerdings seitens des Unternehmens.
  • Was das für die Beschäftigten bei der Siemens-Abspaltung heißt, ist offen.
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Siemens Energy will sich ab sofort nicht mehr an der Ausschreibung reiner Kohlekraftwerke neu beteiligen. „Es ist kein kompletter Ausstieg“, stellte Konzernchef Christian Bruch zur ersten Bilanzvorlage der Siemens-Abspaltung klar. Mehr als einen kleinen Schritt kommt das seit Ende September börsennotierte Unternehmen kritischen Klimaaktivisten und Umweltorganisationen aber nicht entgegen. Die haben dessen klimaschädliche Geschäfte zuletzt vielfach an den Pranger gestellt.

Bestehende Kohleaufträge will der in Berlin ansässige Konzern aber ebenso abarbeiten, wie Bieterverfahren fortführen, wo man schon ein Angebot abgegeben hat. So bleibe Siemens Energy bei einem umstrittenen Kohlekraftwerksprojekt in Indonesien dabei, stellte Bruch klar. Weitergeführt würden auch Wartung und Service bestehender Kohlekraftwerke. Zudem werde Siemens Energy auch weiter Aufträge für Projekte annehmen, die unter anderem eine Kohlekomponente enthalten, was bei Anlagen zur Kraft-Wärme-Koppelung der Fall sein könnte.

Man verzichte jährlich effektiv nur auf Kohle-Umsätze im prozentual einstelligen Bereich, räumte Bruch ein. Ob das Folgen für das Personal hat, wollte er nicht sagen. Erst nach mehreren Nachfragen räumte er ein, dass im vom Ausstieg betroffenen Geschäft „einige Hundert“ Beschäftigte arbeiten. Bei insgesamt gut 90.000 Mitarbeitern weltweit signalisiert das einen sehr überschaubaren Effekt der jetzigen Ausstiegsankündigungen.

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Siemens Energy schreibt tiefrote Zahlen

Zur Wahrheit gehört auch, dass sich Siemens Energy größere Einschnitte zum Klimaschutz derzeit kaum leisten kann. Die erste nach der Abspaltung vom Mutterkonzern vorgelegte Bilanz ist tiefrot gefärbt. Unter dem Strich stehen knapp 1,9 Milliarden Euro Verlust für das am 30. September abgelaufene Geschäftsjahr 2019/20, was gleich zum Börsenstart Dividendenausfall nach sich zieht.

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Das Jahr zuvor gab es rechnerisch unter dem Dach von Siemens noch 282 Millionen Euro Jahresüberschuss. Tief in die Verlustzone gerissen wurde der Sanierungsfall Siemens Energy durch allein fast eine Milliarde Euro Wertberichtigung wegen der Aufgabe einer bestimmten Sorte von Gasturbinen, für die es keine Nachfrage mehr gibt, sowie durch Sanierungskosten im Umfang von 376 Millionen Euro. Dazu kommen 195 Millionen Euro Sonderkosten für den jüngsten Börsengang.

Coronavirus bringt Unsicherheiten mit sich

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Auch operativ sind die Geschäfte leicht defizitär. Der Konzernumsatz ist um 5 Prozent auf 27,5 Milliarden Euro gesunken. Die jüngste Entwicklung zeigt zudem nicht gerade nach oben. Während Siemens Energy im gesamten Geschäftsjahr 2019/20 den Auftragseingang noch um ein Prozent auf 34 Milliarden Euro steigern konnte, brachen Neubestellungen im Schlussquartal zwischen Juli und September um ein Viertel auf 7 Milliarden Euro ein.

Dennoch glaubt Bruch im laufenden Geschäftsjahr die Umsätze um 2 bis 12 Prozent erhöhen zu können. Die große Spanne ist auf Unsicherheiten in Zeiten von Corona zurückzuführen. Erreichen will Siemens Energy 2020/21 auch eine operative Gewinnmarge zwischen drei und fünf Prozent. Nicht eingerechnet sind dabei aber Sonderkosten etwa für Stellenabbau oder die Wertberichtigung aussortierter Geschäfte. Deshalb wollte Bruch nicht ausschließen, dass unter dem Strich im laufenden Geschäftsjahr erneut ein Milliardenverlust stehen könnte. Eine Prognose auf dieser Basis werde es bis 2023 nicht geben.

Siemens Energy setzt weiter auf Erdgas

In dieser Zeit will der erst seit einem halben Jahr für das Krisenunternehmen tätige Manager radikal Kosten sparen, um danach dauerhaft in die Gewinnzone zu kommen. Das könnte viele Jobs kosten und ganze Standorte gefährden, wobei aus früheren Sparprogrammen aktuell noch Abbaurunden laufen. Man werde mit Betriebsrat und IG Metall in den nächsten Monaten Gespräche zum Kostenabbau führen und das Portfolio wo nötig weiter beschneiden, erklärte Bruch.

Erste Entscheidungen sind in Frankreich und Norwegen gefallen. Dort wird je ein Werk geschlossen. Gutes verheißt das auch für deutsche Standorte nicht, zumal die Pandemie einen technologischen Umbau mit verstärkter Ausrichtung auf erneuerbare Energien nicht leichter macht. Die Welt und Siemens Energy werden auf alle Fälle Erdgas als Übergangstechnologie noch auf viele Jahre benötigen, stellte Bruch dazu klar. In Kanada habe Siemens Energy gerade einen großen Auftrag zum Wechsel von Kohle- zur Gasverstromung gewonnen. Das sei eine Blaupause für die Energiewende auch anderswo.

Klimaschützer dagegen kritisieren auch Erdgas als Klimakiller. Siemens Energy sieht Gas als kleineres Übel und verweist auf den mit 40 Prozent noch dominierenden Anteil von Kohle an der Weltstromerzeugung. “Wir haben keine Planung, aus Erdgas auszusteigen”, stellt Bruch klar.

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