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Die militärische Großmacht Russland ist wirtschaftlich nur Mittelklasse

Anlage zur Erdgasverflüssigung in Murmansk: Wenn von Russlands Wirtschaft die Rede ist, geht es meist zuerst um Rohstoffe wie Gas, Öl und Kohle.

Anlage zur Erdgasverflüssigung in Murmansk: Wenn von Russlands Wirtschaft die Rede ist, geht es meist zuerst um Rohstoffe wie Gas, Öl und Kohle.

Berlin. Russland, das größte Flächenland der Erde, steht im Ranking der größten Volkswirtschaften der Welt aktuell nur auf Platz zwölf – Kopf an Kopf mit Brasilien. Und die Militärmacht mit dem größten Arsenal an Atomsprengköpfen und rund 145 Millionen Einwohnern wird sich von diesem Platz so schnell auch nicht wegbewegen. Das britische Centre for Economics and Business Research (CEBR) kommt in seiner jährlich erarbeiteten Weltrangliste der Volkswirtschaften Ende 2021 zu der Prognose, dass Russland bis 2036, also in 15 Jahren, in die Top Ten aufsteigen wird – wohl auf den letzten Rang.

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Die CEBR-Forscher prognostizieren, dass die russische Wirtschaft bis 2025 jährlich etwa 2,4 Prozent wachsen wird, danach bis 2035 nur noch 1,6 Prozent. Das reicht nicht aus, um die ersten fünf mit USA, China, Japan, Deutschland und Großbritannien ins Visier zu nehmen. Im Gegenteil: „Russland befindet sich in einer Phase der langfristigen Stagnation“, konstatiert der Wirtschafts­wissenschaftler Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Er führt das auf anhaltend schlechte Rahmenbedingungen zurück, die trotz der Größe und der Ressourcen des Landes keine besseren Ergebnisse erlauben. In Russland herrscht durch Geburtenrückgang und Abwanderung ein Arbeitskräftemangel, der wegen schlechter Bezahlung oder unzureichender Qualifikation auch nicht mehr durch Arbeitsmigranten aus Zentralasien oder dem Südkaukasus wettgemacht werden kann. Die Zahl der Russinnen und Russen im erwerbsfähigen Alter ist von 85,4 Millionen im Jahr 2015 auf 81,3 Millionen im Jahr 2019 zurückgegangen.

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Als zweites großes Problem sieht Kluge die einseitige Orientierung der Wirtschaft auf Rohstoffe wie Gas, Öl und Kohle. „Durch die staatlich gesteuerte Dominanz der Kohlenwasserstoff­industrie wird die Entwicklung anderer zukunftsorientierter Branchen behindert“, sagt der Wirtschafts­wissenschaftler, zu dessen Forschungs­schwerpunkten Russland zählt. Die Rohstoffindustrie sauge mit ihren Lohnangeboten qualifizierte Arbeitskräfte ab und stärke den Rubel, was es anderen Branchen erschwere, auf billigere Importe zu reagieren oder mit Exporten auf ausländische Märkte zu drängen.

Verflechtung von Staat und Wirtschaft hat zugenommen

Experten sprechen in diesem Zusammenhang von der „holländischen Krankheit“, die in der Volkswirtschaftslehre die negativen Auswirkungen eines Booms des Rohstoffsektors auf den produzierenden Sektor beschreibt. Doch nicht nur das schadet Russland, sondern nach Kluges Worten auch die Unfähigkeit, in der Wirtschaftspolitik umzusteuern.

In den letzten zehn Jahren habe der Staat kein einziges der in seinem Besitz befindlichen Unternehmen privatisiert, um etwa eine höhere Konkurrenzfähigkeit zu befördern. Im Gegenteil: Die Verflechtung von Wirtschaft und Staat hat zugenommen, was sich auch darin zeigt, dass die Bosse aller großen Staatskonzerne seit 30 Jahren zum persönlichen Umfeld von Präsident Wladimir Putin gehören. Als Beispiele nennt Kluge nur Igor Setschin, Chef des Ölriesen Rosneft, oder Alexej Miller, Chef des Erdgasriesen Gazprom.

Die Größe und die Dominanz der Kohlenwasserstoff­industrie führt auch zu einer Monopolisierung. Aufwachsende Konkurrenten auch in anderen Branchen werden klein gehalten, aufgekauft oder plattgemacht. Dennoch bewegt sich etwas, so gibt es etwa einen stark aufstrebenden IT-Sektor.

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Ein Vorzeigebeispiel ist der von der Unternehmerin Tatjana Bakaltschuk 2004 gegründete Onlinemarktplatz Wildberries, der inzwischen in 19 Ländern, darunter auch Deutschland, mit allen möglichen Waren präsent ist und 53.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Aber solche Leuchttürme reichen nicht aus, die Grundstruktur der russischen Wirtschaft nachhaltig zu verändern.

Zurückhaltung bei Investitionen

Zu den strukturellen Schwächen zählt Kluge ein unzuverlässiges Justizsystem, weit verbreitete Korruption, allgegenwärtige Bürokratie und auch Unsicherheit über Eigentumsrechte. Das alles wiederum führt auch zur Zurückhaltung bei Investitionen. „Vermögende Russen investieren lieber im Ausland als in Russland selbst“, hat der Wirtschafts­wissenschaftler beobachtet.

Zwar hat es im vergangenen Jahr nach Berechnungen der Zeitung „Kommersant“ erstmals seit 2016 wieder einen positiven Saldo an Zufluss von Auslandskapital in Aktien russischer Unternehmen von 1,5 Milliarden Dollar gegeben. Aber allein in den drei letzten Dezemberwochen haben ausländische Investoren 700 Millionen Dollar aus russischen Aktien abgezogen, was nicht zuletzt mit der massiven Zuspitzung des Ukraine-Russland-Konflikts zusammenhängen dürfte.

Scholz zu Russland und Ukraine: Lage sehr, sehr ernst

Während seines Antrittsbesuches beim spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez sprach Scholz mit Blick auf die Pandemie auch über den Wiederaufbau in Europa.

Alles in allem lässt sich nach Kluges Einschätzung sagen, dass die militärische Weltmacht Russland im wirtschaftlichen Vergleich noch lange Zeit nicht nur den Top 5, sondern auch Indien, Italien, Frankreich oder Kanada den Vortritt auf der Weltrangliste lassen muss.

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Die Experten vom britischen Institut CEBR gehen übrigens davon aus, dass China schon 2028 die USA vom Platz eins der größten Volkswirtschaften verdrängen wird. China hat im Vergleich mit Russland ein viel größeres Wirtschaftssystem, einen viel größeren Markt und mit aktuell 1,4 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohnern auch ein viel größeres Arbeitskräfte­potenzial.

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