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Rügenwalder Mühle: Umsatzplus von 22 Prozent – vor allem durch fleischlose Produkte

  • Die Geschäftszahlen des Familienunternehmens Rügenwalder Mühle zeigen, dass vegane oder vegetarische Fleischalternativen längst kein Nischenprodukt mehr sind.
  • Doch mit großer Nachfrage kommen auch große Herausforderungen.
  • Die Konkurrenz wächst – der Soja bleibt knapp.
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Frankfurt am Main. Wer die Website der Rügenwalder Mühle aufruft, wird sofort mit einem Appetitmacher beglückt: „Bunt gefüllte Tacos mit veganem Hack“. Das Rezept dafür kann sich der Nutzer ebenda herunterladen. Das niedersächsische Familienunternehmen – Teewurst aus Schweinefleisch machte es einst berühmt – setzt auf pflanzliche Proteine und profitiert dabei von einem Megatrend. Doch nun stößt der Betrieb an seine Grenzen.

Die gerade veröffentlichen Geschäftszahlen für das Jahr 2020 sind beeindruckend. Die Geschäftsführung meldet ein Umsatzplus von 22 Prozent auf rund 234 Millionen Euro. Während die Geschäfte mit tierischen Produkten nur moderat zulegten, wurden die Erlöse in der Sparte für Veganes und Vegetarisches um fast drei Viertel gesteigert.

Nach Greta-Effekt kommt der Corona-Effekt

Trotz Corona? Nein, wegen Corona. Die steigende Nachfrage nach dem Fleischersatz sei die Folge eines bewussteren Konsumverhaltens. Dies habe sich nun noch einmal beschleunigt: „Die Menschen kochen in der Pandemie verstärkt selbst und beschäftigten sich dadurch sehr viel mehr mit dem Thema Ernährung. Sie möchten sich lecker, aber auch bewusster ernähren. Nach dem Greta-Effekt profitieren wir nun vom Corona-Effekt“, sagte Unternehmenssprecherin Claudia Hauschild dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Zahlreiche Studien gehen davon aus, dass der Markt für Pseudo-Fleisch und -Wurst in den nächsten Jahren steile Steigerungsraten hinlegen wird. Laut der Unternehmensberatung AT Kearney werden die weltweiten Umsätze bis 2040 auf 450 Milliarden Dollar klettern. Das entspricht ungefähr einer Verzehnfachung im Vergleich zu heute.

Dabei war 2020 schon ein Jahr mit enormem Wachstum. Maßgeblich daran beteiligt waren US-Start-up-Firmen wie Beyond Meat und Impossible Foods, die mit enormen Mengen an Risikokapital gefüttert wurden und damit die Märkte erschlossen haben – nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Bei großen Burgerbratern wie McDonald’s und Burger King etwa sind die McPlants und Ähnliches auch hierzulande längst eine Selbstverständlichkeit.

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Fleischlose Optionen längst keine Nische mehr

Die Geschäftsführung der Rügenwalder Mühle hatte den richtigen Riecher und setzte rechtzeitig auf Veganes und Vegetarisches, was mittlerweile 29 verschiedene Produkte ausmacht. Das Sortiment mit Tierischem kommt auf 22 Artikel – die Teewurst ist immer noch dabei. Zwar soll auch künftig zweigleisig weitergefahren werden.

Doch das Unternehmen aus Bad Zwischenahn (Landkreis Ammerland) rechnet auch für dieses Jahr mit einem rasanten Wachstum in der alternativen Sparte: „Alles deutet darauf hin, dass eine vegane und vegetarische Ernährungsweise keine Eintagsfliege ist, sondern längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist“, erläutert Hauschild. Überall, wo es Produkte aus Schweine- oder Rindfleisch gebe, werde es künftig auch dieselben Produkte aus Pflanzen geben.

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Die wichtigste Zielgruppe seien die sogenannten Flexitarier. Das sind Menschen, die sich überwiegend vegetarisch ernähren, aber gelegentlich Fleisch nicht verschmähen, wobei es in der Regel Bioqualität haben muss. Laut Hauschild zählen zu dieser Gruppe insbesondere jüngere Frauen und generell Leute mit hohen Bildungsabschlüssen. Darin liegen unternehmerische Chancen: Denn die Kundschaft ist bereit, höhere Preise zu zahlen, wenn man von der Qualität überzeugt ist.

Start-ups und Lebensmittelkonzerne sorgen für viel Konkurrenz

Die Rügenwalder Mühle hat sich in diesem Geschäft hierzulande einen Spitzenplatz erarbeitet – mit einem Marktanteil von 40 Prozent nach eigenen Angaben, das ist weit entfernt von den nächsten Konkurrenten. Doch die Niedersachsen haben keine Zeit, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Die Konkurrenz wird härter. So will das US-Start-up Beyond Meat in Europa angreifen. Das Unternehmen bringt es bereits auf einen Börsenwert von rund 8,3 Milliarden Dollar, macht zwar keine Gewinne, doch die Investoren fordern vor allem mehr Marktmacht.

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Zudem haben große Lebensmittelkonzerne ihre eigenen veganen/vegetarischen Marken. Bei Unilever heißt sie The Vegetarian Butcher und bei Nestlé Garden Gourmet. In den USA und Großbritannien werden in den Medien fleischfreie Metzgereien gefeiert, die sich in den noblen Einkaufsstraßen gerade breitmachen. Hinzu kommt, dass Supermarktketten den Trend erkannt haben. In den USA haben deren Eigenmarken bereits viele Meter in den Kühlregalen okkupiert. Nach Einschätzung von Marktforschern dürfte das auch bald deutlich bei Rewe und Edeka, Lidl und Aldi erkennbar werden.

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Große Nachfrage bringt „große Herausforderungen“

Die Rügenwalder Mühle muss mitwachsen, um mithalten zu können. Was derzeit gar nicht so einfach ist. Die große Nachfrage stelle das Unternehmen „kapazitär gerade vor große Herausforderungen“, so Hauschild. Es werde in Forschung und Entwicklung, in neue Mitarbeiter, in Lager- und Produktionskapazitäten am Firmensitz investiert. „Zusätzlich prüfen wir Möglichkeiten abseits der eigenen Anlagen sowie die Übernahme anderer Standorte“, erläutert die Sprecherin.

Und sie fügt hinzu: „Dennoch ist und bleibt die Rügenwalder Mühle ein unabhängiges Familienunternehmen.“ Der Hintergrund: Natürlich machen Spekulationen die Runde, dass der Traditionsbetrieb von einem größeren Rivalen geschluckt werden könnte. Schließlich sind die Investitionen kostspielig, im vorigen Jahr wurden 13,5 Millionen Euro lockergemacht. Das hat den Gewinn gedrückt, zu dem die Geschäftsführung keine konkreten Angaben macht.

Engpässe bei Rohstoffen – Regionalität ist gefordert

Das zweite Problem: Der Veggie-Boom führt auch bei den Rohstoffen zunehmend zu Engpässen. Der Verkaufshit Mühlen-Hack wird vor allem aus Sojabohnen und Rapsöl produziert. Auch Erbsen, Weizen und Kartoffeln werden für die Fleisch- und Wurstersatzherstellung benötigt. Die Preise steigen. Und zudem drohen Reputationsprobleme.

Große Monokulturen mit Ackerfrüchten sind wegen Dünger- und Pestizideinsatz umstritten. Der Sojaanbau in Südamerika ist für die Abholzung des Regenwaldes verantwortlich. Ziel sei, die besten Zutaten so regional und nachhaltig wie möglich zu beschaffen, betonte denn auch Hauschild. Die Hälfte des Sojas komme bereits aus Südosteuropa, die Erbsen aus Frankreich und die Kartoffeln aus Deutschland und den Niederlanden. Die Rügenwalder experimentieren zudem bereits mit heimischem Soja.

Rügenwalder will eigene Ökobilanz herausfinden

Unbestritten und in vielen Studien nachgewiesen sind indes die ökologischen Vorteile der pflanzlichen Zutaten gegenüber tierischen. Eine viel zitierte Studie der französischen Agentur für den ökologische Umbau (Ademe) hat nachgewiesen, dass eine vegetarische Ernährung im Vergleich zu einer fleischbasierten die Treibgasemissionen um die Hälfte und den Energieverbrauch um gut ein Viertel reduziert. Das Management der Rügenwalder Mühle jedenfalls will’s nun genau wissen. Und hat beim Ökoinstitut Ökobilanzen für die Produkte mit und ohne Fleisch in Auftrag gegeben.

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