Lebensmittel: Warum gibt es aktuell so viele Rückrufe?

  • Immer wieder kommt es in letzter Zeit zu Rückrufaktionen von Lebensmitteln.
  • Oft sind Hygiene-Mängel die Ursache. Kann das Zufall sein?
  • Verbraucherschützer sind skeptisch - und fordern mehr Kontrollen.
Fabian Hartmann
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Hannover. Die Produktion steht still. Das Unternehmen hat vorläufige Insolvenz angemeldet. Der Listerien-Skandal hat den hessischen Wursthersteller Wilke schwer getroffen. Wiederholt tauchten Bakterien in der Wurst des Unternehmens auf. Mit möglicherweise fatalen Folgen: Die Staatsanwaltschaft prüft, ob 37 Todes- und Krankheitsfälle in unmittelbaren Zusammenhang damit stehen. 26 Länder sind inzwischen vom Rückruf der Produkte betroffen.

Ein Einzelfall?

Die Hygiene-Mängel bei Wilke sind seit Jahren bekannt. Passiert ist außer Bußgeldern und Auflagen aber lange – nichts. Erst jetzt haben die Behörden den Laden geschlossen. Wilke ist in seinen Ausmaßen besonders, doch auch andere Unternehmen scheinen oftmals nicht so genau hinzuschauen. Rund 95 Rückrufe für Lebensmittel verzeichnete die Website Lebensmittelwarnung.de in diesem Jahr. Erst Anfang November wurde ein weiterer großer Fall bekannt. Die Firma Fleisch-Krone Feinkost rief Fertigfrikadellen – hergestellt für die Supermarktketten Rewe und Norma – zurück. Auch hier der Verdacht: Listerien.

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Experten wundern die jüngsten Rückrufe nicht. „Offizielle Statistiken zeigen, dass Listerien im Vormarsch sind", sagte Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Die Erreger stecken im Kot von Menschen und Tieren, für Gesunde sind sie nicht gefährlich. Fatale Folgen können aber bei Menschen mit schwachem Immunsystem und bei Schwangeren eintreten.

Führt Kostendruck zu schlampigen Kontrollen?

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Dass die Bakterien plötzlich in Lebensmitteln auftauchen, ist ein Zeichen, dass bei der Hygiene geschlampt wurde. Auch Verbraucherschützer Valet findet es auffällig, dass Listerien-Fälle in den letzten Jahren immer mehr zugenommen haben. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. „Von außen ist das schwer zu sagen", so Valet. Eine mögliche Erklärung könnte der Kostendruck in der Branche sein. „Es muss immer schneller und günstiger produziert werden, in Folge dessen könnten die Hygienevorgaben nicht so genau genommen werden", sagte Valet. Im schlimmsten Fall muss die Ware wieder aus dem Verkehr gezogen werden.

Wann ein Rückruf erfolgen muss

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Ein Lebensmittelrückruf kann in Deutschland grundsätzlich auf zwei Weisen erfolgen. Entweder entscheidet sich das betroffene Unternehmen selbst für einen Rückruf oder es wird von einem Gericht dazu verpflichtet, nachdem Verunreinigungen gefunden wurden – in jedem Fall muss ein Rückruf erfolgen, wenn der Endverbraucher geschädigt werden kann.

Zahl der öffentlichen Kontrollen sinkt seit Jahren

Die Zahl der öffentlichen Kontrollen hat allerdings deutlich abgenommen – um 20 Prozent in den letzten zehn Jahren. „Eigenkontrollen der Firmen reichen nicht, der Staat darf sich hier nicht immer mehr zurückziehen", so Valet gegenüber dem RND. Im Landkreis Waldeck-Frankenberg in Hessen, wo Wilke produziert, waren 3,15 Kontrolleure für knapp 3000 Betriebe zuständig. „Ein eklatantes Missverhältnis", sagte Valet. Mit schwerwiegenden Folgen – nicht nur für Wilke.

Eklatante Missstände wie bei Wilke oder Krone Feinkost sollten allerdings nicht darüber hinweg täuschen: Laut Ernährungsreport 2019 des Landwirtschaftsministeriums vertrauen 72 Prozent der Verbraucher der Qualität der Lebensmittel in Deutschland.