Rekordumsätze im Corona-Jahr: Biolebensmittel boomen in der Pandemie

  • Wenn Gaststätten geschlossen sind, wird in der eigenen Küche gekocht.
  • Davon haben 2020 vor allem Biolebensmittel profitiert.
  • Sorgen macht aber die Bioanbaufläche.
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Felix Prinz zu Löwenstein ist Wachstum gewohnt. „Seit Jahrzehnten entscheiden sich jedes Jahr mehr Kunden für Bio“, sagt der Chef des Bunds ökologische Lebensmittelwirtschaft (Bölw). Aber was im Corona-Jahr 2020 passiert ist, hat auch er noch nicht erlebt.

„Es war schwierig, das zu verdauen“, räumt der Agrarwissenschaftler und Biobauer ein. Er meint das Befriedigen eines historischen Nachfrageschubs, der auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) beeindruckt. „15 Milliarden Euro Umsatz mit Biolebensmitteln in Deutschland ist ein Rekord“, sagt sie zur digitalen Eröffnung der Nürnberger Biofach als weltgrößter Branchenschau ihrer Art. Das bedeutet im Corona-Jahr 2020 ein Umsatzplus von gut 22 Prozent und damit mehr als eine Verdoppelung des Branchenwachstums gegenüber dem schon sehr guten Jahr 2019.

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Biobranche könnte noch weiter wachsen

„Wir haben eine Beschleunigung gesehen, weil Menschen in der Pandemie zu Hause kochen und essen“, erklärt Löwenstein die rasante Entwicklung. Vor allem Hofläden mit einem Zuwachs von über einem Drittel und der Onlinehandel mit fast einer Verdoppelung haben davon profitiert. „Die klassischen Gemüsekisten waren allesamt total ausgebucht“, beschreibt Löwenstein die Lage.

An ein einmaliges Strohfeuer glaubt er nicht. Wer mal auf den Biogeschmack gekommen sei, bleibe erfahrungsgemäß dabei. Der Chef des Biospitzenverbands geht davon aus, dass seine Branche 2021 nicht nur auf dem erreichten Niveau bleibt, sondern auch mit normalisierten Raten weiterwächst.

Besonders nachgefragt sind Bioeier

Es gibt aber auch Sorgen. Denn dem 22-prozentigen Nachfragewachstum hierzulande steht 2020 nur eine 5-prozentige Ausweitung der Bioanbaufläche auf 1,7 Millionen Hektar gegenüber. Gut ein Zehntel der landwirtschaftlichen Fläche Deutschlands wird damit ökologisch bewirtschaftet. Wäre der Zuwachs in den Jahren zuvor mit im Schnitt 8 Prozent nicht größer ausgefallen, was ein nach und nach mehr auf den Markt kommendes Bioangebot nach sich zieht, könnte die Branche die nun erhöhte Nachfrage nicht bewältigen, stellt Löwenstein klar. Dennoch habe man 2020 auch viel Obst, Gemüse und Schweinefleisch in Bioqualität aus dem Ausland importieren müssen.

Absolute Renner unter deutschen Biokunden sind Bioeier mit gut 15 Prozent Umsatzanteil im Lebensmittelgesamtmarkt. Biomehl folgt knapp dahinter. Den mit 70 Prozent größten Nachfrageschub haben 2020 Biohühner verzeichnet vor rotem Fleisch mit 55 Prozent. „Insgesamt ist der Biomarkt in Deutschland 2020 etwa doppelt so schnell gewachsen wie der Lebensmittelmarkt als Ganzes“, bilanziert Agrarmarktanalystin Diana Schaack. Auch das bedeute aber nicht mehr als einen Bioanteil im gesamten Lebensmittelhandel von 6,4 Prozent. Bio bleibt damit eine ausbaufähige Nische.

„Wenn wir bei der Flächenumstellung in Deutschland nicht mehr Dynamik bekommen, geben wir immer größere Marktanteile ans Ausland ab“, stellt Löwenstein zugleich klar und verweist auf andere Elemente des Biogedankens. Das sind lokaler Anbau und kurze Transportwege. Regionaler Anbau mache zudem unabhängig von langen Lieferketten, die sich in der Pandemie als anfällig gezeigt hätten. Auch deshalb ist die Lebensmittelsouveränität von Ländern und Regionen jetzt ein Schlagwort, das Vertreter der Biolandwirtschaft in den Mund nehmen.

Forderung: Agrarhilfen nach Ökokriterien vergeben

„Wir dürfen nicht bremsen, müssen unterstützen und ideologisch abrüsten“, räumt Klöckner mit Blick auf Angebotsförderung ein. Bioware müsse verfügbar sein, wenn Verbraucher sie kaufen wollen. Genau da fürchtet Löwenstein aber Engpässe, was den heimischen Anbau angeht. Stockender Ausbau der heimischen Bioanbaufläche habe zwar auch mit der Pandemie zu tun, weil Veranstaltungen und Beratung zur Umstellhilfe für bereitwillige Bauern zurzeit schwierig seien oder ganz ausfallen. Noch wichtiger aber sei der politische Rahmen und ein verlässlicher Pfad Richtung Agrarwende.

Klöckner beteuert zwar, jüngst einen Paradigmenwechsel eingeleitet zu haben. „Leider stimmt das nicht“, kritisiert Löwenstein. Der Bölw fordert, 70 Prozent aller in Deutschland verteilten Agrarhilfen zielgerichtet nach Ökokriterien zu vergeben und nur 30 Prozent nach der Fläche, die konventionelle Großbetriebe bevorzugen. Derzeit laute das Verhältnis aber 80 zu 20 zugunsten der Fläche und auch Klöckners Initiativen würden nur eine Relation von etwa 60 zu 40 schaffen, sagt Löwenstein. Ohne neue Weichenstellung fürchtet er zudem, dass Gelder für Bauern, die auf Bio umstellen wollen, ab 2023 knapp werden könnten. Wirklich einig sind sich Politik und Biobranche auch im Erfolg nicht.

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