Prozess um Autobetrug: „Bonnie und Clyde sind nichts gegen uns“

  • Falsche Identitäten, falsche Autohäuser – so haben Betrüger hohe Summen von Autokäufern ergattert.
  • In München beginnt nun der Prozess um Betrug mit Scheinautohäusern im Internet.
  • Es geht um einen Millionenschaden – und ein Pärchen, so skrupellos wie „Bonnie und Clyde“.
Anzeige
Anzeige

München. Falsche Identitäten, falsche Autohäuser – und ein Millionenbetrug: Am Landgericht München hat am Mittwoch ein Prozess gegen fünf mutmaßliche Betrüger begonnen, die Autokäufer im Internet mit Fake-Autohäusern um insgesamt mehr als eine Million Euro gebracht haben sollen. In Bayern, Hessen und Sachsen sollen sie ihr Unwesen getrieben und Menschen online dazu gebracht haben, viel Geld für Autos zu überweisen, die es nie gab.

Geldsorgen und Schulden

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Der Hauptangeklagte entschuldigt sich zum Prozessauftakt bei seinen Opfern und vor allem bei seiner mitangeklagten Lebensgefährtin. „Ich bereue zutiefst, was ich gemacht habe“, sagt der 41-Jährige. Was ihm vorgeworfen werde, stimme größtenteils. An vielem sei aber auch sein 32 Jahre alter, früherer Geschäftspartner schuld, der ebenfalls auf der Anklagebank sitzt.

In einer Erklärung, die seine Anwältin verliest, begründet der mehrfach vorbestrafte Vater von zwei Kindern den groß angelegten Betrug mit Fake-Autohäusern mit Geldsorgen und hohen Schulden. Er sei in die Fänge von „Düsseldorfer Anlagebetrügern“ geraten, die Geld von ihm forderten und ihm und seiner Familie Gewalt angedroht hätten. „Rocker aus Essen“ hätten ihm Probleme gemacht. Zudem habe er regelmäßig Kokain konsumiert, um mit dem finanziellen Druck umgehen zu können.

„Bonnie und Clyde“: Lebensgefährtin war eingeweiht

Durch die Verwicklung in den Anlagebetrug sei er ohnehin davon ausgegangen, über kurz oder lang wieder im Gefängnis zu landen. „Ich stand in meinem Leben an einer Abzweigung“, hieß es in der Erklärung: „Ich verlor alle Skrupel und Hemmungen.“ Seine Lebensgefährtin, die mit ihm auf der Anklagebank sitzt, habe nicht gewusst, „was sie da eigentlich macht“. Irgendwann habe er sie eingeweiht und gewitzelt: „Bonnie und Clyde sind nichts gegen uns.“

Anzeige

Erfolg mit fiktiven Autohäusern

In seiner Dimension sei es ein ungewöhnlicher Fall, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Anne Leiding. Die beiden mutmaßlichen Haupttäter – ein Mann und eine Frau – sollen nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Februar 2016 an mit mindestens 20 falschen oder gestohlenen Identitäten und 30 Scheinautohäusern im Internet aufgetreten sein. 200 Konten sollen sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eröffnet und 80 Mobilfunkverträge abgeschlossen haben. In Onlineverkaufsportalen, so die Vorwürfe, boten sie dann teure Autos an – und zahlreiche Menschen fielen darauf herein.

Anzeige

Bei ihren Betrügereien soll das Paar Hilfe von einem befreundeten Postmitarbeiter gehabt haben und von einer Mediendesignerin, die Logos und Designs für die nicht existenten Autohäuser entwickelt haben soll.

Betrug beim Autokauf inzwischen alltäglich

Betrug beim Autokauf im Internet sei inzwischen ein nahezu alltägliches Phänomen, sagt Ansgar Klein, Geschäftsführender Vorstand beim Bundesverband freier Kfz-Händler (BVfK). „Da werden einfach Autohäuser erfunden – das Thema beschäftigt uns seit vielen Jahren. Es kommt immer wieder in Wellen“, sagt er: „Der Kunde fühlt sich sicherer, als er ist, und geschützter, als er wirklich ist. Alle Welt kämpft um immer mehr Verbraucherschutz und das lässt die Urinstinkte verkümmern“, meint er – oder knapper: „Geiz frisst Gehirn."

Zeichen für möglichen Betrug: Ungesicherte Vorkasse

Denn eigentlich, meint Klein, sei es ganz einfach, Betrügern nicht auf den Leim zu gehen: keine ungesicherte Vorkasse. Sollte eine Anzahlung gefordert werden, gebe es dafür Treuhandmöglichkeiten mit Käuferschutz, erklärt er. Hellhörig werden sollte der Nutzer bei folgender Kombination: „Eine relativ neue, bisher unbekannte Firma, Preise, die kaum jemand realisieren kann, und dann das Verlangen nach ungesicherter Vorkasse.“

Anzeige

Jeder Vierte Opfer von Cyberkriminalität

Laut dem „Digitalbarometer“, das einmal im Jahr vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und dem Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes erstellt wird, ist knapp jeder vierte Internetnutzer in Deutschland (24 Prozent) schon mindestens einmal Opfer von Cyberkriminalität geworden. Der Großteil der Betroffenen (36 Prozent) wurde dabei Opfer von Betrug beim Onlineshopping. Und die Dunkelziffer könnte noch deutlich höher sein. Denn laut „Digitalbarometer 2019“ wird nur jeder dritte Fall von Onlinekriminalität überhaupt angezeigt.

Die polizeiliche Kriminalstatistik listet jedes Jahr mehr Fälle von Betrug im Internet auf. Im Jahr 2018 waren es deutschlandweit insgesamt knapp 206.000 Fälle, rund 155.000 davon Waren- und Kreditbetrug. Zum Vergleich: Sechs Jahre vorher, 2012, waren es insgesamt rund 160.000 Fälle von Onlinebetrug, rund 92.000 davon fielen unter Waren- und Kreditbetrug. Tendenz klar steigend.

RND/dpa