Ist es Wucher, wenn jemand mit Atemschutzmasken das große Geschäft macht?

  • Wo Menschen wegen des Coronavirus in Panik verfallen, klingeln bei einem Jungunternehmer aus Sandhausen die Kassen.
  • Er soll früh in Atemschutzmasken investiert haben, verdient nun möglicherweise große Summen.
  • Wir haben uns bei Wirtschaftsethikern umgehört, wie sie das finden.
David Sander
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Hannover. Das Coronavirus ist in Deutschland angekommen, mittlerweile spricht auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) von einer Pandemie. Vor allem sorgt die Lage dafür, dass die Menschen aus Angst vor dem Virus handeln – in vielen Drogeriemärkten oder Apotheken sind zum Beispiel Atemschutzmasken nicht mehr erhältlich. Im Internet hingegen stößt man auf diverse Angebote, für die zum Teil horrende Preise verlangt werden.

Viele davon werden von der “TK-Gruppe” verkauft. Dahinter steckt der 24-Jährige Unternehmer Timo K. aus Sandhausen bei Heidelberg. Er verdient derzeit viel Geld, wie “Bento” ausführlich berichtet. Laut dem Magazin, das zum Spiegel gehört, soll K. bereits jetzt einen siebenstelligen Umsatz erreicht haben.

Für 60 Cent gekauft, für 20 Euro verkauft?

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K. investierte bento zufolge eine fünfstellige Summe für Masken diverser Güteklassen. Er habe sie größtenteils für weniger als 60 Cent das Stück gekauft, sagte K. Bento. In den vergangenen Tagen habe er sie für mehr als 20 Euro verkauft, so K. gegenüber Bento weiter. Rein rechnerisch dürfte er also sehr, sehr hohe Gewinne gemacht haben.

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Mittlerweile bestreitet K. das. Nach erscheinen des Beitrags bei Bento sagte er der Rhein-Neckar-Zeitung, in Wirklichkeit sei der Einkaufspreis viel höher gewesen. Er habe die Preise für Masken in seinem Onlineshop erst erhöht, nachdem sich bei Lieferanten die Preise verzehnfacht hätten. Der Bento-Reporter, der zuerst mit K. gesprochen hat, widersprach dem allerdings prompt auf Twitter.

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Schelte vom Wirtschaftsethiker

Unabhängig davon, was stimmt, stellt sich aber eine Frage: War das eine wirtschaftliche Meisterleistung - oder doch eher eine moralisch fragwürdige Handlung?

“Das ist schon extrem dreist. Aus moralischer Sicht ist das Wucher", sagt Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Der Direktor der Berliner Denkfabrik für Wirtschaftsethik hat eine klare Meinung. “Das sind jenseitige Margen. Er hat nicht etwa Wertschöpfung betrieben, sondern Kaufkraft abgeschöpft.”

K. erklärt gegenüber bento allerdings, dass er lediglich internationale Märkte beobachtet habe, Schlussfolgerungen gezogen habe und das Geld auf seine Interpretation der Fakten gesetzt hätte – so wie es in der Wirtschaft jeden Tag üblich sei.

Kritik am BWL-Studium

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“So würde es jeder Volkswirt erklären. Man stärkt die Lenkungswirkung der Preise, signalisiert den Herstellern ‘produziert mehr’ – aber das ist ja kein Freifahrtsschein für eine bedingungslose Bereicherung”, sagt Thielemann. Der Wirtschaftsethiker glaubt nicht, dass der junge Unternehmer darüber nachgedacht oder sich hinterfragt hat. Er habe vermutlich nur das schnelle Geld gesehen.

“Das Problem ist, dass sich im BWL-Studium alles um den Gewinn dreht. Es herrscht keine Pluralität in der Ausbildung. Studierende lernen nicht, Handlungsorientierungen infrage zu stellen”, so der Wirtschaftswissenschaftler. Timo K. war Studierender an der SRH Hochschule Heidelberg. Diese teilt auf Anfrage des RND mit: “Soziale Verantwortung und die Förderung des Gemeinwohls gehören zu den Werten der SRH. Das Thema unternehmerische Verantwortung ist deshalb fester Bestandteil aller unserer Studiengänge und spielt besonders im BWL-Studium eine wichtige Rolle."

Ein anderer Experte widerspricht

Laut Thielemann könnte man K. die Spekulation auf die Ausnutzung einer Notlage unterstellen – was in Deutschland möglicherweise Teil des Straftatbestands Wucher ist.

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Doch ist es eine Notlage, wenn der Nutzen eines Mundschutzes im Alltag noch nicht einmal nachgewiesen ist? Das wurde zuletzt immer wieder von Wissenschaftlern angemerkt. Ein wichtiger Punkt in der Debatte, meint Johannes Wallacher, Präsident der Hochschule für Philosophie München und ebenfalls Wirtschaftsethiker.

“K. spielt mit der Hysterie der Konsumenten. Man sollte ihn nicht vorverurteilen – letztlich kann sich jeder über den begrenzten Schutz der Masken reflektiert informieren”, so Wallacher gegenüber dem RND. “Ich halte die moralische Aufregung, unsere Empörungskultur, durchaus für fragwürdig und unangemessen.”

Verkäufer muss Verantwortung übernehmen

Dabei wolle der Wirtschaftsethiker nicht die Handlungen des 24-Jährigen legitimieren. Natürlich gebe es auch eine Verantwortung auf der Seite des Händlers. “Er hat für die Qualität der Ware Sorge zu tragen. Wenn die Masken minderer Qualität sind, liegt ein ethisches Problem vor”, so Wallacher.

Laut Bento scheinen die Kunden der TK-Gruppe nicht immer zufrieden zu sein, es würden angebliche Täuschungen oder Produktmängel beklagt. Die OP-Masken hätten eine Bewertung von 1,5 von 5 möglichen Sternen.

Doch wie sollte K. nun weitermachen, wo mittlerweile Kritik in den sozialen Medien hochkocht? “Der Verkäufer muss sich der Debatte stellen. Er sollte sich ehrlich und verantwortungsvoll präsentieren und zeigen, dass es ihm nicht nur um den Profit geht”, rät Wallacher.

Soll K. nur noch Krankenhäuser beliefern?

Weil es viele Gesundheitsartikel nicht mehr auf dem regulären Weg gibt, scheint dieser Appell sinnvoll. So berichtet Bento, dass beispielsweise das Pharma-Unternehmen, welches das Desinfektionsmittel Sterilium anbietet, nur noch Krankenhäuser und bekannte Kunden beliefert. Das würde Wirtschaftsethiker Thielemann auch dem 24-Jährigen K. empfehlen: “Er sollte die Masken an diejenigen verkaufen, die sie auch wirklich brauchen, nicht nur nach Gewinn entscheiden – das wäre anständiges und seriöses Business.”

Bis Redaktionsschluss waren die TK Gruppe beziehungsweise Timo K. nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Mitarbeit: Christoph Höland

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