Produktionsstopp für 737 Max: Boeing schadet US-Wirtschaft

  • Die Affäre um die Abstürze von Boeings 737 Max hat mit dem Produktionsstopp einen neuen Tiefpunkt erreicht.
  • Zugleich ringt das Unternehmen mit fallenden Börsenkursen und Ermittlungen der Aufsichtsbehörden.
  • Mittlerweile zieht die Krise die ganze US-Wirtschaft nach unten.
1:12 min
Nach mehreren Sanktionen stellt Boeing die Produktion seines Unglücksfliegers vorrübergehend ein. Der Flugzeugtyp ist bereits seit Mitte März mit Startverboten belegt. Grund sind zwei Abstürze innerhalb weniger Monate, bei denen zahlreiche Menschen starben.  © Reuters
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Zwei verheerende Flugzeugabstürze haben Boeing vom erfolgsverwöhnten Vorzeigekonzern zu einem Krisenfall mit ungewisser Zukunft gemacht. Der US-Luftfahrtriese ist nach den Unglücken mit heftigen Vorwürfen konfrontiert und geschäftlich stark angeschlagen. Dabei war die Boeing-Welt vor einem Jahr noch in Ordnung.

Zwar hatte sich bereits der erste schlimme 737-Max-Absturz in Indonesien ereignet, doch das schien Boeing zunächst kaum zu schaden. Konzernchef Dennis Muilenburg – der erst Mitte 2015 den Spitzenposten übernommen hatte – feierte große Erfolge: Im Geschäftsjahr 2018 knackte Boeing beim Umsatz erstmals in der über hundertjährigen Geschichte die Marke von 100 Milliarden Dollar. Der Aktienkurs verdreifachte sich in Muilenburgs kurzer Amtszeit. Doch die Zeiten, in denen der 55-jährige Topmanager als Held gefeiert wurde, endeten abrupt.

Im März 2019 stürzte eine weitere baugleiche und fast nagelneue 737 Max in Äthiopien ab, seitdem gelten fast rund um den Globus Flugverbote für Boeings Verkaufsschlager. Der finanzielle Schaden ist gewaltig. Und der heute bekannt gegebene Produktionsstopp für den Unglücksflieger ist nur ein weiterer von vielen Tiefpunkten in der jüngeren Geschichte des erfolgsverwöhnten Unternehmens.

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Quasi per Autopilot zum Absturz gebracht

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Muilenburg ist jetzt als Krisenmanager gefordert – eine Rolle, die ihm aber offensichtlich schwerfällt. „Wir wissen, dass wir Fehler und einige Dinge falsch gemacht haben“, räumte Boeings Vorstandschef Ende Oktober zerknirscht bei einer Anhörung vor dem US-Kongress ein. Das Debakel um die 737 Max beschäftigt in den USA längst Spitzenpolitiker und Justizbehörden. Denn als eine entscheidende Ursache der Abstürze gilt Boeings fehlerhafte Steuerungssoftware MCAS. Sie ließ die 737-Max-Jets laut Ermittlungsberichten quasi per Autopilot abstürzen.

Dem Unternehmen wird vorgeworfen, die Unglücksflieger im scharfen Wettbewerb mit Airbus überstürzt auf den Markt gebracht und dabei die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Darüber hinaus gibt es den ungeheuerlichen Verdacht, dass Boeing die US-Flugaufsicht FAA bei der ursprünglichen Zulassung der Absturzjets getäuscht und wichtige Informationen unterschlagen haben könnte. Der Konzern weist dies zwar zurück, geriet durch brisante Dokumente aber schon in arge Erklärungsnöte.

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Unklar, wann es weitergeht

Mit dem nun angekündigten Stopp der Produktion wählt Boeing eine radikale Option, die nur unter massivem Druck zustande kam. Wann die 737-Produktion wieder anlaufen könnte, dazu gab der Hersteller zunächst keinerlei Hinweise. „Wir werden weitere Finanzinformationen hinsichtlich der Fertigungsaussetzung in Verbindung mit unserem Quartalsbericht Ende Januar veröffentlichen“, hieß es lediglich.

Derweil stapeln sich die fertiggestellten, aber nicht ausgelieferten Flugzeuge im Boeing-Werk in Renton fast.

Im November noch hatte Boeing Zuversicht verbreitet, vor dem Jahreswechsel grünes Licht von der FAA zu bekommen, um zumindest wieder mit den Auslieferungen der 737 Max beginnen zu können. Nachdem Dickson dem eine klare Absage erteilte, stieg an der Börse bereits die Nervosität. Seit Tagen stehen Boeings Aktien unter Druck, auch eine stabile Dividende konnte Anleger nicht versöhnen. Die 737 Max – Boeings Bestseller und Profittreiber – ist momentan viel wichtiger.

Krise hat globale Auswirkungen

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Die Abstürze des Modells in Indonesien und Äthiopien, bei denen im Oktober 2018 und März 2019 insgesamt 346 Menschen ums Leben kamen, haben den Flugzeugbauer in eine tiefe Krise gebracht. Boeing steht im Verdacht, die Unglücksflieger überstürzt auf den Markt gebracht und dabei die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Der Hersteller weist dies zwar zurück, hat aber verschiedene Fehler und Pannen eingeräumt.

Enormer Imageschaden: Zuschauer halten während der Kongressanhörung Fotos von Angehörigen oder Freunden hoch, die beim Absturz des Ethiopian-Airlines-Fluges 302 an Bord einer Boeing 737 Max 8 ums Leben kamen. © Quelle: imago images/UPI Photo

Doch das Debakel ist nicht nur für den Hersteller eine große Belastung, die bereits immense Kosten und Imageschäden sowie Ermittlungen von Aufsichtsbehörden und hohe Klagerisiken verursacht hat. Da es um Boeings bestverkauftes Modell geht, für das es Tausende Bestellungen gibt, ächzt die gesamte Luftfahrtindustrie unter den Problemen. US-Airlines mussten wegen des Ausfalls bereits zahlreiche Flüge streichen, auch europäische Kunden wie Tui sind betroffen.

Keine Zulassung mehr in diesem Jahr

Für die US-Wirtschaft insgesamt ist Boeings Krise eine erhebliche Belastung. Die Probleme der 737 Max haben das Wachstum bereits spürbar gedämpft und könnten die Konjunktur noch stärker bremsen, warnen Experten. Von Boeing hängen zahlreiche andere Firmen ab, die die Schwäche des Flugzeugbauers zu spüren bekommen. Vor allem die Außenhandelsbilanz der USA leidet stark unter dem Auslieferungsstopp der 737 Max. Die Produktionspause dürfte die Lage weiter verschärfen.

Boeing betonte jedoch in seiner Mitteilung, dass zunächst keine Mitarbeiter aufgrund der Produktionspause entlassen oder beurlaubt würden. Vor allem für die rund 12.000 Beschäftigten des 737-Hauptwerks in Renton bei Seattle bleibt damit – zumindest vorerst – ein Horrorszenario aus. Die Fertigung auszusetzen sei angesichts der kritischen Gesamtsituation auch für das große Zulieferernetz derzeit noch die vergleichsweise schonendste Lösung, so Boeing.

Boeing im Visier der Behörden

Doch auf eine rasche Wiederzulassung der 737 Max deutet wenig hin. Steve Dickson, der Chef der US-Luftfahrtaufsicht FAA, schloss eine Wiederzulassung des Unglücksjets für dieses Jahr aus. „Wir werden bei dem Prozess alle nötigen Schritte befolgen, wie lange auch immer es dauern wird“, sagte Dickson im US-Sender CNBC. Bei einer Anhörung im US-Kongress drohte der Behördenchef dem Konzern zudem mit Konsequenzen. „Ich behalte mir das Recht vor, weitere Maßnahmen zu ergreifen.“

Die FAA gab darüber hinaus bekannt, dass sie inzwischen auch wegen möglicher Produktionsmängel gegen Boeing ermittle.

RND/dpa/hö