Zahl der Infektionen nimmt zu: Portugal bangt um Tourismus-Neustart

  • Die Fallzahlen in Portugal steigen zur Urlaubssaison wieder an.
  • Ausgerechnet jetzt verzeichnet das Land täglich Hunderte Infektionen.
  • Eigentlich hatte Portugal gehofft, dank seiner frühen Erfolge wieder Urlauber anlocken zu können - denn die Wirtschaft des Landes ist stark vom Tourismus abhängig.
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Lissabon. Anders als in Portugals Badeorten werden die Corona-Regeln im Bairro do Zambujal eher locker ausgelegt. Viele der etwa 6000 Bewohner ignorierten die offizielle Empfehlung zum Tragen von Schutzmasken, sagt Maria Felicidade Nunes, Leiterin eines örtlichen Bürgervereins. Einige Geschäfte hielten sich auch nicht an die Vorschrift, stets nur eine begrenzte Zahl von Kunden hereinzulassen. Jugendliche würden sich regelmäßig in großen Gruppen in Cafés versammeln.

Wirtschaft des Landes ist stark vom Tourismus abhängig

Das Verhalten der Menschen im Großraum Lissabon lässt erahnen, warum Portugal auf einmal steigende Infektionszahlen zu vermelden hat. Vergleichsweise kam das Land bisher gut durch die Corona-Krise, aber nun greift das Virus in einkommensschwachen Wohnblocksiedlungen nahe der Hauptstadt um sich - zum Ärger der Regierung. Denn die Wirtschaft des Landes ist stark vom Tourismus abhängig. Und die erneute Ausbreitung könnte viele der ersehnten Sommergäste abschrecken.

Zambujal ist ein Stadtteil von Amadora, etwa zehn Kilometer vom Zentrum Lissabons entfernt. Aktuell ist es eines von fünf Gebieten in der Metropolregion, die als Corona-Hotspots gelten, während die Pandemie in den übrigen Landesteilen auf dem Rückzug zu sein scheint. Ebenso wie in den meisten anderen europäischen Staaten.

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Mehr Infizierte seit Aufhebung des Ausnahmezustands

Zu Beginn der Krise hatte Portugal schnell reagiert. Die Zahl der Covid-19-Erkrankungen und der damit verbundenen Todesfälle blieb wohl auch deswegen weit geringer als etwa im benachbarten Spanien. Doch seit der Ausnahmezustand am 2. Mai aufgehoben wurde und es keine offiziellen Ausgangsbeschränkungen mehr gibt, verzeichnet das Land im Durchschnitt 275 Neuinfektionen pro Tag. Allein am Donnerstag waren es 311 - davon 222 im Großraum Lissabon. Im europäischen Vergleich liegt Portugal damit plötzlich am oberen Ende der Skala.

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"Es ist kein Grund, Alarm zu schlagen, aber es ist offensichtlich etwas, worüber man sich Sorgen machen muss", sagt Dr. Ricardo Mexia, Präsident eines nationalen Ärzteverbands. "Einige Kliniken in Lissabon sind am Rande ihrer Kapazitäten", räumt er ein. Außerhalb der Hauptstadtregion gebe es aber weiter viele verfügbare Krankenhausbetten.

Besonders Menschen aus ärmeren Familien betroffen

Etwa 70 bis 80 Prozent der bestätigten neuen Fälle kommen aus Siedlungen wie Zambujal. Und laut Experten sind besonders Menschen aus ärmeren Familien betroffen. Viele von ihnen mussten auch während der Ausgangsbeschränkungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ihren Jobs pendeln oder auf Baustellen arbeiten - weil sie oft keine festen Arbeitsverträge haben, hätten sie sonst keine Einnahmen gehabt.

Zu den Ausbreitungsherden zählen nach Angaben der Gesundheitsbehörden auf der einen Seite Pflegeheime, auf der anderen Seite aber auch spontane Versammlungen abends, von jüngeren Menschen in Parks oder an Stränden. "Einige Leute sind mit den Regeln einverstanden", sagt Bürgervereinsleiterin Nunes der Nachrichtenagentur AP. "Andere akzeptieren sie einfach nicht."

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Ausgangssperren für betroffene Gemeinden

Um die Entwicklung in den Griff zu bekommen, kündigte die portugiesische Regierung am Donnerstag für 19 als problematisch eingestufte Gemeinden rings um Lissabon wieder strengere Ausgangssperren an. Ab dem 1. Juli sind in diesen überwiegend sehr dicht besiedelten Gemeinden wieder nur Versammlungen von maximal fünf Personen erlaubt. Grundsätzlich dürfen die dort lebenden Bewohner ihre Häuser nur verlassen, um zur Arbeit zu gehen, um einzukaufen, um Sport zu treiben oder um bedürftigen Familienmitgliedern zu helfen.

Alle Geschäfte in den betroffenen Gebieten müssen abends ab 20 Uhr geschlossen bleiben. Jeglicher Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit ist verboten, ebenso der Verkauf von Alkohol an Tankstellen. Zusätzliche Polizeikräfte sollen die Einhaltung der Regeln vor Ort überwachen - auch das Tragen von Masken innerhalb der Geschäfte. Bei Versammlungen in größeren Gruppen können Bußgelder von bis zu 500 Euro pro Person verhängt werden.

Die Regierung ist zuversichtlich

Gleichzeitig bemüht sich die Regierung, die Lage als nicht allzu dramatisch darzustellen. Die vergleichsweise hohe Zahl von neuen bestätigten Fällen sei vor allem darauf zurückzuführen, dass inzwischen mehr getestet werde, heißt es. Aktuell würden im Durchschnitt 98.000 Tests pro Woche durchgeführt. Keinesfalls sei es also so, dass die Ausbreitung außer Kontrolle gerate. Insgesamt hat das Land mit 10,3 Millionen Einwohnern über 40 000 Infektionen gemeldet, mehr als 1500 Menschen sind in Portugal mit dem Coronavirus gestorben.

Den Hauptgrund für die aktuelle Entwicklung sieht der Ärzteverbandschef Mexia in einer "übermäßigen Zuversicht" der Behörden nach der zunächst erfolgreichen Eindämmung der Pandemie im März und April. Diese habe dazu geführt, dass nicht in ausreichendem Maße Vorkehrungen für neue Ausbreitungen getroffen worden seien, sagt er. Unter anderem fehle qualifiziertes Personal, um Kontaktketten nachzuverfolgen.

Das Land versucht, Touristen zu locken

Gerade für die Tourismus-Branche könnte sich dies nun als verheerend erweisen. Bis vor kurzem hatte es noch so ausgesehen, als wäre die Sommersaison noch halbwegs zu retten. Viele Hotels an der beliebten Algarve-Küste ließen sich mit einem Siegel der Regierung als "sauber & sicher" auszeichnen, um das Vertrauen von Urlaubern aus anderen Ländern zu gewinnen.

Nicht zuletzt die für August geplante Austragung der verbleibenden Fußball-Spiele der Champions League in Lissabon galt als Beleg für den Erfolg des Landes im Kampf gegen das Virus. "Portugal ist ein sicheres Reiseland", sagte Ministerpräsident António Costa. "Das Problem ist nun", schrieb Ricardo Costa von der Wochenzeitung "Expresso", "dass ein Teil der Zahlen im Widerspruch zu der Erfolgsgeschichte steht, bei der sich alles darum dreht, Touristen anzulocken".

RND/AP

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