Polio-Impfstoff wird zur Mangelware

Wer für eine Fernreise oder zur Auffrischung eine Polioimpfung benötigt, muss derzeit damit rechnen, dass er keine bekommt: Der Stoff ist seit Monaten knapp, eine Besserung ist kurzfristig nicht in Sicht.

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Berlin. Polio ist eine tückische Krankheit, sie kann zu schwerwiegenden, unheilbaren Lähmungen führen, manchmal ist sie tödlich. Betroffen sind meist Kinder zwischen drei und acht Jahren, weshalb Polio auch Kinderlähmung genannt wird. Seit etwa 60 Jahren gibt es einen Impfstoff, weshalb die Erkrankungsrate von Hunderttausenden auf nur noch etwa 1000 pro Jahr gefallen ist – doch jetzt gibt es ein Problem: Der Impfstoff wird knapp. Seit Mitte Juni gibt es Lieferengpässe in Deutschland. Das müssen Sie jetzt über die Polio-Impfung wissen.

1. Warum ist der Impfstoff knapp?

Das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel führt im Auftrag des Bundesgesundheitsministerium seit Oktober 2015 Buch über den Impfstoffbestand. Grund für den Mangel seien ein massiver Anstieg der weltweiten Nachfrage und eine Umstellung der Produktion, erklärt Isabelle Bekeredjian-Ding, die zuständige Abteilungsleiterin beim Paul-Ehrlich-Institut aus dem hessischen Langen. So werden erfreulicherweise in immer mehr Ländern Impfkampagnen durchgeführt – derzeit besonders intensiv in Afghanistan und Pakistan. Die Pharmaindustrie kann aber nicht einfach mehr Impfstoffe produzieren, weil die Herstellung rund zwei Jahre dauert – eine rasche Reaktion der Industrie ist daher unmöglich.

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Grund für die aktuelle Umstellung der Produktion der drei Polio-Impfstoffe ist, dass Lebend-Impfstoffe ausgetauscht werden müssen, wenn ein Erreger erfolgreich ausgerottet ist. Denn dann gilt der Impfstoff selbst als unnötige Gefahr. So mussten im vergangenen Jahr in 155 Ländern Polio-Impfstoffe mit einem bestimmten Erreger vernichtet werden.

2. Sind auch andere Impfstoffe betroffen?

Betroffen von Lieferengpässen sind auch immer mal wieder Impfstoffe gegen Keuchhusten (Pertussis), Typhus oder Gelbfieber. Das kann dazu führen, dass Urlauber in einzelne Länder nicht einreisen dürfen.

3. Kann jetzt niemand gegen Polio geimpft werden?

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Die Grundimmunisierung von Säuglingen und Kleinkindern ist nicht in Gefahr. Bei Versorgungsproblemen sollen grundsätzlich Kinder und Jugendliche zuerst geimpft werden, heißt es in den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO). Erwachsene mit einer vorhandenen Grundimmunisierung müssten zunächst verzichten. Probleme könnten auch Urlauber bekommen, die die Impfung für bestimmte Reiseziele nachweisen müssen. In Notfällen, wenn eine bisher nicht geimpfte Person den Stoff dringend braucht, können auch Impfstoffe mit vergleichbarem Antigengehalt verwendet werden.

4. Wie lange hält der Engpass noch an?

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Das ist unklar. Möglicherweise nur noch wenige Wochen oder Monate. Auch die nächsten größeren Lieferungen dürften jedoch schnell wieder ausverkauft sein. Entspannen wird sich die Lage vermutlich erst im nächsten Jahr. „In der Pharmabranche gibt es attraktivere Produkte, die weniger aufwendig in der Herstellung, Qualitätskontrolle und Logistik sind“, stellte das „Deutschen Ärzteblatt“ in diesem Frühjahr fest. Die Gewinnmargen seien bei Impfstoffen zudem niedriger, weil sie nur ein- bis viermal im Leben verabreicht würden.

5. Wer produziert den Impfstoff?

Nach Recherchen des Fachmagazins „Ärzte Zeitung“ beherrschen nur wenige Pharmakonzerne, darunter das britische Unternehmen GlaxoSmithKline (GSK), rund 95 Prozent des Impfstoff-Weltmarktes. „Dass in naher Zukunft weitere große Pharmahersteller hinzukommen, ist nicht zu erwarten“, stellt die Zeitung fest. Auch habe sich noch kein Hersteller von Generika (Nachahmerpräparaten) an die Produktion herangewagt, weil der Aufwand zu hoch ist.

6. Was sagt die Pharmaindustrie?

Sie argumentiert, dass in Deutschland drei neue Impfstoffwerke in Burgwedel bei Hannover, Marburg und Singen ausgebaut würden. „Wir sehen doch, dass Impfstoffhersteller groß investieren“, betont der Geschäftsführer Forschung des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller, Siegfried Throm. Die Herstellung sei jedoch eine „extrem komplexe Angelegenheit“. Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit hätten absolute Priorität. Weltweit seien die Impfstoffkapazitäten jedoch beschränkt, so dass der Ausbau nicht Schritt halten könne. Von einem Ausbruch in der Ukraine im Jahr 2015 abgesehen, habe es in Europa seit 2002 keine Polio-Fälle mehr gegeben. In Deutschland habe es die letzten Fälle 1992 gegeben. „Wenn die Ausrottung erfolgreich ist, braucht man einige Jahre danach keinen Polio-Impfstoff mehr“, erklärt Throm.

7. Wer muss sich überhaupt impfen lassen gegen Polio?

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Als immunisiert gilt, wer im Säuglings- und Kleinkindalter drei beziehungsweise vier Impfdosen erhalten hat. Drei Dosen werden in der Regel verabreicht, wenn nur gegen Polio geimpft wird. In Kombination mit Keuchhusten (Pertussis) sind es vier Dosen – jeweils eine im Alter von 2, 3, 4 und 11 bis 14 Monaten. Eine Auffrischung erfolgt im Alter zwischen 9 und 17 Jahren. Fehlt eine dieser Impfdosen, sei eine Auffrischungsimpfung im Erwachsenenalter sinnvoll, erklärt das Robert Koch-Institut. Ansonsten wird eine Polio-Impfung im Erwachsenenalter nur empfohlen, wenn eine Reise nach Afghanistan, Pakistan oder Nigeria ansteht oder jemand beruflich einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt ist und die letzte Auffrischung mehr als zehn Jahre zurückliegt.

Von RND/dpa

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