Personalmangel bremst die Digitalbranche – dennoch gutes Wachstum

  • Nach der Pandemie steht das Thema wieder oben auf der Agenda.
  • Der Bitkom sagt starkes Wachstum voraus.
  • Der Verband fordert nach der Wahl ein neues Ministerium.
|
Anzeige
Anzeige

München. Unverhofft kommt die Entwicklung nicht, Ausmaß und Dynamik überraschen aber doch: „Der deutschen Digitalwirtschaft geht es besser als je zuvor“, sagt Achim Berg. Gut ein Jahr nach dem Corona-Einbruch im Frühjahr 2020 bewege sich die Branche wieder auf Rekordniveau, erklärt der Chef des Digitalverbands Bitkom.

Stimmung doppelt so hoch wie in Gesamtwirtschaft

Verglichen mit dem Ifo-Geschäftsklimaindex für die Gesamtwirtschaft notiert ein für die Digitalbranche entwickelter Spezialindex mit gut 40 Punkten fast doppelt so hoch. Während insgesamt noch gut ein Fünftel aller Unternehmen in Kurzarbeit sind, ist es in der Digitalwirtschaft weniger als ein Zehntel.

Anzeige

Für 2021 erwartet Berg 4 Prozent Wachstum  – etwas mehr als die Gesamtwirtschaft und deutlich mehr als noch zu Jahresbeginn. Mit gut 178 Milliarden Euro Gesamtumsatz werden die Unternehmen die Delle aus dem Corona-Jahr mehr als ausgleichen.

In der Digitalwirtschaft fiel sie ohnehin klein aus: Nur um 0,6 Prozent schrumpfte 2020 das Geschäft. Der Digitalisierungsschub nach der Pandemie soll auch im nächsten Jahr noch wirken: Für 2022 sagt der Bitkom weitere 4 Prozent Wachstum voraus.

Das hängt allerdings auch von der Personallage ab. In den nächsten beiden Jahren werden nach Berechnungen des Verbands jeweils 40.000 zusätzliche Jobs entstehen. 2022 würde die Branche in Deutschland dann erstmals die Schwelle von 1,3 Millionen Beschäftigten überschreiten.

Anzeige

Der Stellenaufbau könnte noch größer sein, würde nicht Fachpersonal fehlen. Im Corona-Jahr 2020 ist die Lücke zwar von weit über 100.000 auf 86.000 Jobs geschrumpft. Nun geht es aber wohl wieder alten Höchstständen entgegen. „Es ist ziemlich sicher, dass der Mangel erneut steigt“, sagt Berg.

Der Bitkom-Chef wirbt auch mit dem verbreiteten Homeoffice für die Branche. Fast zwei Drittel der Belegschaften arbeiteten noch von zu Hause aus, während der Anteil in der Gesamtwirtschaft nicht einmal halb so hoch ist. Viele Manager verschenkten damit ökonomisches Potenzial, sagt Berg.

„Die Corona-Krise hat gezeigt, dass flexibles Arbeiten die Qualität der Arbeitsergebnisse nicht schmälert – im Gegenteil.“ Unabhängig von Ort und Zeit zu arbeiten, könne allen Seiten Vorteile bringen. Digitalunternehmen hätten das überwiegend erkannt und seien Vorreiter.

Bitkom-Präsident Achim Berg. © Quelle: Till Budde

Nicht ganz sicher ist sich Berg aber, ob die Aussichten seiner Branche so gut bleiben. Er verweist auf eine mögliche vierte Corona-Welle im Herbst und auf die Bundestagswahl im September. „Die künftige Bundesregierung muss den von Corona ausgelösten Digitalisierungsschub mindestens erhalten, möglichst verstärken“, fordert der Lobbyist. Die Schulen seien immer noch nicht flächendeckend für eine weitere Corona-Welle gerüstet.

Anzeige

Digitalpakt Schule kommt kaum voran

„Ich habe da starke Zweifel“, sagt der Verbandschef, der vor allem bürokratische Hindernisse sieht. Mittel aus dem Digitalpakt Schule seien weiterhin nur zu rund 15 Prozent abgerufen. Nach der Wahl müsse deshalb ein Bundesdigitalministerium geschaffen werden. Das könnte über andere Ministerien hinweg koordinieren und Digitalpolitik aus einem Guss schaffen. Digitale Souveränität gegenüber China und den USA beim Sammeln und Auswerten von Daten sei dabei ein Kernelement.

Digitale Teilhabe aller Bürger müsse zudem gesichert werden, wozu digitale Verwaltung viel beitragen könne. An ein vom Bund einmal geäußertes Verfallsdatum für analoge Verwaltung Ende 2022 glaubt Berg nicht mehr. „Dafür sind wir zu langsam, ich wäre schon froh, wenn es ein Jahr später so weit wäre.“

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen