15.000 Stellen weg – aber geht es Daimler wirklich so schlecht?

  • Daimler muss sparen – und will Medienberichten zufolge deutlich mehr Personal abbauen, als zuletzt bekannt war.
  • Die Probleme: Die Elektroautos laufen schlecht, Dieselskandalstrafen belasten den Konzern.
  • Doch geht es dem Autobauer wirklich so schlecht? Eine Übersicht.
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Mit einem verschärften Jobabbau, einer gestutzten Modellpalette und gezielten Investitionen will Daimler-Chef Ola Källenius den Konzern wieder in die Spur bringen. Wir erläutern, welche Rolle die E-Mobilität und die Folgen des Dieselskandals spielen.

Ist Daimler ein Sanierungsfall?

Nein. Aber bei der für Autobauer wichtigsten Kennziffer geht es nach unten. Gemeint ist die sogenannte EBIT-Marge. Das ist der Gewinn aus der betrieblichen Tätigkeit im Verhältnis zum Umsatz. Sie hat sich bei Mercedes-Benz Cars, der wichtigsten Sparte, im vergangenen Jahr mit 4 Prozent fast halbiert. Von Premiumherstellern erwarten Aktionäre eigentlich zweistellige Werte.

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Woher kommen die sinkenden Renditen?

Zwar hat Mercedes-Benz 2019 den Gesamtabsatz zum neunten Mal in Folge gesteigert, das Plus lag aber nur bei 1,3 Prozent. Es wurde weitgehend von den kompakten Modellen getragen, mit denen relativ wenig verdient wird. Die Baureihen, die hohe Margen bringen, gingen zurück. Das gilt sowohl für die Flaggschiffe der S-Klasse (minus 8 Prozent) als auch in abgeschwächter Form für die E- und die C-Klasse. Besonders schmerzhaft dürfte für das Management sein, dass die SUV-Sparte, das stärkste Segment bei Mercedes, ein Minus von 4,5 Prozent einfuhr. Denn die wuchtigen Pritschenwagen der X-Klasse haben sich als Flop erwiesen. Und das Van-Segment steckt seit geraumer Zeit in einer schweren Krise. Der Gesamtgewinn aus der betrieblichen Tätigkeit hat sich mit 5,6 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr fast halbiert.

Was ist schiefgelaufen?

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Dieter Zetsche, Vorgänger des aktuellen Chefs Ola Källenius, hat die Modellpalette massiv ausgebaut. Auch mit immer neuen Ableitungen erfolgreicher Fahrzeuge. Das hat Verkäufe in die Höhe getrieben. Doch viele Modelle sind in die Jahre gekommen, was sinkenden Absatz bedeutet. Zugleich bringt die große Vielfalt hohe Kosten. Der Einbruch bei den SUV hat auch damit zu tun, dass es bei der im US-Werk Tuscaloosa zentralisierten Produktion klemmte. Das soll weitgehend behoben sein.

Wie sieht es mit dem Dieselskandal aus?

Daimler kämpft noch immer mit den Folgen des Dieselskandals. Zuletzt kalkulierte der Vorstand mit Kosten in Höhe von 1,1 bis 1,5 Milliarden Euro für 2019. Doch da könnte noch einiges mehr kommen: Der Europäische Gerichtshof befasst sich derzeit mit einer Klage, bei der es um die Zulässigkeit der Abschaltung der Abgasreinigung bei niedrigeren Temperaturen geht. Damit hat auch Daimler massiv erhöhte Stickoxidwerte bei Dieselautos gerechtfertigt. Diese Argumentation ist aber höchst umstritten. Eine Entscheidung soll in den nächsten Monaten kommen. Daimler drohen weitere Schadensersatzforderungen.

Wie groß ist der Druck auf den Konzernchef?

Anleger sind enttäuscht und verunsichert. Seit einem Zwischenhoch im November hat die Aktie mehr als 20 Prozent ihres Werts verloren. Sie sind von immer neuen Dieselstrafzahlungen genervt, vermissen aber vor allem eine klare Strategie für die nächsten Jahre. Letzteres gilt auch für große Teile der Belegschaft.

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Wie sieht es bei der Elektromobilität aus?

Hier gibt es hochgesteckte Ziele. In jeder Baureihe soll es mindestens ein Elektromodell geben. Der Start in die E-Mobilität ist allerdings ziemlich holprig ausgefallen. Der Absatz hierzulande bei reinrassigen Stromern liegt weit hinter vielen Konkurrenten zurück. BMW und Tesla etwa haben im vorigen Jahr mehr als zehnmal so viele Fahrzeuge verkauft. Der Sportgeländewagen EQC mit gut 400 PS und mehr als 400 Kilometer theoretischer Reichweite weist zwar den Weg. Allerdings macht die Fertigung im Werk Kamenz (Sachsen) große Probleme. So soll es bei den Batterien, die von LG Chem kommen, Qualitätsmängel geben.

Wie geht Källenius die Probleme nun an?

Källenius hat bereits ein Sparprogramm mit einem Volumen von rund 1,4 Milliarden Euro angekündigt. Medienberichten zufolge will er den geplanten Stellenabbau noch einmal verschärfen – nicht nur 10.000, sondern laut Handelsblatt 15.000 Jobs sollen wegfallen, und zwar mittels Abfindungen, Altersteilzeit und Frühpensionierungen. Die Modellpalette soll gestrafft werden, unter anderem könnte die X-Klasse wegfallen. Die in die Jahre gekommene B-Klasse steht zur Disposition. Verlustbringende Projekte sollen gestutzt oder gestrichen werden. So gilt es als offenes Geheimnis, dass sich Daimler am liebsten komplett aus Your Now, dem Mobilitäts-Joint-Venture mit BMW, zurückziehen würde. Zugleich könnte die Kooperation mit den Münchnern bei der Entwicklung neuer Plattformen, auch für Elektroautos, intensiviert werden. Details werden heute auf der Bilanzpressekonferenz genannt.

Wie stehen die Erfolgschancen?

Skepsis ist verbreitet. Sie wurde noch einmal dadurch verstärkt, dass Källenius es für nötig befand, Max Warburton als eine Art persönlicher Berater an Bord zu holen. Er hat sich als Autoanalyst bei der UBS-Bank einen Namen gemacht. Nun soll er Konzepte entwickeln, wie bei Daimler Entscheidungen beschleunigt, die E-Mobilität forciert und die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden können. Das Grundproblem: Daimler muss für viele Jahre zweigleisig fahren mit Stromern und Verbrennern. Das kostet viel Geld. Zugleich erwarten die Investoren hohe Renditen und Dividenden. Und es gibt keine Ankeraktionäre wie bei Volkswagen (die Familien Porsche und Piech) oder BMW (die Familie Quandt), auf die sich der Vorstand stützen kann.