Aufruhr in Deutschlands größter Werft: Meyer will 660 Arbeitsplätze abbauen

  • Deutschlands größte Werft, Meyer in Papenburg, plant den Abbau von 660 Stellen, wie die Geschäftsleitung bestätigte.
  • Dagegen kämpft der Betriebsrat erbittert – dessen Chef Nico Bloem forderte eine Lösung ohne betriebsbedingte Kündigungen.
  • Begleitet wird der drohende Arbeitsplatzabbau von Protesten der Belegschaft.
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Papenburg. Gegen den Protest des Betriebsrates steuert Deutschlands größter Schiffbaubetrieb, die Meyer-Werft an der Ems, den Abbau von 660 Stellen an. Das bekräftigten Geschäftsführer Jan Meyer und Personalchefin Anna Blumenberg am Montag für den Kreuzfahrtschiffbauer in Papenburg. Gleichzeitig bekundeten vor den Werfttoren mehr als Tausend Mitarbeiter ihren Unmut über den drohenden Verlust der Arbeit. Betriebsratschef Nico Bloem forderte Verhandlungen über eine Lösung ohne betriebsbedingte Kündigungen.

„Am Ende des Tages sind wir uns sehr wohl bewusst, dass es Einschnitte geben wird“, sagte er der dpa. „Aber dafür wollen wir auch etwas haben.“ Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sprach am Nachmittag in Papenburg mit den Meyer-Betriebsräten und -Vertrauensleuten.

Ministerpräsident spricht von „verhärteter Lage“

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„Wir haben eine verhärtete Lage, die wir in keinem anderen Unternehmen in Niedersachsen derzeit vorfinden“, sagte Weil anschließend dem NDR. „Das Land hat die Meyer-Werft immer unterstützt. Sie ist ein Vorzeigeunternehmen für uns. Aber wir müssen auch erwarten, dass nun beiderseits konstruktiv auf eine gemeinsame Lösung hingearbeitet wird“, sagte der niedersächsische Regierungschef der „Rheiderland-Zeitung“. Man werde zu gemeinsamen Lösungen finden und sich danach wieder in die Augen schauen müssen.

Betriebsratschef Bloem sagte nach dem Gespräch: „Der Ministerpräsident hat klare Worte gewählt, wofür wir ihm dankbar sind.“ Weil habe klar gesagt, dass er an der Seite der Belegschaft steht. „Wir hoffen, dass die Geschäftsführung nun an den Verhandlungstisch zurückkehrt.“

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Werft steckt wegen Corona in der Krise

In der Belegschaft, die nach Blumenbergs Angaben noch 3900 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zählt, herrscht große Unruhe. Wegen des Stillstands der Kreuzfahrtbranche durch die Corona-Pandemie steckt die Werft in der Krise. Zwischen Geschäftsführung einerseits und Bloem und der IG Metall andererseits gibt es aber seit Monaten keine Verständigung über den Umgang mit den Problemen.

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„Wir kommen nicht zueinander. Der Betriebsrat und die IG Metall in Leer erkennen den Ernst der Lage nicht“, sagte Meyer der dpa. „Wir haben jetzt 40 Prozent weniger Arbeit.“ Ohne Betriebsrat ließ die Werftleitung am Samstag bei einer Online-Versammlung die Belegschaft über den Jobabbau abstimmen. Es ging um 660 oder 1000 zu streichende Arbeitsplätze. Nach Firmenangaben gab es eine überwältigende Zustimmung für den Verlust von nur 660 Jobs.

„Ich habe die Infoveranstaltung als ein Foul empfunden“, sagte Ministerpräsident Weil der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ). Eine solche Abstimmung sei nicht Sache des Arbeitgebers.

Wöchentliche Arbeitszeit wird um vier Stunden erhöht

Jeder verbliebene Mitarbeiter soll einen Beitrag von 200 unbezahlten Arbeitsstunden im Jahr leisten. Dazu werde die wöchentliche Arbeitszeit von 35 auf 39 Stunden aufgestockt, sagte Personalchefin Blumenberg. Mit den Zusatzstunden könne die Werft kostenneutral den Arbeitsanteil senken, der sonst an Fremdfirmen vergeben werden müsse.

Bloem und der IG-Metall-Bevollmächtigte für Leer/Papenburg, Thomas Gelder, kritisierten ebenfalls die Abstimmung. „Das ist die Wahl zwischen Pest und Cholera“, sagte Gelder. Eine solche Abfrage ohne den Betriebsrat widerspreche dem Betriebsverfassungsgesetz. „Wir lassen uns nicht spalten“, sagte Bloem. Ein Firmensprecher sprach von einer Infoveranstaltung, auf der ein Meinungsbild erhoben worden sei. „Jetzt haben wir feststellen können, dass wir hohen Zuspruch für unseren Vorschlag bekommen“, sagte Meyer indes.

Noch eine interne Verhandlungsrunde

Zum weiteren Verfahren sagte Blumenberg, dass es noch eine betriebsinterne Verhandlungsrunde geben solle. Wenn es dabei keine Einigung gebe, werde die Werft beim Arbeitsgericht die Einsetzung einer Einigungsstelle beantragen. Dies solle „in den nächsten Wochen“ geschehen. Solche Einigungsstellen haben einen unabhängigen Vorsitzenden, meist einen Arbeitsrichter. Sie entscheiden darüber, wie ein Unternehmern seinen Betrieb sozialverträglich umstellt.

Auch wenn nach langem Corona-Stillstand die ersten Kreuzfahrtschiffe wieder auf Fahrt gehen, wird es in den kommenden Jahren kaum Nachfrage nach neuen Traumschiffen geben. Den Bestand an Aufträgen arbeitet die Meyer-Werft verlangsamt bis 2025 ab. Sie will 1,2 Milliarden Euro sparen und 40 Prozent Arbeitskapazität abbauen. Auch andere deutsche Werften müssen wegen Auftragsmangels in der Corona-Krise Stellen abbauen.

RND/dpa

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