Dunkelgraue Aussichten in der Autobranche, Krisenfolgen noch nicht absehbar

  • Der Absatz in der Automobilbranche ist im ersten Halbjahr um ein Drittel eingebrochen.
  • Und der VDA warnt vor Jobfolgen nach dem Ende der Kurzarbeit.
  • Vor allem die EU soll mit ihrem Aufbauprogramm mehr Gas geben.
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Berlin. Die deutsche Autoindustrie ist von einer Rückkehr zu früheren Produktionszahlen noch weit entfernt. Zwar haben die Hersteller die Fertigung inzwischen wieder hochgefahren und beenden teilweise die Kurzarbeit, aber es fehle noch die Nachfrage, sagte die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, am Freitag in einer Videokonferenz: “Wir rechnen nicht mit einem raschen Hochlauf der Märkte”, es werde eher eine langsame stetige Erholung erwartet. Für die Industrie, vor allem für die mittelständischen Zulieferer, könne es dabei in den nächsten Monaten noch eng werden. “Der Druck in der Lieferkette ist enorm.” Die Beschäftigung sinke, das werde im Moment nur durch die Kurzarbeit kaschiert.

Das erste Halbjahr brachte der Branche den stärksten Einbruch der Nachkriegsjahre. Gegenüber der Vorjahreszeit ist die Zahl der Neuzulassungen nach VDA-Angaben um ein Drittel auf 1,21 Millionen Fahrzeuge gesunken – und darin sind noch coronafreie Monate enthalten. Im Mai seien nur halb so viele Neuwagen zugelassen worden wie ein Jahr zuvor. Für das Gesamtjahr rechnet der Verband mit 2,8 Millionen neuen Pkw in Deutschland, das wären 23 Prozent weniger als im vergangenen Jahr – vorausgesetzt es kommt nicht zu einer zweiten Welle an Neuinfektionen.

Krisenfolgen nur zu ahnen, Kurzarbeit wird an ihre Grenzen stoßen

Ähnlich stark (minus 24 Prozent) werde der europäische Markt schrumpfen. In den USA und in China werde der Einbruch mit Rückgängen von 18 beziehungsweise 10 Prozent etwas glimpflicher ausfallen. “Der Einbruch der Märkte ist in seinem Ausmaß und in seinem globalen Umfang beispiellos”, sagte Müller. Immerhin seien im Juni aus dem Inland wieder mehr Aufträge hereingekommen als im Vorjahr, die Auslandsaufträge lägen aber weiter im Minus.

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Die Krisenfolgen sind nach Müllers Überzeugung bisher nur zu ahnen. Die Belegschaften in der Autoindustrie seien zwar bereits um drei Prozent auf 814.000 Mitarbeiter geschrumpft, aber davon sei noch rund die Hälfte in Kurzarbeit – und die werde irgendwann an Grenzen stoßen. “Die Kurzarbeit ist keine Brücke, die ewig trägt”, sagte Müller. Für eine dauerhafte Erholung müssten die Nachfrage, aber auch die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie gestärkt werden.

Autobranche mit Konjunkturpaketen nur teils zufrieden

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Die frühere CDU-Politikerin, die den Verband seit Februar führt, hofft zwar auf eine Wirkung der großen, von der Bundesregierung und der EU-Kommission beschlossenen Konjunkturpakete, machte aber keinen Hehl daraus, dass die Autobranche mit Inhalt und Umsetzung nur zum Teil zufrieden ist. Vor allem hatte die Branche auf Kaufprämien für Autos mit emissionsarmen Verbrennungsmotoren gehofft, gefördert werden nun allein E-Autos und Plug-in-Hybride. Deren Stückzahlen seien aber noch zu klein, um in den Fabriken die Beschäftigung zu sichern. “Über 90 Prozent der Verbraucher wünschen sich nach wie vor Verbrenner”, sagte sie. “Das wird sich verändern, hängt aber auch mit vielen Rahmenbedingungen zusammen.”

Das dünne Ladenetz für E-Autos zählt Müller zu den “unerledigten Aufgaben der öffentlichen Hand”. Die Hersteller täten ihren Teil mit Milliardeninvestitionen. Sie wünsche sich “energischeres Handeln” in der Politik. Das gilt auch mit Blick auf Brüssel: Müller vermisst “einen Kickstart” der EU. Die im Aufbauprogramm vorgesehenen eine Million Ladesäulen europaweit seien “nicht mehr als ein Anfang”. Zudem müssten schnell konkrete Entscheidungen über die Verwendung der 750 EU-Milliarden getroffen werden. “Da muss wirklich Geschwindigkeit aufgenommen werden in den Verhandlungen.” Der Bundestag habe wichtige Entscheidungen sehr schnell getroffen, “auch Europa könnte gesetzgeberisch Gas geben”.

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