Die Kluft wächst dramatisch

Oxfam-Studie: Soziale Ungleichheit eskaliert durch Krisen

Armut wächst in Krisenzeiten weltweit und auch in Deutschland.

Armut wächst in Krisenzeiten weltweit und auch in Deutschland.

München. Pandemie, Klimawandel sowie der Ukraine-Krieg mit explodierenden Energie- und Lebensmittelpreisen haben die soziale Ungleichheit weltweit verschärft wie nie. Das ist die Kernaussage eines Berichts der Hilfsorganisation Oxfam im Vorfeld des am Montag in Davos beginnenden Weltwirtschaftsforums.

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Seit 2020 gingen zwei Drittel aller Vermögenszuwächse an das reichste Prozent der Weltbevölkerung, während die anderen 99 Prozent sich den Rest teilen mussten, hat Oxfam errechnet. Nach Daten der Weltbank hätten in dieser Zeit erstmals seit einem Vierteljahrhundert extremer Reichtum und extreme Armut zugleich zugenommen. Vor 2020 war die Armut noch zurückgedrängt worden. Noch gravierender als im globalen Schnitt wächst die soziale Kluft jedoch in Deutschland.

In der Bundesrepublik seien 81 Prozent der Vermögenszuwächse in den Taschen des reichsten Prozents der Bevölkerung gelandet und weniger als ein Fünftel beim großen Rest, rechnet Oxfam vor. Die Organisation wertet bei ihrer Kalkulation unter anderem Daten der Vereinten Nationen und Weltbank, des Internationalen Währungsfonds, deutscher Wirtschaftsforschenden und Wohlfahrts- oder Statistikbehörden aus.

Studie zu Gerechtigkeit: Große Mehrheit will Reiche zur Kasse bitten

Die Forscher stellten zudem fest, dass der Drang zur Umverteilung etwas abnimmt, wenn es ans eigene Portemonnaie geht.

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Verschärft habe sich die Entwicklung durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, der nicht nur dort Tod und Verwüstung, sondern auch weltweit stark steigende Preise für Heizen und Essen brachte, betont Oxfam. „Während Millionen Menschen nicht wissen, wie sie Lebensmittel und Energie bezahlen sollen, bringen die Krisen unserer Zeit gigantische Vermögenszuwächse für Milliardäre und Milliardärinnen“, erklärt der Oxfam-Referent für soziale Gerechtigkeit, Manuel Schmitt.

Deutschland habe schon vor der Pandemie zu den Industrieländern gezählt, in denen private Vermögen mit am ungleichsten verteilt waren. 2021 habe das reichste Promille der Deutschen ein Fünftel allen Privatvermögens besessen, die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung dagegen nur 1,3 Prozent, wobei viele sogar verschuldet seien, zitiert Oxfam aus einer Studie von Wirtschaftsforscherinnen und Wirtschaftsforschern des DIW. Der deutsche Sparkassenverband schätze zudem, dass bald bis zu sechs von zehn hiesigen Haushalten ihr monatliches Einkommen komplett zur Lebenshaltung einsetzen müssen und nichts mehr sparen können. 2021 galt das erst für 15 Prozent aller deutschen Haushalte.

In Deutschland öffnet sich die soziale Schere besonders weit

Im Vorjahr mussten zwei Millionen hier lebende Menschen die Hilfe von Tafeln in Anspruch nehmen, die Hälfte mehr als noch 2021, betont Oxfam. Vor allem Frauen würden in der Bundesrepublik abgehängt. So habe eine Studie berechnet, dass die hiesige Vermögenslücke zu Lasten von Frauen etwa 30 Prozent bezogen auf das durchschnittliche Vermögen von Männern beträgt.

Im globalen Maßstab gleiche derzeit die Lohnentwicklung für 1,7 Milliarden Menschen auf der Welt die hohe Inflation nicht mehr aus, warnt Oxfam. 828 Millionen Erdenbürger und Erdenbürgerinnen und damit jeder und jede Zehnte müssten hungern. Auch deshalb hat Oxfam den diesjährigen Bericht im Vorfeld von Davos unter den Titel „Survival of the Richest“ gestellt, übersetzt „Überleben der Reichsten“.

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Armut und Folgen

Der Oxfam-Vermögensreport vermittelt jedes Jahr zum Weltwirtschaftsforum in Davos einen Überblick über die Entwicklung der sozialen Ungleichheit und ist diesmal besonders eindringlich. Demnach besitzt das reichste Prozent der Weltbevölkerung 45,6 Prozent allen Vermögens. Im letzten Jahrzehnt gingen von 100 US-Dollar, die neu erwirtschaftet wurden über 54 Dollar an diese Superreichen und nur 70 Cent an die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. 2022 ist das Gesamtvermögen aller Milliardäre laut Oxfam zwar im Vergleich zum Höchststand 2021 zwar leicht gesunken, in letzten Monaten aber wieder gestiegen. Für Habenichts geht es dagegen ungebremst bergab. Das Ziel, extreme Armut bis 2030 weltweit zu beseitigen, ist unerreichbar geworden, sagt die Weltbank. Global steigende Mehrwertsteuern und Preise für Lebensmittel belasten Arme besonders, weil sie höhere Einkommensteile für den täglichen Bedarf ausgeben müssen als Reiche.

Das global und vor allem auch in Deutschland zunehmende Auseinanderklaffen der sozialen Schere wird indessen von Regierungen vor allem per Steuerpolitik noch verschärft, prangert Oxfam an. Es gebe seit Jahren einen globalen Trend zu sinkenden Steuern für Reiche und Unternehmen, wozu aktuell noch exzessive Übergewinne durch steigende Preise bei Lebensmitteln und Energie kommen. 95 von Oxfam ausgewählte Konzerne dieser Branchen hätten ihre Profite 2022 mehr als verdoppelt. Zugleich planten drei von vier Regierungen weltweit Ausgaben für Gesundheit oder Bildung zu kürzen. Mehrwertsteuern würden parallel vielfach erhöht, was vor allem Arme treffe.

„In vielen Ländern zahlen die Ärmsten höhere Steuern als Milliardärinnen und Milliardäre“, sagt Schmitt. Die These, dass von Steuersenkungen für Reiche alle profitieren, sei ein Mythos. Oxfam fordert deshalb von der Bundesregierung, Krisengewinne abzuschöpfen, Reichensteuern zu erhöhen und eingenommenes Geld in Bildung, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit zu investieren. Sonst würde die Demokratie ernsthaft untergraben.

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