Österreich: Bei Ausfall der Skisaison drohen milliardenschwere Verluste

  • „Schifoan is des Leiwaundste“, also das Großartigste, singt Wolfgang Ambros.
  • Darauf baut eine Schlüsselbranche, insbesondere in Österreich – doch diese Saison könnte zum finanziellen Fiasko werden.
  • Kanzlerin Angela Merkel will wegen Corona die Pisten in ganz Europa sperren lassen – milliardenschwere Einbußen und Pleiten drohen.
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Frankfurt am Main. Ein Aufschrei ist in den Tourismusbranchen der Alpenländer zu vernehmen. Der Grund: „Wir werden uns in Europa um eine Abstimmung bemühen, ob wir alle Skigebiete schließen können“, so Merkel am Donnerstag im Bundestag. Wird das umgesetzt, dann dürfte es heftige Verwerfungen in unserem Nachbarland geben. Die Erträge des Skitourismus liegen laut einer Analyse des Instituts für Höhere Studien in Wien in etwa auf dem Niveau des Einzelhandels. Und weit mehr als 200.000 Arbeitsplätze hängen am Geschäft mit dem Winterurlaub.

Touristen geben knapp 200 Euro aus – am Tag

Die Österreicher haben den Skizirkus industrialisiert. Allein im vorigen Jahr wurden nach Angaben der Seilbahnbetreiber rund 750 Millionen Euro in Lifte, Pisten und Schneeanlagen investiert. Inzwischen werden 70 Prozent der Pisten künstlich beschneit. Und mit dem Präparieren der Abfahrten wurde schon längst begonnen.

Der Saisonhöhepunkt steht bevor: Das sind die Weihnachtsferien. In Tirol sind Hoteliers und Seilbahnbetreiber, aber auch Bauern und Bierbrauer wie in kaum einer anderen Skiregion so massiv davon abhängig, dass die Touristen bald kommen. Und das sind zu 50 Prozent sportlich Ambitionierte aus dem benachbarten Deutschland. Bleiben die weg, drohen massenweise Pleiten. Schließlich wirft der Wintertourismus erheblich höhere Gewinne ab als die Sommerfrische. Laut der Organisation Tirol Tourism Research geben die Gäste im Sommer täglich im Schnitt 137 Euro aus. Im Winter sind es aber 186 Euro.

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EU soll Verlust ersetzen: 2 Milliarden Euro

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Kein Wunder, dass die österreichische Regierung einen Shutdown der Skigebiete nicht hinnehmen will. Finanzminister Gernot Blümel hat bereits angekündigt, dass dann die EU-Kommission die Kosten dafür aufbringen müsse. Das wären allein für die Branche in der Alpenrepublik in jedem Fall 2 Milliarden Euro. Österreichische Medien spekulieren bereits, wo das Geld herkommen soll. Denkbar wäre, Mittel aus dem 750 Milliarden Euro schweren EU-Aufbaufonds abzuzwacken. Die Regierung bringt auch ins Spiel, dass Entschädigungen mit den Zahlungen an die EU verrechnet werden könnten.

Skiorte wollen verspätet öffnen

Dabei ist noch völlig offen, wie massiv reglementiert wird. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will nicht die gesamte Saison ausfallen lassen. Er hat sich einem Vorschlag von Italiens Regierungschef Giuseppe Conte angeschlossen, der das Treiben im Schnee erst verspätet am 10. Januar starten will. Dann sind aber die Wochen mit der höchsten Nachfrage schon vorbei.

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Laut der Wiener Tageszeitung „Der Standard“ halten es Regionalpolitiker in Vorarlberg indes für noch zu früh, um überhaupt über Schließungen nachzudenken. In Salzburg habe man vor, verspätet, aber doch noch rechtzeitig vor Weihnachten loszulegen. In Tirol werde ein „behutsames Öffnen“ durchgespielt. Dafür haben sich auch die Seilbahnbetreiber in Ischgl entschieden. Die Lifte sollen erst am 17. Dezember, drei Wochen später als geplant, in Betrieb genommen werden.

In dem hochgelegenen Skiort ereignete sich Anfang des Jahres ein Mega-Spreader-Event, das Tausende mit dem Covid-Virus infizierte. Die Silvretta-Seilbahn AG hat nun 700.000 Euro in Gesundheits- und Hygienemaßnahmen investiert, um Wintertourismus in den nächsten Monaten dort wieder zu ermöglichen. Nur Après-Ski soll es nicht geben.

In der Schweiz soll alles wie gewohnt weiterlaufen

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Das gilt auch für französische Skigebiete. Premierminister Jean Castex hat überdies angekündigt, dass zumindest zwischen den Jahren alle Skilifte stillstehen werden. Aber jedem werde es möglich sein, in die Ferienorte zu gehen, „um die reine Luft unserer schönen Berge zu genießen“.

Ein Profiteur von EU-Beschränkungen könnten die rund 200 Skigebiete in der Schweiz werden. Dort soll der Betrieb weitgehend wie üblich laufen. In der Region Zermatt/Matterhorn sind laut ADAC sogar schon die ersten Pisten geöffnet. Die Seilbahnbetreiber haben sich darauf geeinigt, dass in den Gondeln und beim Anstehen der Mund-Nasen-Schutz getragen werden soll. Außerdem sollen die Lifte regelmäßig desinfiziert werden.

Alle Alpenländer derzeit Risikogebiete

In den hiesigen Skigebieten tut sich hingegen gar nichts, das würde gegen die landesweiten Corona-Beschränkungen verstoßen. Und bayerische Skifahrer, die demnächst in Nachbarländern die Hänge runterwedeln, müssen sich nach der Rückkehr für zehn Tage in Quarantäne begeben – alle Alpenländer gelten derzeit als Risikogebiete. Auch viele Arbeitgeber verlangen in solchen Fällen bundesweit die Selbstisolation nebst Arbeiten im Homeoffice. Allein diese Vorgaben könnten viele Skifahrer dazu bringen, in der Saison 2020/21 auf eine der schönsten sportlichen Betätigungen zu verzichten. Finanzielle Einbußen für den Tourismus sind jedenfalls unvermeidbar.

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