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Osterloh geht, Cavallo übernimmt: Für den VW-Betriebsrat ist das mehr als ein Generationswechsel

  • 16 Jahre lang war Bernd Osterloh Betriebsratschef bei VW – nun gibt er den Posten auf und startet kurz vor dem Rentenalter eine Managerkarriere bei der Konzerntochter Traton.
  • Übernehmen wird Osterlohs Stellvertreterin, die 46-jährige Daniela Cavallo.
  • Sie hielt sich bisher öffentlich zurück. Als Mangel an Selbstbewusstsein sollte das aber niemand auslegen.
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Wolfsburg. Der Abschied ist schnell, aber schwer: Mit einem Brief an die „beste Belegschaft der Welt“ hat sich Bernd Osterloh am Freitag vom Amt des Betriebsratsvorsitzenden im VW-Konzern verabschiedet. Der größte Teil dieser Belegschaft hatte erst wenige Stunden zuvor gerüchteweise gehört, dass dies Osterlohs letzter Arbeitstag in Wolfsburg sein würde. In einer Woche tritt der 64-Jährige seinen Job als Personalvorstand bei der Konzerntochter Traton in München an.

In Wolfsburg vertritt künftig die bisherige Stellvertreterin Daniela Cavallo die Interessen von mehr als 650.000 Beschäftigten in aller Welt. Sie war ein Kleinkind, als Osterloh vor 44 Jahren seinen ersten Arbeitstag bei VW hatte – und wird nun nicht nur zu einer der mächtigsten Figuren im Konzern, sondern in der gesamten Industrie. Es ist mehr als ein Generationswechsel. Mit Cavallo ziehen ein anderer Stil und andere Themen ein.

Osterloh stand schon oft vor dem Absprung. Vor Jahren sprach er von Altersteilzeit, die nie begann. Später hätte er Personalvorstand des Konzerns werden können, blieb aber wohl wegen der Unruhe rund um den Dieselskandal auf dem Posten. Den Job hat nun sein langjähriger Vertrauter Gunnar Kilian.

Osterloh mischte immer mit und überstand doch alles

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Der gelernte Industriekaufmann wurde derweil zur Machtkonstante in den VW-Wirren der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte. Schon der Start 2005 war turbulent: Der Betriebsratsskandal hatte Vorgänger Klaus Volkert aus dem Amt gefegt. Osterloh begann als Reformer auf dem Tiefpunkt – und verschaffte dem Betriebsrat mehr Einfluss, als dieser selbst unter seinem Vorgänger gehabt hatte.

Der Übernahmekampf mit Porsche, die Rettung des VW-Gesetzes, das Zerwürfnis mit Ferdinand Piech, Dieselgate und der erzwungene Abgang Martin Winterkorns, Zukunftspakt und diverse Konzepte für Beschäftigungssicherung – Osterloh mischte immer mit und überstand doch alles. Er tat es öffentlich meist im Stil des Arbeiterführers, gern mal laut, ob nun pöbelnd oder lachend. Er kokettierte mit seiner Macht – nicht zuletzt dann, wenn es an der gerade mal fehlte.

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Der Ton wird sich ändern, die Macht nicht. Daniela Cavallo ist erst seit gut zwei Jahren Osterlohs Stellvertreterin und hält sich bisher öffentlich zurück. Als Mangel an Selbstbewusstsein sollte das aber niemand auslegen. Auch neben dem Alphatier weiß sie sich Gehör zu verschaffen.

Der Haustarif für Cariad galt als Bewährungsprobe

Die Tochter italienischer Eltern hat bei VW zwar die typische Betriebsratskarriere gemacht mit Stationen in der Jugendvertretung, der Vertrauenskörperleitung und einem berufsbegleitenden Wirtschaftsstudium. Profiliert hat sie sich aber mit dem vielleicht wichtigsten Zukunftsprojekt des Konzerns: Cavallo handelte für die Arbeitnehmer die Bedingungen im neuen Softwareunternehmen Cariad aus. Rund 10.000 Softwareexperten aus allen Teilen des Weltkonzerns werden dort versammelt. Sie bringen verschiedene Kulturen mit, brauchen andere Regeln als die Leute am Band, ticken überhaupt anders – und nicht alle kommen begeistert.

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Der Haustarif für diese bunte Truppe galt als Cavallos Bewährungsprobe, die sie im Januar bestanden hat. Und es kann das Muster für die Transformation des ganzen Konzerns vom Autobauer zum softwaregetriebenen Mobilitätskonzern sein, wie sie Vorstandschef Herbert Diess unermüdlich predigt.

Bei Traton wartet kein Rentnerjob auf Osterloh

Dessen Vorgaben wird Osterloh künftig bei Traton umsetzen müssen. Während bei VW gerade der Jahrgang 1964 in die Altersteilzeit gebeten wird, fängt der Betriebsratschef des Jahrgangs 1956 nun doch eine Managementkarriere an. Als Personalvorstand und Chef von rund 100.000 Menschen findet sich Osterloh am 3. Mai auf der „dunklen Seite der Macht“ wieder, wie er den Vorstand gern nennt – weil dessen Mitglieder bei Wolfsburger Betriebsversammlungen lange Zeit abseits des Lichtkegels saßen.

Es wird nicht leicht, dort zu strahlen, denn bei Traton wartet alles andere als ein Rentnerjob. Die Lkw-Holding mit den beiden Marken Scania und MAN steht wie die Pkw-Sparte vor dem Wechsel zu Elektroantrieb und Vernetzung. Und bei MAN kommt eine akute Krise hinzu. Tausende Stellen werden gestrichen und Werke abgegeben, im österreichischen Steyr droht sogar eine Schließung. Der Vorstand kündigte einen Vertrag zur Beschäftigungssicherung – für VW-Verhältnisse ein unerhörter Vorgang, bei dem auch der Wolfsburger Betriebsrat nicht gut aussah. Der Frieden ist nur mühsam wieder hergestellt. Es wird dringend Autorität von außen gebraucht, um ihn zu erhalten.

Wer dabei auf Osterloh kam, ist nicht bekannt. Es trifft sich jedenfalls, denn so regelt sich der Generationswechsel im Betriebsrat automatisch: In einem Jahr wird neu gewählt, und niemand wusste genau, ob Osterloh noch einmal antreten würde. „Ich musste mich jetzt also endgültig entscheiden“, schreibt er selbst – wohl wissend, dass sich niemand getraut hätte, ihm die Entscheidung abzunehmen. Nun kann Cavallo als Vorsitzende ins Rennen gehen – das sie bei mehr als 90 Prozent Organisationsgrad der IG Metall nicht verlieren wird.

Die neue Bezahlung wird den Abschied erleichtern

Neben der „unternehmerischen Aufgabe“, auf die sich Osterloh glaubwürdig freut, wird ihm auch die unternehmerische Bezahlung den Auszug aus dem Betriebsratsbüro erleichtern. Experten streiten, wie Betriebsräte in deutschen Unternehmen bezahlt werden sollen und dürfen. Osterlohs zeitweise hoch sechsstelliges Jahreseinkommen bei VW wird noch Thema eines Prozesses gegen VW-Personalmanager vor dem Landgericht Braunschweig sein. Osterloh selbst ist zwar nicht angeklagt, konnte seinen Ärger über das Verfahren aber immer nur mühsam verbergen. Als Traton-Vorstand verdient er siebenstellig – und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft drohen deshalb nicht.

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