Die Angst vor Omikron geht unter den Börsianern um

  • Aussagen des Moderna-Chefs über die Wirksamkeit von Impfstoffen verunsichern die Finanzmärkte.
  • Die Angst vor neuen Beschränkungen drückt vor allem Aktien aus der Reisebranche.
  • Expertinnen und Experten befürchten panische Reaktionen von Anlegern.
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Frankfurt. Einige wenige Worte von Stephane Bancel, Chef des Impfstoffherstellers Moderna, genügten für den nächsten Rückschlag an den Börsen weltweit. Bancel geht davon aus, dass es ein „materielles Nachlassen der Wirksamkeit bei den existierenden Impfstoffen“ geben werde. Die Ursache: die neue Corona-Variante Omikron.

Der Deutsche Aktienindex gab am Dienstag zunächst deutlich nach. Er verlor bis zum Nachmittag rund 1,4 Prozent. Im Handelsverlauf verringerten sich die Einbußen zwar. Damit hat das wichtigste hiesige Börsenbarometer aber seit dem historischen Hoch vom 18. November mehr als 1100 Punkte verloren. Ähnlich sah es bei anderen wichtigen europäischen Indizes aus.

Bancel hatte auch betont, dass kurzfristig wirksamere Impfstoffe nicht zur Verfügung stünden. Pfizer-Chef Albert Bourla sagte dem Finanzdienst Bloomberg, erst in zwei oder drei Wochen sei überhaupt erst klar, wie gut das eigene Präparat gegen Omikron wirke – es wurde gemeinsam mit der Mainzer Firma Biontech entwickelt. Etwa 100 Tage brauche es, um das Vakzin gegebenenfalls so zu modifizieren, dass es gezielt gegen die neue Variante eingesetzt werden könne.

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Besonders Aktien von Unternehmen aus der Reise- und der Tourismusbranche gingen in die Knie. Der britische Billigflieger Easyjet teilte mit, dass bereits erste durch Omikron ausgelöste Effekte auf der Kurzstrecke erkennbar seien. Der Ryanair-Rivale schraubt deshalb seine Kapazitäten für das laufende Quartal zurück. Jetzt sollen noch etwa zwei Drittel der Flüge im Vergleich zu der Zeit vor Corona angeboten werden – bislang waren bis zu 70 Prozent geplant.

Flucht in Staatsanleihen

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Die Aktie hat seit vorigen Freitag gut 11 Prozent verloren. Dahinter steckt die Vermutung der Anleger, dass es in vielen Ländern wieder Beschränkungen geben könnte, die die Reisetätigkeit sowohl von Touristen als auch von Geschäftsleuten stark einschränken.

So musste denn auch die Lufthansa-Aktie innerhalb von drei Handelstagen knapp 10 Prozent an Wert einbüßen. Dabei war die Kranichlinie gerade erst wieder durchgestartet, Staatshilfen wurden zurückgezahlt und der Flugplan wieder ausgeweitet. Offen ist bislang, ob auch die Lufthansa ihr Angebot nun wieder kürzt.

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WHO: Omikron stellt sehr hohes globales Risiko dar
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Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation geht von der neuen Corona-Variante weltweit ein sehr hohes Risiko aus.  © Reuters

Am Dienstag ging es nicht nur mit den Aktien nach unten. Auch andere Indikatoren zeigten an, dass die Angst vor Omikron an den Finanzmärkten umgeht. Anleger investierten in sichere Papiere. Dazu zählen deutsche Staatsanleihen. Deren Kurse stiegen, was die Renditen drückte. Papiere mit zehnjähriger Laufzeit notierten am Nachmittag mit minus 0,36 Prozent – so niedrig wie seit September nicht mehr.

Die Ölpreise sind abgestürzt. Sie haben seit Anfang November fast ein Fünftel eingebüßt. Zugleich kletterte der V-Dax, der die Schwankungsbreite des Dax misst, auf den höchsten Stand seit zehn Monaten: Die Anleger sind hochgradig nervös.

Ist das das Ende einer Rallye, die mit einigen Unterbrechungen seit Ende März 2020 anhält? In diesem Jahr hat der Dax trotz der jüngsten Verluste immerhin noch mehr als 1300 Punkte gut gemacht (Stand Dienstagnachmittag). Doch vielfach wurde von Finanzmarktexperten in den vergangenen Wochen bereits beschworen, dass das Ende der Phase mit den steigenden Kursen naht. Die Warnungen wurden seit dem jüngsten Kurshubbel noch einmal intensiver – der bildete sich seit Anfang November aus, als zugleich die Zahl der Infizierten stark stieg.

Hoffnung auf den Boom hat die Aktien nach oben getrieben

Sentiment-Experte Stephan Heibel betont gleichwohl, dass die Investitionsbereitschaft nach wie vor sehr hoch sei. Er konstatiert aber auch, dass die Meldungen über Omikron viele Anleger auf dem falschen Fuß erwischt hätten. Also in einer Phase, als viele sich gerade noch einmal mit Aktien eingedeckt hatten, weil sie auf steigende Kurse setzten.

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Dahinter steckt das Narrativ, dass im nächsten Jahr die Wirtschaft heftig wachsen wird, weil sich enorme Nachfrage sowohl bei Konsumentinnen und Konsumenten als auch bei Unternehmen, die unter anderem neue Maschinen kaufen wollen, aufgestaut hat. Omikron könnte nun einen Strich durch diese Rechnung machen. Für Heibel jedenfalls stellt sich die Frage, „wie tief die Aktienmärkte im derzeitigen Ausverkauf fallen werden“. Breche der Dax nach unten durch, könne sich tatsächlich „eine Panik“ bilden, die neue Tiefs erwarten lasse.

Solche Mechanismen sind an den Finanzmärkten nicht selten. Der Wirtschaftswissenschaftler Peter Bofinger hat dieses Verhaltensmuster als „manisch-depressiv“ beschrieben – also immer übertrieben, weil es immer darum geht, das Kommende zu antizipieren.

Das bedeutet: Aktienkurse steigen, solange die Mehrheit der Anleger glaubt, dass die Mehrheit der Anleger mit steigenden Kursen rechnet. Und umgekehrt. Nebst gegenläufiger Effekte: Abstürze werden von Händlern auch immer als Gelegenheiten für günstige Einstiege bewertet.

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