Ohne Weihnachtsmärkte: Harte Saison für Schausteller und Winzer

  • Hohe Infektionszahlen in der Corona-Pandemie erlauben keine gesellige Glühweinrunde am Stand.
  • Winzer und Händler hoffen deshalb, das Geschäft mit dem heißen Wein in anderen Formaten zu erhalten.
  • Die Schausteller befürchten hingegen, dass Weihnachtsmärkte zukünftig ganz aussterben könnten.
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Mainz. Eigentlich eröffnen die Weihnachtsmärkte in diesen Tagen. Doch in vielen Kommunen wurden die Märkte aber bereits wegen des hohen Infektionsgeschehens abgesagt, darunter auch der weltberühmte Christkindlesmarkt in Nürnberg und der Dresdner Striezelmarkt. Darunter leiden neben den Schaustellern auch die Winzer.

50 Millionen Liter Glühwein pro Jahr

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Die coronabedingte Absage von Weihnachtsmärkten in vielen Städten ist ein schwerer Schlag für das Saisongeschäft mit Glühwein. Die Beschicker der Glühweinstände auf den Weihnachtsmärkten haben alternative Vertriebswege entwickelt, was den Umsatzausfall aber nur teilweise ausgleichen kann.

Nach einer Branchenschätzung werden in Deutschland mindestens 50 Millionen Liter Glühwein pro Jahr getrunken – pro Kopf der Bevölkerung fast eine Flasche. Die Zahl des allein über den Handel verkauften Glühweins stieg nach Daten des Marktforschungsinstituts IRI im vergangenen Jahr von 58,6 Millionen auf 61,2 Millionen 0,75-Liter-Flaschen – das entspricht einer Zunahme um knapp zwei Millionen auf nahezu 46 Millionen Liter.

„Die Weihnachtsmärkte sind fast alle abgesagt, da haben wir gar keine Hoffnung mehr“, sagt der rheinhessische Winzer Meik Dörrschuck, der bislang gut ein Viertel seiner Ernte für Glühwein verwendet und diesen bundesweit sowie in Nachbarländer vertrieben hat – meist in 30- oder 50-Liter-Behältnissen an die Betreiber von Weihnachtsmarktständen. „Wir sind in einem herausfordernden Jahr, da muss man kreativ sein“, sagt Dörrschuck.

Winzer müssen alternativen Vertriebsweg finden

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Seine Familie habe daher schon im Sommer überlegt, was noch alles passieren könne und dann die Idee mit Glühwein-Lieferungen nach Hause entwickelt: In einem Paket für den „Weihnachtsmarkt@home“ werden zwölf Flaschen Winzerglühwein mit zwei Tassen von Oma Trude verschickt, dem Markenzeichen des Glühweins vom Schlossgartenhof in Lörzweiler.

Dieses Angebot werde bundesweit gut angenommen, könne das Geschäft mit den Ständen der Weihnachtsmärkte aber nicht ersetzen, sagt Dörrschuck. Er schätzt, dass 30 bis 40 Prozent des Weihnachtsmarkt-Umsatzes damit abgedeckt werden könnte. Außerdem setze sein Betrieb auf Angebote zur Online-Weinprobe – „Homeoffice muss nicht trocken sein.“ Damit komme das Weingut im Corona-Jahr 2020 über die Runden – „ein zweites Corona-Jahr soll aber bitte nicht sein“.

Notlösung: Glühwein to go

Für die Lieferung ins Haus schickt eine Event-Agentur in Niedersachsen sogar ein besonderes Glühwein-Taxi auf die Straßen rund um Nordhorn (Landkreis Grafschaft Bentheim). Und in Berlin wird an mehreren Orten coronaregelkonform „Glühwein to go“ angeboten.

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Angaben zur Herkunft der Weine sind beim Glühwein nicht erforderlich. Angaben zum Anbaugebiet oder einer bestimmten Lage sind sogar verboten. Gleichwohl gibt es nach Einschätzung des Deutschen Weininstituts einen Trend zum Winzer-Glühwein, bei dem die geschmacklichen Unterschiede der Rebsorten zum Tragen kommen. Winzer Dörrschuck hofft auf einen kalten Winter, so dass wenigstens der Frost die Nachfrage nach dem heißen Wein stärkt, wenn schon die Weihnachtsmärkte ausfallen.

Schausteller bangen um Zukunft von Weihnachtsmärkten

Angesichts der abgesagten Märkte im Advent des Corona-Jahres warnen Schausteller vor einem Sterben der gesamten Weihnachtsmarkttradition in Deutschland. Wenn die Schausteller-Familienbetriebe die Coronavirus-Pandemie nicht überlebten, werde es „Weihnachtsmärkte, so wie wir sie kennen und lieben, zukünftig nicht mehr geben“, sagte Frank Hakelberg, Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Schaustellerbund (DSB). Das diesjährige weitgehende Verbot komme „in seiner Wirkung einem Berufsausübungsverbot gleich“ und bedeute für die Mehrzahl der Vereinsmitglieder einen kompletten Einnahmeausfall. Vielen drohe der Untergang.

Der Verband glaube, dass Weihnachtsmärkte auch unter Corona-Bedingungen an frischer Luft möglich gewesen wären – „mit größeren Abständen, neuer Platzarchitektur, veränderter Angebotsstruktur und durchdachten Hygienekonzepten“.

RND/dpa

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