Ein Werkzeug mit mehreren Schwächen

Die großen Lücken und Tücken des Ölpreisdeckels

Ein Öltanker (Symbolbild).

Ein Öltanker (Symbolbild).

Nach wochenlanger Debatte haben sich die EU, die G7 und Australien auf einen Preisdeckel für russisches Öl geeinigt, wenn europäische Unternehmen an dem Geschäft auf irgendeine Weise beteiligt sind. In diesem Fall darf Russland sein Erdöl seit dieser Woche zu höchstens 60 US-Dollar (57 Euro) je Barrel (159 Liter) verkaufen. Das betrifft vor allem den Transport und die Versicherung europäischer Reedereien, die russisches Erdöl zum Beispiel nach China und Indien transportieren.

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Per Schiff darf gar kein russisches Öl mehr nach Europa importiert werden. Dadurch soll Putins Kriegskasse Milliardeneinbußen erleiden. Doch die Ölsanktionen haben so manche Schwachstelle.

Falsche Angaben in Dokumenten

Europäische Versicherungen und Reedereien, immerhin betreiben EU-Reeder rund die Hälfte der weltweiten Öltanker, müssen nun für jede Ladung Preisnachweise von ihren Kunden einholen. Allerdings ist keine Prüfung der Kaufverträge vorgesehen, sodass Käufer auch falsche Angaben über den Kaufpreis machen können.

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Der Preisdeckel von 60 US-Dollar für russisches Öl ist außerdem kaum niedriger als der aktuelle Preis. In den vergangenen zwei Wochen lag der Börsenpreis für die russische Ölsorte Ural in der Spitze bei 70 US-Dollar. Deshalb hatten Polen und die baltischen Staaten für einen Höchstpreis von 30 US-Dollar je Barrel plädiert. Im Vergleich zu Europas wichtigster Sorte Brent-Öl muss Russland sein Öl schon seit Monaten mit üppigen Preisabschlägen von rund 25 Prozent verkaufen. Marktexperten gehen nach RND-Informationen davon aus, dass Russland aber noch einmal deutlich weniger an seinem Öl verdient. Der Grund: Die russischen Ölexporteure bieten längst großzügige Rabatte, Frachtkosten, Versicherungen, flexible Zahlungs­optionen und weitere Vergünstigungen an, um Käufer zu finden.

Steigt der Preis für Brent-Öl weiter, wird russisches Billigöl gerade für Entwicklungs- und Schwellenländer attraktiver. Der Analyst Reed Blakemore, Direktor des Atlantic Council Global Energy Center, geht mit seinen Kollegen davon aus, dass es in einem solchen Szenario zu mehr Betrug kommen wird. „Die Geschichte hat bewiesen, dass es der Schifffahrtsindustrie leicht möglich ist, die Herkunft der Fracht zu fälschen oder zu verschleiern“, so die Experten. Es sei durchaus denkbar, dass die Verlockung größer als ein drohendes Bußgeld ist. Immer wieder wurden zum Beispiel Ölprodukte auf dem Meer über Pumpschiffe mit anderen Ölprodukten vermischt, um die Herkunft zu verschleiern.

Westen will Öl- und Gaseinnahmen Putins schmerzlich drosseln

Lange hat es gedauert, bis sich der Westen auf einen Preisdeckel für russisches Öl geeinigt hat: Keine Garantie, dass der Plan klappt.

„Mit krimineller Energie lässt sich der Ölpreisdeckel wohl leicht umgehen, zum Beispiel mit gefälschten Dokumente“, erklärt Klaus-Jürgen Gern, Experte für Rohstoffmärkte beim Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW). Am Anfang werden die Händler vorsichtig sein, glaubt er. „Mit der Zeit finden sie dann heraus, welche Schlupflöcher funktionieren und so werden die Sanktionen nach und nach immer löchriger“, sagte er im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Lücken bei raffiniertem Erdöl

Der Experte hält es für möglich, dass Händler nach dem Verkauf des russischen Öls versuchen werden, Russland am Erlös zu beteiligen und die Ölsanktionen so umgehen. Lücken gibt es auch bei raffiniertem Öl. So importiert Indien seit Monaten große Mengen russischen Öls zu Dumpingpreisen, verbraucht es aber nur zu einem geringen Teil. Das meiste Öl geht nach der Raffinierung in Indien wieder auf den Weltmarkt und auch nach Europa zurück. „Raffinerien können das billige Öl kaufen und nach der Verarbeitung zum viel höheren Marktpreis verkaufen“, bestätigt Gern. Der Preisdeckel sichere den Raffinerien außerhalb Europas günstiges Rohöl und mache den Import aus Russland äußerst attraktiv.

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Dass die Preise an den Tankstellen durch die Obergrenze steigen, glaubt der Experte nicht. Die Märkte seien darauf vorbereitet gewesen, der Schritt längst eingepreist. „Die Unsicherheit ist aber gestiegen“, sagt Gern. Er rechnet zwar nicht mit großen Preissprüngen. Kommt es aber zu Überraschungen, dürften die Preise eher anziehen.

Besonders effektiv wäre der Ölpreisdeckel, wenn ihn auch China, Indien und die Türkei unterstützen würden. Doch Indien und China haben bereits angekündigt, diesen Schritt nicht mitzugehen. Zuvor hatte Russland gedroht, kein Öl an Länder zu liefern, die den Preisdeckel akzeptieren. Man werde einen Mechanismus entwickeln, um die Anwendung der Preisobergrenze zu verhindern.

Dazu müsste der russische Ölexport unabhängig von westlichen Tankerflotten und Versicherungen werden. „Exporteure können Versicherungen und Tanker von Firmen aus anderen Ländern beziehen, zum Beispiel China, Indien“, sagt Experte Gern. Zuletzt hatte Russland zahlreiche Tanker gekauft und selbst Versicherungen angeboten. „Mittelfristig müssen wir damit rechnen, dass der Preisdeckel seine Wirkung verliert“, so Gern.

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