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Noch lange keine Normalität: Für diese Branchen sieht es weiter düster aus

  • Zurück ins öffentliche Leben: Bund und Länder haben sich auf weitere Lockerungen verständigt.
  • Während einige Bereiche der Wirtschaft wieder hochfahren dürfen, sieht es für andere düster aus.
  • Welche Branchen weiter warten müssen und warum die Wirtschaft im Krisenmodus bleibt.
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Hannover. Die Kanzlerin mahnt weiterhin zur Vorsicht. Die Pandemie sei zwar “einigermaßen unter Kontrolle”. Doch das sei immer nur “eine Momentaufnahme”. Eine Entwarnung im Kampf gegen das Coronavirus klingt anders. Trotzdem verkündete Angela Merkel gestern im Kanzleramt vor der Hauptstadtpresse weitreichende Lockerungen. Die Politik ebnet damit den Weg in eine neue Normalität – mit der Pandemie.

Geschäfte sollen wieder unabhängig von ihrer Größe öffnen dürfen, auch für Gaststätten, Biergärten, Kinos und Theater gibt es eine Perspektive. Ein Aufatmen geht durch Branchen, die mit dem Rücken zur Wand standen – und es immer noch tun. Nach wochenlangem Shutdown war der Druck auf die Politik zuletzt massiv gestiegen. Die Wirtschaft forderte lautstark nach einer Exit-Strategie. Die gibt es jetzt. So lange die Zahl der Neuinfektionen mit Covid-19 nicht in die Höhe schnellt, soll vieles wieder möglich sein – von kulturellen Veranstaltungen über den Besuch im Restaurant bis hin zur Wiedereröffnung von Nagelstudios.

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Die deutsche Wirtschaft stürzt ab – helfen die Lockerungen dagegen?

Bei ihrer Entscheidung, das öffentliche Leben schrittweise – für einige auch: schneller als gedacht – hochzufahren, dürften sich Bund und Länder auch von den ökonomischen Schreckensmeldungen der letzten Tage und Wochen haben leiten lassen. So rechnet die EU-Kommission in diesem Jahr mit einem beispiellosen Wirtschaftseinbruch. Im Euro-Raum droht ein Absturz von 7,7 Prozent. In Deutschland ist für über 10 Millionen Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet, die Industrieproduktion ist im März um 9,2 Prozent abgesackt. Und: Im April ist die Arbeitslosigkeit kräftig gestiegen: um 308.000 auf 2,65 Millionen Menschen ohne Job.

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Welche Branchen lange nicht öffnen dürfen

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Wie viele Menschen am Ende wirklich ihren Arbeitsplatz verlieren, ist offen. Dabei ist jetzt schon klar, dass es Branchen gibt, für die die beschlossenen Lockerungen nicht gelten – und die wohl noch lange auf eine Rückkehr zur Normalität warten müssen. Damit trübt sich die ökonomische Perspektive für sie weiter ein.

So bleiben Großveranstaltungen – dazu zählen Festivals, Volksfeste, aber auch größere Sportveranstaltungen mit Zuschauern – bundesweit mindestens bis zum 31. August verboten. Dass sich die Lage bis Herbst grundlegend geändert hat, ist unwahrscheinlich. In Bayern haben Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) bereits das Oktoberfest abgesagt – ein Schicksal, das vielen Volksfesten droht und das nicht nur Brauereien, Schausteller, Gastronomie, Taxigewerbe und Hotellerie schwer trifft.

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Auch für Clubs und Diskotheken ist nicht absehbar, wann und wie es weitergeht. Die Kombination aus leeren Tanzflächen und weggebrochenen Einnahmen könnte viele Betreiber zum Aufgeben zwingen – trotz staatlicher Überbrückungskredite. Welche wirtschaftliche Bedeutung die Partyszene hat, zeigt sich vor allem in der Bundeshauptstadt. So kamen allein 2018 rund drei Millionen Menschen zum Feiern nach Berlin, wie die “Clubcommission” – die Lobbyorganisation der Berliner Clubbetreiber – in einer Studie feststellte. Ein Gesamtumsatz von 1,48 Milliarden Euro sei so generiert worden, Geld, das jetzt fehlt. Anders als in Restaurants, Bars und Biergärten sind Hygienevorschriften in engen Diskotheken kaum einzuhalten. Sie sind wohl die letzten, die wieder öffnen dürfen – und zwar im ganzen Bundesgebiet.

Corona-Lockerungen: Ein Flickenteppich an Regelungen

Es waren die Länder, die die Öffnungen vorantrieben. Sie sind es auch, die für den Flickenteppich an Regelungen verantwortlich sind. Die Entscheidung, ob ein Restaurant oder ein Nagelstudio wieder öffnen darf, fällt fortan in den Landeshauptstädten. Und sie ist nicht immer einheitlich. So bleiben etwa Tattoostudios in Bayern bis auf Weiteres geschlossen, in Brandenburg hingegen könnten sie ab dem 11. Mai bereits wieder öffnen. “Beim Wiederhochfahren der Wirtschaft muss endlich Schluss sein mit diesem völlig unübersichtlichen länderspezifischen Regelungs- und Verfahrenswirrwarr”, forderte der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Hans Peter Wollseifer, gegenüber der Deutschen Presse Agentur.

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Trotz aller Lockerungen: Die deutsche Wirtschaft ist noch lange nicht über den Berg. Die Situation vieler Betriebe ist fragil. So paradox es klingt: Dazu tragen auch die von Bund und Ländern getroffenen Beschlüsse bei – eben weil sie nicht mehr als ein Anfang sein können. In Niedersachsen etwa dürfen Hotels und Campingplätze vorerst nur zu 50 Prozent belegt werden. Mecklenburg-Vorpommern begrenzt die Auslastung auf 60 Prozent.

Auch der Handel kann nicht durchstarten, weil die Zahl der Kunden deutlich beschränkt ist und viele Deutsche das Geld aus Sorge vor der weiteren Entwicklung sowieso zusammenhalten. “Viele Unternehmen werden für längere Zeit Verluste machen. Und viele Verbraucher müssen sich darauf einstellen, dass sie für Dienstleistungen mehr Geld zahlen müssen”, sagte der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, der FAZ.

Ökonom prophezeit: Viele Unternehmen müssen aufgeben

Jede wirtschaftliche Aktivität steht unter dem Vorbehalt, dass sie die Ausbreitung des Coronavirus nicht beschleunigt. In der ARD-Talksendung “Maischberger. Die Woche” sagte der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach am Mittwochabend, dass es mit entsprechendem Gesundheitsschutz zwar möglich sei, Restaurants zu betreiben – allerdings mit deutlich weniger Gästen. Und damit nicht mehr gewinnbringend. Ein neues Geschäftsmodell muss also her. Auch der Handel rechnet mit weiter sinkenden Umsätzen. Ökonom Fuest prophezeite in der FAZ: “Die Zahl der Unternehmen, die nicht mehr können, wird im Zeitablauf zunehmen”.

DIW-Chef warnt vor zweiter Corona-Welle

Die Risiken für die Wirtschaft sind enorm und bleiben es auch auf absehbare Zeit. Dazu schwebt über allem die Gefahr einer zweiten Infektionswelle und eines erneuten Shutdowns. In einem Gastbeitrag für “Spiegel Online” warnte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, genau davor. Eine “massive Welle an Insolvenzen” und ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit drohe dann. “Von einem solchen Szenario würde sich die deutsche Wirtschaft nicht so schnell erholen können”, schreibt der Ökonom. Wenn Unternehmen vom Markt verschwinden und viele Menschen ihren Job verlieren, sei ein “Neustart der Wirtschaft nur noch begrenzt möglich”.

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