Inflation erneut gesunken – auf 0,2 Prozent

  • Die Preise hierzulande sinken.
  • “Die Inflationsrate in Deutschland wird im September 2020 zum Vorjahresmonat voraussichtlich minus 0,2 Prozent betragen”, teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) am Dienstag mit.
  • Derselbe Wert gelte im Vergleich zum Juli. Die Entwicklung sei unter anderem durch die Mehrwertsteuersenkung beeinflusst.
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Die Verbraucherpreise in der Bundesrepublik sinken erneut. Experten erklären das mit der Senkung der Mehrwertsteuer. Eine gute Nachricht? Immerhin wird über kaum eine ökonomische Kennziffer wird derart emotional debattiert wie über die Teuerung. Geldentwertung gilt für viele noch immer als der Horror. Der scheint gebannt. Schon im Juli sanken die Verbraucherpreise (minus 0,1 Prozent). Im August lagen sie bei null. In allen drei Monaten spielten auch stark sinkende Preise für Benzin, Diesel und für Heizöl eine wichtige Rolle. Für September wurde mit 7,1 Prozent ein noch stärkerer Abschlag für Energie als zuvor errechnet.

Aber viele Verbraucher sind davon überzeugt, dass die offiziellen Zahlen eine besondere Spielart von Fake News seien, da sie nicht mit den eigenen Erfahrungen beim Geldausgeben übereinstimmten. Und da ist tatsächlich was dran: Wer etwa kein Auto besitzt, hat von den Abschlägen beim Sprit nichts bemerkt.

Die niedrige Inflation als Illusion

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Unter anderen wird Gunther Schnabl, Ökonomieprofessor an der Leipziger Uni, nicht müde von “der Illusion niedriger Inflation” zu sprechen: So beanspruchen die notwendigen Einkäufe von Nahrungsmitteln und den Dingen des täglichen Bedarfs bei Verbrauchern mit niedrigeren Einkommen einen höheren Anteil des Haushaltsbudgets als bei Besserverdienern. Und besonders in den Zeiten des Lockdowns schossen die Preise etwa für Obst und Gemüse extrem in die Höhe. Nahrungsmittel und Getränke gehörten auch noch im Sommer zu den Warengruppen, die im Vergleich zum Vorjahr deutlich zulegten, obwohl die offizielle Inflationsrate bei oder unter null Prozent lag – wobei da teils massive Verbilligungen bei Produkten und Dienstleistungen eine wichtige Rolle spielten, die für viele nicht zum Notwendigen gehören, wie Möbel, Bekleidung oder Ausgaben für Freizeit und Kultur. Dieser Trend setzt sich offenbar fort. So berichten die Wiesbadener Statistiker für September abermals von gestiegenen Preisen für Nahrungsmittel (plus 0,6 Prozent) – die detaillierte Aufteilung der Posten folgt noch.

Zu den teureren Nahrungsmitteln kommt, dass gerade untere Einkommensschichten nach den Berechnungen von Destatis in den vergangenen Monaten heftige Lohneinbußen – vielfach 10 Prozent und mehr – hinnehmen mussten. Schnabl vermutet nun, dass hier ein Mechanismus am Werk ist, der dazu führt, dass Menschen mit kleinem Geldbeutel vermehrt günstige Produkte bei Discountern kaufen, um weniger auszugeben. Damit wäre die geringe Inflation eine schlechte Nachricht, nämlich als Indikator für eine schwindende Kaufkraft.

Realzins knapp über dem Nullniveau

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Wie sieht es für die aus, die noch etwas übrig haben und sparen können? Die haben einen kleinen Vorteil: Beim sogenannten Realzins (Nominalzins abzüglich der Inflationsrate), der bei einer Minusteuerung nicht mehr negativ ausfallen kann, sondern knapp über dem Nullniveau liegt. Vielen Verbrauchern hierzulande scheint das derzeit zu genügen.

Die DZ Bank hat in einer aktuellen Studie errechnet, dass die Sparquote in die Höhe geschossen ist. Im zweiten Quartal legten die Bürger im Schnitt 20 Prozent ihres verfügbaren Einkommens zur Seite. Für das Gesamtjahr rechnen die die Volkswirte mit einer Rekordquote von 16 Prozent. Als Hauptmotiv vermuten sie die Angst vor Einbußen durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit. Dass Geld auf dem Giro- oder dem Tagesgeldkonto zumindest nicht an Wert verliert, könnte ein zusätzlicher Anreiz sein, es zu horten.

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Größere Anschaffungen werden trotz vielfach verschoben

Für die Volkswirtschaft ist das keine gute Nachricht. Das Niveau der Konsumausgaben ist nach Berechnungen der DZ-Bank-Experten nach wie vor bescheiden, größere Anschaffungen werden trotz der Mehrwertsteuersenkung vielfach verschoben, was sich unter anderem am schwachen Automarkt ablesen lässt. Die geringe Nachfrage macht Handel, Gewerbe und Industrie zu schaffen. Produktionsstätten sind vielfach nicht ausgelastet. Das drückt die Preise.

Dazu passt, dass Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), gerade betont hat, dass die Inflationsprojektionen “nicht befriedigend” seien. Schon im August rutschte die Rate in der Eurozone zum ersten Mal in vier Jahren ins Negative. Viele Experten erwarten, dass das nach den aktuellen Zahlen aus Deutschland in den nächsten Monaten so bleiben wird. Was weit weg ist vom berühmten Zielwert der Notenbank von “unter, aber nahe 2 Prozent”, der noch immer als Indikator für eine brummende Wirtschaft gilt. Die neuen Daten bestärken jedenfalls das Lager der Warner vor einer Deflation. Sinkende Preise können Negativspiralen auslösen, weil Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen und Investitionen zurückhalten, da sie auf noch stärker sinkende Preise setzen.

Gigantische Geldmengen im Umlauf

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Geradezu verstörend ist dabei für viele Fachleute, dass gegenwärtig gleichzeitig gigantische Geldmengen in Form von Barem und von Guthaben auf Bankkonten im Umlauf sind. Um Erklärungen wird gerungen. Die Experten der Fondsgesellschaft DWS gehen davon aus, dass sowohl die öffentliche Hand als auch Unternehmen sich derzeit mit Liquidität vollsaugen: Geld liegt auf Konten bereit, um kurzfristig gegen eine Verschärfung der Krise gewappnet zu sein. Die ultra-expansive Politik der EZB mit Nullzinsen macht es jedenfalls möglich, problemlos an billiges Geld zu kommen. Und Lagarde hat nun angedeutet, dass sie zu weiteren Lockerungen bereit ist.

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