Neue WTO-Chefin Okonjo-Iweala: Diese Frau will den Welthandel retten

  • Mit Ngozi Okonjo-Iweala steht erstmals eine Afrikanerin an der Spitze der Welthandelsorganisation WTO.
  • Die Nigerianerin muss viele Probleme gleichzeitig lösen – und gibt sich selbstbewusst.
  • Und das völlig zu Recht, wie ein Blick in die Biographie der Ökonomin zeigt.
Anzeige
Anzeige

Genf. Nicht erst seit der Pandemie steckt der weltweite Handel in der Bredouille: Handelskriege haben die vergangenen Jahre geprägt, immer wieder belegen sich Länder gegenseitig mit Zöllen – zum Leid der Unternehmen, die auf einen freien Handel angewiesen sind. Möglich machen soll den die Welthandelsorganisation (WTO). Doch die war zuletzt schwach aufgestellt. Mit Ngozi Okonjo-Iweala bekommt die WTO nun eine neue Chefin – die eine echte Powerfrau ist.

Dabei sticht die in Nigeria geborene Ökonomin schon optisch unter ihren Kollegen hervor. Die 66-Jährige trägt für gewöhnlich bunte Kleider, groß gemustert, fast immer mit gebundenem Kopftuch. Sie habe sich einst für die traditionelle nigerianische Kleidung entschieden, als es schnell gehen musste, wenn sie ihre vier Kinder morgens zur Schule brachte, berichtete sie 2012 der BBC. Außerdem sei das Outfit günstiger als viele Kleider und Anzüge, betonte Okonjo-Iweala damals.

In der Welthandelsorganisation (WTO), die Okonjo-Iweala jetzt leitet, dominieren dunkle Anzüge. Generaldirektor Roberto Azevêdo, der die Organisation im vergangenen Sommer verließ, war seit 1948 der neunte Mann in Folge an der Spitze der WTO und ihres Vorgängers, des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT). Auch die vier Stellvertreter, die die WTO seit Azevêdos Abgang leiten, sind Männer.

Anzeige

Die WTO ist momentan zerstritten

„Ich möchte die Organisation neu beleben“, sagte Okonjo-Iweala bei der Bewerbung um den Posten. Denn die WTO braucht dringend frischen Wind. Sie ist seit Langem durch Grabenkämpfe zwischen Ländern des Südens und des Nordens und durch die Blockadehaltung der früheren US-Regierung unter Donald Trump gelähmt. Okonjo-Iweala setzt dem Pragmatismus entgegen: „Ich bin eine Macherin“, versprach die Ökonomin. „Handel ist wichtig für Wohlstand, Widerstandskraft und nachhaltiges Wachstum, und die WTO ist zentral dafür“, meinte sie. „Wenn wir die WTO nicht hätten, müssten wir sie erfinden.“

Anzeige

Entschlossene Korruptionsbekämpferin

Das klingt selbstbewusst – und Okonjo-Iweala kann sich das durchaus leisten: In Nigeria als Tochter eines Professors geboren, ging sie zum Studium in die USA. Ihren Abschluss machte sie Magna Cum Laude am renommierten Massachusetts Institute of Technology. Doch in der Wissenschaft hielt es die Expertin für Entwicklungsökonomie nicht lange. Stattdessen ging Okonjo-Iweala zur Weltbank, stieg in 25 Jahren zur Nummer 2 der für Entwicklungsländer wichtigen Kreditinstitution auf.

Anzeige

Doch Okonjo-Iweala, die mittlerweile auch die US-Staatsbürgerschaft hat, reichte das nicht. In den frühen 2000er Jahren kehrte sie als Finanzministerin nach Nigeria zurück, war maßgeblich an der Aushandlung eines 18-Milliarden Dollar schweren Schuldenerlasses für ihr Land beteiligt, und brachte die Staatsfinanzen des bevölkerungsreichsten Landes Afrikas auf Vordermann.

Gegner entführten die Mutter von Okonjo-Iweala

Der Korruption, die das ölreiche und vergleichsweise wohlhabende Nigeria plagt, trat die Ökonomin damals vehement entgegen – so entschlossen, dass sich ihre Gegner zu drastischen Schritten entschieden: Mächtige Öl-Unternehmen sollen einst die Entführung von Okonjo-Iwealas Mutter beauftragt haben. Die 82-Jährige kam wieder frei, obwohl Okonjo-Iweala den Rücktrittsforderungen der Entführer nicht nachkam.

Taff tritt Okonjo Iweala nun auch bei der WTO auf: „Es kann in der WTO nicht so weitergehen wie bisher”, sagte die einstige Finanzministerin und Geschäftsführerin der Weltbank nach ihrer Ernennung. „Wir müssen Prioritäten setzen, unsere Regeln modernisieren und schauen, was die WTO tun kann, um durch die Pandemie ausgelöste Probleme zu lösen.”

Sorge um die globale Impfstoffverteilung

Zuallererst will die neue WTO-Chefin im Streit um Patentschutz für Corona-Impfstoffe eine rasche Lösung finden, damit weltweit mehr Impfstoff hergestellt werden kann, wie sie bei ihrer Ernennung im Februar sagte. Mit klaren Ansagen hielt sie sich schon vor ihrem Amtsantritt nicht zurück. Es reiche nicht, dass reiche Länder, die sich den Großteil des verfügbaren Impfstoffs gesichert hätten, irgendwann an ärmere Länder abgeben, was nach ihrem Impfprogramm übrig bleibe, sagte sie der BBC.

Anzeige

Doch mittelfristig warten noch größere Herausforderungen. Die Handelspolitik von Donald Trump hat die WTO lahmgelegt, Okonjo-Iwealas Vorgänger an der WTO-Spitze, der Brasilianer Roberto Azevêdo, hatte sein Amt entnervt frühzeitig aufgegeben. Okonjo-Iweala obliegt es nun, den Streitschlichtungsmechanismus der WTO zu retten. Der soll dafür sorgen, dass Länder sich bei Handelsstreitigkeiten nicht gegenseitig mit Zöllen überziehen. Auch für ein stark vom Außenhandel abhängiges Land wie Deutschland wäre das zentral, die Handelsstreits der vergangenen Jahre hatten die Stimmung in der Wirtschaft massiv getrübt.

Experten sehen große Herausforderungen

Einfach wird die Aufgabe aber nicht: Der Chef des Instituts für Weltwirtschaft IfW Kiel, Gabriel Felbermayr, glaubt, dass die WTO sich darauf einstellen muss, „dass Schlüsselakteure wie China oder die USA auch in absehbarer Zukunft um die Vormachtstellung ihres wirtschaftspolitischen Systems kämpfen werden” – und damit immer wieder einer WTO in der aktuellen Form Sand ins Getriebe streuen werden, wie Felbermayr der Deutschen Welle sagte.

Okonjo-Iweala traut es sich indes zu, die WTO zurück in die Spur zu bringen. „Wir brauchen jemanden, der in der Lage ist, Reformen voranzutreiben – und das bin ich”, sagte sie bei ihrer Ernennung am Montagmorgen.

RND/dpa/hö

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen