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Neue Lebensversicherung der Allianz: Großes Risiko statt sicherer Altersvorsorge?

  • Keine deutsche Versicherung schließt im Jahr so viele Lebenspolicen ab wie die Allianz – 2019 war es fast jede zweite.
  • Ab 2021 bietet die Allianz nur noch drei Varianten der Lebenspolicen, mit der die Anlagerisiken vor allem auf die Kunden abgelegt werden.
  • Eine Variante garantiert die Rückzahlung von 90 Prozent der eingezahlten Beitrage, die andere 80 Prozent und die dritte sogar nur noch 60 Prozent.
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Lebenspolicen sind der Deutschen liebste Altersvorsorge. Im Schnitt hält jeder der 83 Millionen Deutschen mehr als eine. Seit die Zinsen dauerhaft im Keller verharren, ist damit aber nicht mehr viel Staat zu machen. Immer mehr Versicherer verabschieden sich aus dem Geschäft und verkaufen ihre Bestände. Zulegen konnte zuletzt mit der Allianz vor allem ein Konzern. Fast jede zweite neue Lebenspolice wurde 2019 bei der Stuttgarter Allianz Leben abgeschlossen. Auf knapp 30 Prozent summiert sich deren Marktanteil in Deutschland mittlerweile. Für 2021 hat sich der unumstrittene Marktführer aber nun etwas Revolutionäres einfallen lassen, das den Chef des Bunds der Versicherten (BdV) zu einem klaren Urteil bringt. “Mit Lebensversicherung hat das nichts mehr zu tun“, sagt BdV-Boss Axel Kleinlein.

Denn was die Allianz als Innovation und die Zukunft der Altersvorsorge propagiert, garantiert nicht einmal mehr die Rückzahlung der oft über Jahrzehnte eingezahlten Beiträge. Neue Lebenspolicen bietet der Marktführer ab 2021 nur noch in drei Varianten. Die eine garantiert die Rückzahlung von 90 Prozent der eingezahlten Beitrage, die andere 80 Prozent und die dritte sogar nur noch 60 Prozent. Garantiert wird im letzten Fall also, dass das Minus am Ende 40 Prozent nicht übersteigt. Wer jetzt ins Schlucken kommt und sich die Augen reibt, muss nicht unbedingt ein Fachmann sein.

Der staatlich verfügte Garantiezins in Deutschland liegt inzwischen bei 0,9 Prozent

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Dabei hatte die Allianz schon 2013 mit einer Tradition gebrochen. Damals hat der Branchenriese Lebenspolicen unter dem Produktnamen “Perspektive“ ohne die bis dahin traditionell übliche Zinsgarantie auf den Markt gebracht – nicht, dass der sonst noch üppig wäre. Auf 0,9 Prozent ist der staatlich verfügte Garantiezins für Lebenspolicen mittlerweile gesunken. Die Gesamtrendite liegt noch tiefer und nicht selten unter null. Denn der Garantiezins bezieht sich nur auf den Sparanteil der eingezahlten Gelder. Davon gehen Verwaltungskosten und Provisionen für Vermittler ab.

In der historischen Spitze haben solche Policen einmal mit 4 Prozent rentiert. Mit den “Perspektive”-Policen hat die Allianz dann nur noch die Rückzahlung der eingezahlten Beiträge garantiert – also null Prozent Rendite. Nun sind es im schlimmsten Fall minus 40 Prozent, wobei die Allianz den Chancencharakter der neuen Policen betont.

Lebenspolice mit Minusgarantie?

Es sollen natürlich am Ende nicht 4 von 10 eingezahlten Euro vernichtet, sondern ein Plus erwirtschaftet werden. “Marktüberdurchschnittliche Erträge sind möglich“, sagt der Allianz-Leben-Vorstand Volker Priebe und verweist auf die Anlageexpertise der Allianz. Kunden bekämen so Zugang zu lukrativen Anlageformen wie Infrastruktur, von der sie sonst ausgeschlossen wären. Er widerspricht auch Kritikern, die den neuen Policen den Charakter von Lebens- oder Rentenversicherung abspricht. Die neuen Policen blieben zum Beispiel weiter steuerlich absetzbar.

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Aber garantiert sind die Chancen, von denen Priebe spricht, eben nicht mehr, obwohl viele Halter von Lebensversicherungen den Wortbestandteil “sicher“ als entscheidend empfinden. “Das ist eine Bankrotterklärung“, findet Kleinlein und fürchtet Nachahmer. Die Allianz als Branchenführer gebe den Ton an. Lebenspolicen mit Minusgarantien würden nun wohl zum Trend. Das Anlagerisiko werde bei den Vorsorgesparern abgeladen, während die Verwaltungskosten für die Allianz und die Provisionen für die Allianz-Vertreter unangetastet blieben. Dieses Argument kann die Allianz nur mühsam entkräften. Im Fall interner Einsparungen werde man diesen Kostenvorteil an Kunden weitergeben, heißt es vage. Im übrigen hätten Lebensversicherte verstanden, dass sie mehr ins Risiko gehen müssen, soll es noch Renditechancen geben.

Keine Sicherheit bei den neuen Policen

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Wie riskant die neuen Policen sind, zeigt deren Anlagestrategie. Bei einer 30 Jahre laufenden Lebenspolice, die 2021 bei der Allianz gekauft wird und noch eine Rückzahlung der Beiträge im Umfang von 80 Prozent garantiert, werden etwa zwei Drittel der Gelder in Aktien, Infrastruktur und erneuerbare Energie gesteckt, verrät der Konzern. Das sei aber ein Orientierungswert. Es könnte also auch ein noch größerer Anteil in Risikoanlagen wie Aktien oder Anleihen von Schwellenländern wandern. Das eröffnet fraglos Chancen nach oben, aber eben auch entsprechende Risiken nach unten. Sicher ist eben nicht mehr viel, außer man legt sein Geld unter das Kopfkissen. Da sind 100 Euro auch morgen noch 100 Euro.

“Das ist ein schlechter Sparvertrag unter dem Deckmantel einer Lebensversicherung“, urteil Kleinlein mit Blick auf die neuen Allianz-Policen und verweist auf Bestrebungen, das fragwürdige Prinzip auf andere Bereiche auszudehnen. Denn bei Riesterrenten und betrieblicher Altersvorsorge müsse der Gesetzgeber endlich eine “Anpassung des Garantieniveaus“ erlauben, fordert die Allianz. Anpassung heißt, dass nach dem Vorbild neuer Lebenspolicen Minusrenditen in großem Maßstab erlaubt werden.

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