Name soll verboten werden: Jetzt geht’s um die Veggie-Wurst

  • Im Europäischen Parlament soll am Donnerstag ein Verbot zahlreicher Bezeichnungen für Fleischersatzprodukte beschlossen werden.
  • Geht es nach dem Agrarausschuss, sind Sojaschnitzel und Veggie-Wurst dann bald Teil der Vergangenheit.
  • Kritiker befürchten, dass so eine Milliardenbranche unnötig ausgebremst wird – und dass der Klimaschutz leidet.
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Für Donnerstag hat sich das Europäische Parlament Großes vorgenommen: Endgültig soll beschlossen werden, dass pflanzliche Lebensmittel keine tierisch anmutenden Bezeichnungen mehr tragen dürfen. Produktnamen wie Sojaschnitzel, Saitansteak und Veggie-Wurst wären dann tabu – auch wenn es durchaus Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Vorhabens gibt.

Die Tierzucht- und Fleischverarbeitungslobby hat die pflanzlichen Produkte schon länger im Visier. 2017 unterlag ein Tofuhersteller vor dem Europäischen Gerichtshof, Sojabutter und Pflanzenkäse mussten umbenannt werden. Schon damals mahnte der Deutsche Bauernverband (DBV) an, der Gesetzgeber müsse die nur für Milchprodukte geltende Regelung auch auf vegane Fleisch- und Wurstersatzprodukte ausweiten. Zuletzt hatte der DBV deshalb wie zahlreiche andere Züchter und Verarbeiter auch die Kampagne „Ceci n’est pas un steak” („Dies ist kein Steak”) unterstützt.

Im Windschatten der Diskussion über die EU-Hilfen für die Landwirtschaft soll am Donnerstag nun über eine Änderung der entscheidenden EU-Verordnung abgestimmt werden. Der Vorschlag des Agrarausschusses ist eindeutig: Jede direkte oder indirekte Verwendung von Begriffen wie Wurst, Fleisch oder Schnitzel für Fleischersatzprodukte soll verboten werden. Auch Anspielungen auf Fleischerzeugnisse, etwa Produkte „Wiener Art”, sollen untersagt werden – ebenso wie „alle sonstigen Hinweise, die geeignet sind, den Verbraucher in Bezug auf den tatsächlichen Charakter oder die Zusammensetzung irrezuführen”, wie es in der Beschlussvorlage heißt.

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Rügenwalder kritisiert Vorstoß

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Wie irreführend Bezeichnungen wie Sojaschnitzel sind, ist indes unklar: Umfragen der deutschen Verbraucherzentralen zufolge haben 4 Prozent der Bundesbürger einmal versehentlich zu einem Veggie-Produkt gegriffen. „So, wie wir alle wissen, dass in Kokosmilch keine Milch enthalten ist, wissen Verbraucher genau, was sie beim Kauf von Veggie-Burgern oder Veggie-Wurst bekommen”, erklärte prompt die internationalen Ernährungsorganisation ProVeg.

Bei Rügenwalder, einem der größten deutschen Hersteller für Fleischersatzprodukte, befürchtet man sogar mehr Verwirrung auf Verbraucherseite. „Bei den bisherigen Namen wie ‚veganes Schnitzel‘ kann sich jeder Konsument vorstellen, um was es sich handelt”, sagte Unternehmenssprecherin Claudia Hauschild. „Bei einer Fantasiebezeichnung wie ‚veganes Bratstück‘ ist das schon nicht mehr ganz so einfach.” Sofern ein Produktname bereits den Begriff vegetarisch oder vegan verwende und dies klar gekennzeichnet sei, ist aus Hauschilds Sicht Transparenz gewährleistet.

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Geht es um lästige Wettbewerber?

Den Züchtern und Verarbeitern geht es allerdings nicht nur um den Schutz der Verbraucher vorm versehentlichen Griff zur Sojabratwurst. Stattdessen keilen sie zunehmend gegen die neue Konkurrenz. Der Bauernverband betont zwar, auch die Hersteller von Ersatzprodukten zu beliefern. DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken bekräftigte kürzlich trotzdem, dass nach Fleisch klingende Bezeichnungen für Ersatzprodukte doch eine „merkwürdige Form von Trittbrettfahrerei” seien. Schließlich könnten entlang der bestehenden Regelung Wettbewerber der Fleischwirtschaft das Original erst in Verruf bringen, um dann doch mit dem fleischigen Geschmack zu werben.

Ob es Unternehmen wie Rügenwalder darum geht, Fleischprodukte in Verruf zu bringen, kann indes bezweifelt werden. Das niedersächsische Unternehmen erwirtschaftet knapp die Hälfte seines Umsatzes mit echten Fleischwaren. Aber dank der mehrgleisigen Strategie profitiert Rügenwalder auch davon, dass ein Teil der Verbraucher beim Einkauf mehr auf Tierschutz und auch auf Klimaschutz setzt. Erst im Sommer hatte des Umweltbundesamt ermittelt, dass Fleischersatz auf Sojabasis nur die halb so viel Treibhausgas-Emissionen verursacht wie Schweinefleisch. Rindfleisch lag gar um ein Zehnfaches höher als die veganen Produkte.

Langfristig ist der Trend kaum zu stoppen

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Abseits einer kurzfristigen Verwirrung über die Umbenennung zahlreicher Produkte glaubt man bei Rügenwalder denn auch nicht, dass die neue EU-Regelung langfristig Käufer abschreckt. Die Produktkategorie sei längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Marktanalysen sagen, dass dieser Trend sich in den nächsten Jahren weiter stark entwickeln wird”, so Hauschild.

„Für die Unternehmen bedeutet das zunächst mal viel Aufwand und Kosten”, mahnt allerdings die Albert Schweitzer Stiftung angesichts des geplanten Beschlusses im Europäischen Parlament. „Neue Produktnamen finden, neue Verpackungen designen – gerade für kleinere Hersteller kann sowas schnell existenzbedrohend werden”, sagte Diana von Webel, Sprecherin der Stiftung, die sich schon lange für eine pflanzliche Ernährung einsetzt. Auch seien jahrelange Rechtsstreits um Begriffe programmiert.

Veggie-Hersteller befürchten höhere Kosten

„Das Gesetz gefährdet ohne Not den Innovations- und Wirtschaftsstandort Europa, indem es einer Zukunftsbranche Steine in den Weg legt”, ist von Webel überzeugt – und verweist darauf, dass sich Fleischersatzprodukte längst zum globalen Milliardenmarkt entwickelt haben. Dass der Siegeszug der Fleischersatzprodukte ganz gestoppt wird, glaubt von Webel ebenfalls nicht. Sie ärgert sich stattdessen, dass das Thema auf parlamentarischer Ebene überhaupt so hoch gehängt wird. „Denn nach dieser Logik müssten auch Begriffe wie Schweineohr, Fleischtomaten oder Fruchtfleisch geändert werden”, so von Webel.

Das zumindest droht entlang der aktuellen Beschlussvorlage nicht: Es soll eine Ausnahmeregelung für Produkte geben, “deren Art aufgrund ihrer traditionellen Verwendung genau bekannt ist”.

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