Nah am Kunden: Was Händler sich so einfallen lassen

  • Von Piloten, die jetzt Bücher-Survival-Pakete mit dem Fahrrad ausliefern, über Gastronomen, die Essensrutschen bauen, bis zu Wirten, die mit einer Biertankstelle durstige Gäste versorgen:
  • Die Corona-Krise lässt einige Geschäftsleute und Unternehmer zur Hochform auflaufen.
  • Beispiele aus Hamburg, Bayern und dem Ruhrgebiet zeigen: Plötzlich ist vieles möglich.
|
Anzeige
Anzeige

Die Großen haben es vorgemacht. Weil ihre Produktion in der Corona-Krise weitgehend stillsteht, haben sie kurzerhand umgestellt: Jägermeister spendet seinen Alkohol seit Wochen an Desinfektionsmittelhersteller, das Frankfurter Messebauunternehmen Fair Care versorgt den Einzelhandel mit Plexiglasscheiben für Kassen, und die Firma Melitta produziert jetzt Mundschutzmasken in Filterform. Eine Fluggesellschaft in Schweden bietet 300 Flugbegleitern derzeit sogar die Möglichkeit, ihr medizinisches Grundwissen auszubauen und anderswo einzusetzen: Sie werden dafür direkt in den Krankenhäusern und Pflegeheimen geschult, um im Anschluss bei medizinisch nicht relevanten Aufgaben mitanpacken zu können.

Existenzbedrohend ist die Situation aber vor allem für Kleinunternehmer und Soloselbstständige, für die die Bundesregierung insgesamt 50 Milliarden Euro Soforthilfe bereitgestellt hat. Nicht alle wollen sich darauf allein stützen – viele werden selbst aktiv, gehen neue Verkaufswege, eröffnen Onlineshops. Manche Händler entwickeln erstaunliche Kreativität und Flexibilität, wie sie vor der Corona-Pandemie nicht möglich schienen – oder zumindest nicht nötig. Beispiele aus ganz Deutschland zeigen, dass Unternehmer aus der Krise auch Positives mitnehmen können:

Verwaiste Touristenhotspots, volle Wohnviertel

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Hamburg, Hansestadt mit Seemannscharme, Tor zur Welt und Touristenliebling, ist bekannt für seine bunte Mischung aus Kunst, Kultur und Kulinarischem. Es ist Gründonnerstag, der letzte Werktag der Woche vor den Osterfeiertagen. Die Sonne strahlt, der Wind weht, das Wasser im Hamburger Hafen glitzert. Kein S-Bahn-Rattern, kein Menschengemurmel, nur vereinzelt Möwenkreischen. Das Leben an den Landungsbrücken steht still. Vor Corona unvorstellbar.

Schanzenviertel, Fischmarkt, Elbphilharmonie – die Hamburger Hotspots sind in diesen Tagen weitgehend verwaist, die Touristen fehlen. In den Wohnvierteln sieht das anders aus. Im Karolinenviertel oder auf der Osterstraße im beliebten Stadtteil Eimsbüttel ist es wuselig wie immer, bloß mit mehr Abstand zwischen den Menschen. In Drogerien, Supermärkten und vor Imbissen herrscht das normale Vorfeiertagsgedränge, die meisten anderen Läden haben ihre Türen geschlossen. Einige wenige versuchen auf kreative Art, ihre Waren unter die Leute zu bringen.

Video
Wirtschaft in Zeiten von Corona: Die Kraft der Improvisation
0:56 min
Selbst gebastelte Onlineshops, Fensterverkauf, Umstellung der Produktion: Viele Geschäftsleute und Unternehmer laufen in der Corona-Krise zur Hochform auf.  © Julia Rathcke/RND

Ragna Lüders zum Beispiel tut das, was sie seit 40 Jahren tut: Menschen mit Büchern glücklich machen. Bloß mit mehr Aufwand. “In all den Jahren hat unser Geschäft nur ein einziges Mal später aufgemacht”, sagt Lüders, “weil ein Mitarbeiter seine Schicht verwechselt hatte.” Wegen Corona mussten sie vier Tage lang schließen – bis die Stadt Hamburg eine Art Fensterverkauf erlaubte. Vier Tage lang sammelten Lüders und ihr Team Ideen, diskutierten über Videochats. “Wir wollten auf keinen Fall einen Hilferuf als Statement, so nach dem Motto: ‘Bitte rettet uns!’”, sagt Ragna Lüders. “Wir wollten etwas Positives.”

Anzeige

Literatur-Survival-Kits für zu Hause

Seitdem gibt es die “Lüders-Survival-Kits” – individuelle Bücherüberraschungspakete in verschiedenen Preisklassen, die online bestellt und am Ladeneingang abgeholt werden können. Je nach Paket inklusive handgenähtem Mundschutz. Den Onlineshop gab es vorher schon, genauso wie das Instagram-Profil, auf dem Mitarbeiter regelmäßig Bücher empfehlen. In der Not wird es erst richtig genutzt. Bis zu 30 Kits verkauft Lüders pro Tag, zuzüglich der Einzelbestellungen. “Wir haben superviel zu tun", sagt sie, “das schlägt sich aber nicht unbedingt im Umsatz nieder.”

Anzeige
Buchhandel und Antiquariat: Bis zu 150.000 Exemplare hat Ragna Lüders schätzungsweise in ihrem Geschäft in Hamburg-Eimsbüttel.

Alles ist mit mehr Aufwand verbunden: das Bücherbewerben, das Verpacken und auch das Ausliefern. Ein befreundeter Pilot helfe als Fahrradkurier aus, sagt Lüders. In ihrer engen, urigen Buchhandlung in Eimsbüttel stapeln sich geschätzt 150.000 Exemplare bis zur Decke. Drinnen arbeiten die Mitarbeiter in zwei Schichten im Akkord, die meisten mit Mundschutz. Draußen stehen Kunden Schlange. So ganz viel Neues tun sie nicht in Lüders’ Buchladen, sie machen vor allem weiter. Und die Survival-Kits soll es auch nach Corona weiterhin geben.

Planen, als würde Corona für immer bleiben

Die Krise hat uns alle zum Stillstand verdammt. Es liegt an jedem einzelnen, aus dieser vermeintlichen Sackgasse seinen eigenen Weg hinaus zu suchen. “Corona hat uns auch Zeit gegeben, endlich mal Dinge anzugehen, die man sonst vor sich hergeschoben hat”, sagt der Hamburger Gastronom Vincent Domeier. Zusammen mit Florian Ridder führt er seit einem Jahr das Lesser Panda Ramen im Hamburger Karolinenviertel, vorher gab es das Restaurant schon ein Jahr als Pop-up-Store immer mal wieder woanders. Vielleicht ist es gerade diese Flexibilität, von der sie jetzt profitieren.

“Wir planen im Kopf gerade so, als würde es Corona für immer geben”, sagt Florian Ridder. Für Gastronomen mit Dauerproblemen wie Fachkräftemangel und Saisongeschäft wohl nicht die schlechteste Strategie. Für die beiden Jungunternehmer heißt das: ihren Onlineshop ausbauen und mehr Gäste erreichen, einen Bringservice anbieten, ohne sich von Lieferdiensten abhängig zu machen. “Wir sind Qualitätsfanatiker”, sagt Koch Domeier, der in Singapur gearbeitet und in einem Sternerestaurant gelernt hat. Ihre Ramengerichte, eine japanische Spezialität, sollen für einen guten Preis, aber eben auch so frisch wie möglich auf den Teller kommen.

Im Lesser Panda Ramen im Hamburger Karolinenviertel können Gäste sich ihre Bestellung komplett kontaktlos abholen – an der “Ramen-Rutsche”. © Quelle: Julia Rathcke
Anzeige

Deshalb kann man online bloß Kochsets bestellen, bestehend aus selbst gemachten Nudeln, Brühe und dem Topping. “Fertig in einer Minute und idiotensicher”, sagt Domeier, und haltbar für zwei, drei Tage. “Du kannst draußen bleiben”, ruft er einem jungen Mann zu, der vor dem Restaurant steht und seine Bestellung abholen will. Halb im Spaß, aber mit ernstem Hintergrund haben die beiden Gastronomen ein Rutschgestell an ihrer Terrasse installiert. Sie ist ein Hingucker und garantiert eine kontaktlose Essensübergabe. “Take away” im wörtlichen Sinne.

120 Gerichte, die sonst am Abend so über den Tresen gehen, sind es aktuell aber längst nicht. “Wir hoffen, dass wir über die Runden kommen”, sagt Florian Ridder. Der bundesweite Versand der Kochsets soll ab Ende April starten. Vorerst verzichten die beiden auf ihre Gehälter, beschäftigen noch zwei fest angestellte Köche, stecken alles sonst in den Laden. Staatliche Hilfe wollen sie nicht in Anspruch nehmen. Aber das kann mit jedem Tag anders kommen.

Von Tag zu Tag denken, offen bleiben, Neues ausprobieren – das rettet Händler am Ende vielleicht nicht finanziell. Ein positiver Blick auf die Situation hilft aber vielleicht, auch den Blick der Kunden auf sie selbst zu ändern. So wie ein Sportgeschäftsinhaber aus Herten im Ruhrgebiet, der jetzt die Bestellungen im Turnbeutel verpackt joggend persönlich seinen Kunden vorbeibringt. Oder der Wirt aus Pfaffenhofen in Bayern, der mit einem Bierwagen durch die Gegend fährt, um durstige Gäste zu betanken. Oder der Schulleiter aus Hamburg, der nicht nur Lernaufgaben mit dem Fahrrad ausliefert, sondern seine Schüler auch in einer (sehr professionell aufgezogenen) Late-Night-Show unterhält. Oder all die anderen Beispiele derer, die Corona nicht als Krise hinnehmen, sondern als Chance nutzen.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen