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Unbequeme Wahrheit: Wie Deutschlands vermeintlich nachhaltiger Lebensstil die Erde zerstört

Anbau für den Bio-Sprit in Brasilien.

In Deutschland kennt die Euphorie um die vermeintlich so umweltschonende E-Mobilität kaum Grenzen. Im südlichen Amerika macht sie Angst. Sie bedroht Territorien und Lebensgrundlage der indigenen Völker in Chile und in Argentinien. Dort, wo sich zwei der größten ausbeutbaren Lithiumvorkommen der Welt finden.

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Wir sind gierig auf das so seltene und deshalb so wertvolle Metall, weil wir es brauchen für die Batterien all der E-Autos. Sie müssen für den Abbau das Kostbarste geben, was sie haben: Wasser. Für den Abbau braucht es viel Wasser. Und davon gibt es ausgerechnet dort, wo es Lithium gibt, ohnehin schon viel zu wenig. Nicht unser Problem? Das Problem der anderen?

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Avocado, die Frucht der Reichen

Der Lithiumabbau ist nur ein Beispiel dafür, wie vermeintlich guter und nachhaltiger Trendkonsum der Industrieländer Natur und Gesellschaft in Lateinamerika aus dem Gleichgewicht bringt. Längst kon­trolliert die Drogenmafia den Avocadoanbau in Mexiko, wird der Amazonasregenwald für Soja oder Biosprit abgeholzt.

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Sie nennen sie „Superfood“ oder „Superheldin der Küche“: Avocados sind gut fürs Herz, kurbeln den Stoffwechsel an und enthalten jede Menge Vitamine. Und überhaupt: Die Frucht peppt jedes Rezept auf, heißt es in einschlägigen Blogs und Foodmagazinen. Viele preisen sie als klimafreundlichen Fleischersatz. Mit einem solch grünen, gesunden Lebensmittel kann man eigentlich nichts falsch machen. Eigentlich. In Chile sind die Menschen da ganz anderer Meinung.

In der Provinz Petorca rund 150 Kilometer nördlich der Hauptstadt Santiago de Chile fallen nur 200 Millimeter Regen pro Jahr. Das ist praktisch nichts. Die Einheimischen leben daher seit jeher in den Talsohlen, wo das Wasser der Andenflüsse bescheidene Landwirtschaft ermöglicht.

Ausgerechnet hier konkurriert seit einigen Jahren ein Millionenheer durstiger Obstbäume mit den Menschen um das kostbare Wasser. Auf rund 8000 Hektar Fläche bauen Firmen Obst für den Export an, die meisten von ihnen Avocados, die dann in deutschen Supermärkten landen. Das Problem: Jeder Avocadobaum benötigt rund 600 Liter Wasser pro Woche, hat die Nichtregierungsorganisation Rettet den Regenwald ausgerechnet. Mit Pumpen saugen die Firmen das Wasser aus Tiefbrunnen in die Bewässerungsteiche. Die Rechnung bezahlen die Kleinbauern: mit ausgetrockneten Flüssen, verdorrter Vegetation, brachliegenden Feldern und Grundwasserknappheit.

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Wasser ist in Chile privatisiert. Nun soll eine neue Verfassung die Rechte neu klären. Der Kampf ums Wasser ist in Chile zur gesellschaftlichen Frage geworden – und damit auch die Entscheidung, wie die Avocados der Zukunft produziert werden sollen.

In Mexiko hat diese Frage die Gesellschaft längst entzweit. Uruapan gilt als eine der wichtigsten Städte des Avocadoanbaus weltweit. Gut 40 Prozent der Avocados, die in die USA geliefert werden, stammen aus dieser Region. Doch anstatt einer der ältesten Städte des Landes Wohlstand und sozialen Ausgleich zu verschaffen, tobt hier seit Jahren ein brutaler Kampf um die Vormachtstellung im Avocadogeschäft.

Fünf Jahre Pariser Klimaabkommen: Ambitionierte Ziele – und eine miese Bilanz

Von 1,5-°C-Ziel weit entfernt: Die Welt hält sich nicht an die Klimavorgaben von Paris. US-Präsident Donald Trump trat 2017 sogar aus dem Abkommen aus.

Denn in der Großstadt im Bundesstaat Michoacán hat die Drogenmafia die Kontrolle über die Landwirtschaft übernommen. Die Kartelle haben den Verteilungskampf auf alles ausgeweitet, was Geld bringt. Wie die Avocadoproduktion. Und so werden Gewerkschaftler, Zwischenhändler, Lokalpolitiker ermordet, die diesem Geschäft im Weg stehen könnten. Eine Kontrolle über das, was bei der Avocadoproduktion geschieht, gibt es praktisch nicht. In Europa und den USA wird mit Genuss verzehrt, in Lateinamerika vertrieben oder gestorben.

Und noch ein Beispiel: Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Euphorie in Europa schon einmal so groß wie jetzt angesichts der Elektromobilität. Biosprit schien die Antwort zu sein auf die Herausforderungen des Klimawandels. Hochgestimmt reisten damals Politiker aus Deutschland nach Brasilien, um dem eingeleiteten Strukturwandel hin zum Biosprit Beifall zu zollen. Der damalige Präsident Lula da Silva ließ in den Anfangsjahren seiner Amtszeit (2003–2011) sogar doppelt so viel Regenwald abholzen wie der heutige Amtsinhaber Jair Bolsonaro.

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Treibstoff ohne Zukunft

Der damalige grüne Bundesumweltminister Jürgen Trittin lobte in Brasilia diese Weichenstellung als vorbildlich, das Land sei auf dem Weg der Biospritproduktion Europa ein gutes Stück voraus. Zu Hause machte Trittin Lobbyarbeit für eine Energiewende nach brasilianischem Muster: „Der Acker wird zum Bohrloch des 21. Jahrhunderts, der Landwirt wird zum Energiewirt.“

Gut 15 Jahre nach dem Boom ist das Ergebnis der damaligen Neuausrichtung verheerend: „Die Produktion von Biosprit hat in Brasilien eigentlich nur einen Sieger hervorgebracht, nämlich die Agrarindus­trie“, sagt Professor Guilherme Ferreira, Geograf und Umweltblogger aus Recife. „Verloren hat der Regenwald, weil in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv abgeholzt wurde. Verloren haben die indigenen Völker, die aus ihren Territorien vertrieben wurden. Und verloren hat die Natur, weil sie durch Pestizide und Monokulturen zerstört wird.“

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Im Bundesstaat Maranhao lässt sich das an konkreten Zahlen festmachen: Im Jahr 2000 wurde noch auf 19 912 Hektar Fläche Zuckerrohr angebaut. Im Jahr 2019 waren es dem brasilianischen Institut für Geografie und Statistik zufolge 47 405 Hektar, also zweieinhalb Mal so viel. Fast alles für Bioethanol. Heute wiederholt sich das Szenario mit Lithium. Genauer gesagt Lithiumkarbonat, der wichtigste Rohstoff für Batterien und Akkus in fast allen Computern, Telefonen und eben E-Autos. Emissionsfrei sollen die Autos der Zukunft fahren, das ist das Ziel. Ohne fossile Brennstoffe.

Doch auch die Lithiumgewinnung hat ihre Schattenseiten. Die Volkswagen AG nimmt auf ihrer Internetseite zu diesem Problem vorsorglich Stellung: „In einigen Gegenden klagen Einheimische über zunehmende Trockenheit, die beispielsweise die Viehzucht gefährde oder zum Vertrocknen von Bäumen führe. Aus Sicht von Experten ist bislang unklar, inwieweit die Trockenheit tatsächlich mit dem Lithiumabbau zusammenhängt. Unstrittig ist: Für die Lithiumgewinnung selbst wird kein Trinkwasser benötigt. Umstritten ist dagegen, in welchem Ausmaß die Entnahme von Salzwasser zum Nachströmen von Süßwasser führt und damit den Grundwasserspiegel am Rand der Salare beeinflusst.“

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Weil im Länderdreieck Argentinien, Bolivien, Peru die Regierungen nun aufs Tempo drücken wollen, was die Produktion angeht, sind vor allem die auf dem Land lebenden indigenen Völker besorgt. Sie fürchten nicht nur den Verlust ihres Lebensraums, sondern auch eine nachhaltige Zerstörung der Umwelt durch den industriellen Abbau. Es gibt bereits erste Protestbewegungen.

Brasilien wiederum hat ein ganz eigenes Problem. Besonders laute Kritik an der zerstörerischen Amazonaspolitik des rechtspopulistischen Präsidenten Bolsonaro kommt ausgerechnet aus Europa. Tatsächlich hat die Abholzung in dessen ersten drei Amtsjahren wieder bedrohlich zugenommen. Möglich gemacht hat das vor allem Bolsonaros rücksichtslose Politik der Liberalisierung von Umweltvorschriften, das gezielte Aushöhlen und Schwächen von Institutionen, die die Umwelt schützen sollen, aber mit immer weniger Geld, Einfluss und Personal ausgestattet werden. Der Sieger dieser Entwicklung: die brasilianische Agrarindus­trie, die seit Jahren immer neue Milliardenumsatzrekorde einfährt.

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Europas Lust auf Fleisch

Ein Grund dafür ist der Sojaanbau. Und hier ist wieder Europa einer der größten Abnehmer. Neben China importiert vor allem die europäische Fleischindustrie Soja als Tierfutter. Nicht ganz zu Unrecht kontert Bolsonaro mit dem Verweis darauf die Kritik aus Europa. Und erhebt zudem den Vorwurf, die „alte Welt“ habe selbst einmal aus Urwäldern bestanden. Auf diesen abgeholzten Flächen produziere nun die europäische Fleischindustrie, die die brasilianische Konkurrenz fürchte.

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Ein kleiner, aber nicht der entscheidende Anteil der weltweiten Sojaproduktion fließt auch in die Produktion veganer Produkte. Umweltorganisationen schätzen, dass rund 6 Prozent der weltweiten Sojaernte, hauptsächlich im asiatischen Raum, direkt für den menschlichen Verzehr in Form von Sojasprossen, Sojaöl oder Tofu genutzt wird.

Der Vorwurf, dass die Produktion veganer Lebensmittel an der Zerstörung des Regenwaldes schuld sei, ist also falsch. Die Organisation Faszination Regenwald fordert stattdessen ein Umdenken vor allem in Europa, um die flächenfressende Sojaproduktion unter anderem im Amazonas zu stoppen: „Unsere Viehbestände sind viel zu hoch, als dass sie noch von einheimisch angebauten Futtermitteln ernährt werden könnten. Ohne die Importe von Sojabohnen, die auf ehemaligen Tropenwaldflächen angebaut wurden, könnten unsere Massentierhaltungen heute nicht existieren.“

Wer also den Regenwald schützen will, muss seinen Fleischkonsum deutlich reduzieren. Weniger Fleisch bedeutet weniger Viehzucht und weniger Bedarf an Soja als Tierfutter. Und das wiederum bedeutet: weniger Abholzung.

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