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  • Nach dem Lockdown zurück ins Büro: So schützen Firmen jetzt die Gesundheit ihrer Mitarbeiter

“Regeln einzuhalten, Masken zu tragen - das ist eine Belastung für jeden Mitarbeiter”

  • Nach Wochen, in denen die Produktion gedrosselt und die Mitarbeiter im Homeoffice gearbeitet haben, planen viele Unternehmen nun die Rückkehr zum Arbeitsort.
  • Martina Vosteen arbeitet für das Beratungsunternehmen Ramboll und erklärt im RND-Interview, worauf Firmen achten müssen, wenn sie die Gesundheit ihrer Mitarbeiter nicht in Gefahr bringen wollen.
  • Sie sagt: Vielen Betrieben gelingt es nicht, Verständnis für die Maßnahmen zu vermitteln.
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Frau Vosteen, Sie haben in der Corona-Krise Dutzende Unternehmen beraten. Nach Wochen im “Lockdown” wollen viele Firmen nun zurück zur Produktion und ins Büro – welche Herausforderungen gibt es dabei?

Es geht darum, einen Spagat zu schaffen: Man muss wieder wirtschaftliche Leistung erbringen und Kunden zufriedenstellen, darf aber die Mitarbeiter nicht einem Risiko aussetzen. Denn das birgt auch das Risiko für das Unternehmen, dass ein neuer “Lockdown” notwendig wird und die Mitarbeiter wieder nach Hause geschickt werden müssen.

Sollten Unternehmen denn dann überhaupt das Ziel haben, schnell zurückzukehren?

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Das hängt von der Art der Unternehmen ab. Für Firmen, die ihre Produktion wieder zum Laufen bringen müssen, ist das viel dringlicher, als bei Unternehmen, in denen die Mitarbeiter nur im Büro sitzen. Erstere wollen unbedingt zurück in die Produktion. Letztere können eher von zu Hause arbeiten, ohne dass ein großer Verlust der wirtschaftlichen Leistung des Unternehmens entsteht.

“Wo entstehen Risiken für Mitarbeiter?”

Das heißt, Firmen, die vor allem in Büros arbeiten, sollten sich mehr Zeit bei der Rückkehr lassen?

Sie haben zumindest die Möglichkeit dazu und keinen Zwang. Natürlich gibt es auch dort Aspekte, die wegfallen, wie den Austausch zwischen Kollegen, Gespräche, die sonst natürlich entstehen, wenn sich Menschen begegnen. Und es gibt Bestrebungen von Firmen, das durch eine Rückkehr wieder zu initiieren. Aber die Frage ist: Was birgt das für ein Risiko – auch wenn man die entsprechenden Maßnahmen einhält – im Vergleich zu dem, was man ohne diesen Austausch verlieren würde?

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Martina Vosteen ist Teil des Covid-19-Teams beim Ingenieur- und Managementberatungsunternehmen Ramboll. Sie und ihr Team, zu dem auch Virologen und Epidemiologen gehören, beraten in der Corona-Krise Unternehmen unter anderem zum Thema Arbeitssicherheit. © Quelle: Ramboll

Ein Hotspot des Infektionsgeschehens in Deutschland ist derzeit die Fleischproduktion. Wie können Unternehmen sicherstellen, dass sie ihre Mitarbeiter nicht in eine solche Gefahr bringen?

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Wir haben viele produzierende Unternehmen beraten, zum Beispiel in der Produktion von Verpackungen oder Nahrungsmitteln. Das Erste, was man dabei macht, ist eine tiefgehende Analyse: Wo entstehen Risiken für Mitarbeiter, welche Faktoren beeinflussen diese? Sind es etwa, wie zum Beispiel in den Schlachthöfen, die klimatischen Bedingungen? Ist es feucht, ist es kalt? Wie sind die Bedingungen der Arbeiter, müssen sie stark körperlich arbeiten? Man weiß inzwischen, dass, wenn Menschen stark über einen gewissen Zeitraum ausatmen, eine Ansteckung über Aerosole möglich ist. Man muss also genau analysieren, unter welchen Bedingungen gearbeitet wird und dann entscheiden, welche Maßnahmen getroffen werden müssen: Welcher Abstand muss eingehalten werden, welche Schutzkleidung ist nötig, reichen einfache Gesichtsmasken oder brauche ich FFP2- oder FFP3-Masken mit einer höheren Sicherheit?

Dazu muss man dann noch die entsprechenden Regularien der verschiedenen Länder beachten. In manchen Ländern gilt zum Beispiel ein Mindestabstand von einem Meter, in anderen von zwei.

Zukünftig Mischung zwischen Homeoffice und Büro

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Wie stellt man sicher, dass diese Maßnahmen auch tatsächlich eingehalten werden?

Diese Regeln einzuhalten, Masken zu tragen – das ist eine Belastung für jeden Mitarbeiter. Wichtig ist deshalb, dass ein Verständnis bei den Mitarbeitern dafür besteht, dass es Risiken gibt. Druck auszuüben funktioniert nur bedingt. Vielen Betrieben gelingt es nicht, Verständnis für die Maßnahmen zu vermitteln. Da wird von oben herab etwas vorgegeben, aber nicht mit den Mitarbeitern diskutiert. Es ist aber wichtig, dass man sie auch einbezieht und fragt, was man aus ihrer Sicht verbessern könnte.

Ist denn derzeit für jedes Unternehmen eine Rückkehr an den Arbeitsort möglich?

Den Unternehmen, die wir beraten, war es allen möglich, zurückzukehren. Aber Konzerthallen oder Opern sind ja zum Beispiel auch Unternehmen und da ist das schwieriger: Wenn ein Chor singt, wird viel ausgeatmet, aber die Sänger können keine Masken tragen.

Wie sehr wird das Homeoffice Teil der neuen Arbeitswelt werden?

Viele Führungskräfte und Mitarbeiter, mit denen ich gesprochen habe, sind der Überzeugung, dass die Covid-19-Krise gezeigt hat, dass man viele Dinge auch im Homeoffice gut erledigen kann. Die Notwendigkeit, jeden Tag von morgens bis abends im Büro zu sitzen, wird es in Zukunft nicht mehr unbedingt geben. Allerdings muss man auch sagen: Manche Mitarbeiter kommen mit dem Homeoffice gut klar, weil sie zum Beispiel ihr privates Leben besser in die Arbeit integrieren können. Anderen fällt dagegen die Decke auf den Kopf, die brauchen den Austausch. Ich denke daher, dass wir in Zukunft eine Mischung zwischen Homeoffice und dem Büro haben werden.

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Firmen mit Standorten in Asien waren besser vorbereitet

Welche Voraussetzungen braucht es, damit das gut gelingt?

Ich rate den Firmen, dass sie sich mit ihren eigenen Beweggründen auseinandersetzen: Warum hat man denn in der Vergangenheit versucht, alle Mitarbeiter im Büro zu halten? Welche Gründe gab es dafür – und hat die Krise gezeigt, dass manche davon gar nicht so stark sind? Diese Frage muss jedes Unternehmen für sich bewerten – und vielleicht auch mal seine Mitarbeiter dazu befragen.

Gab es denn Unternehmen, die besser auf eine Situation wie die Corona-Pandemie vorbereitet waren?

Ja. Dabei kommt es vor allem darauf an, wie international ein Unternehmen aufgestellt ist. Wenn eine Firma zum Beispiel einen Standort in Asien hat, dann hat sie mit MERS oder beim ersten Sars-CoV schon einmal eine Art Übung durchlaufen. Dann gab es zum Beispiel Pandemiepläne, die man übertragen konnte.

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