Mixed Reality: Zwischen Küchentisch und Cyberkochkurs

  • Smarte Gadgets gibt es heutzutage allerlei – doch mit einer smarten Brille möchten Mobilfunktreiber nun die Grenzen zwischen digitaler und realer Welt noch mehr verschwimmen lassen.
  • Mixed Reality heißt die Technologie, die sich besonders in Zeiten wie diesen stark durchsetzen könnte.
  • Die Hardware und Apps könnten nicht nur in der Küche, sondern auch in der Architektur- oder Gesundheitsbranche von Bedeutung werden.
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Die Szene hat etwas Surreales. Menschen in einer Küche schlagen Eier auf und tragen dabei Augengläser, die an Sportsonnenbrillen erinnern. In unregelmäßigen Abständen heben sie den Kopf, scheinen an wie Wand oder die Decke zu starren. Tatsächlich dient der Blick nach oben dazu, um neue Instruktionen zu erhalten. Von einem virtuellen Chefkoch. Willkommen in der Welt der erweiterten Realität. Handynutzer werden bald Zutritt erhalten. Mobilfunkbetreiber starten demnächst die kommerzielle Vermarktung der ersten Mixed-Reality-Brillen, die eines Tages Smartphones überflüssig machen könnten.

Bilder auf den Brillengläsern

Darauf haben Experten schon länger gewartet. Brillengläser, auf die bewegte Bilder mit 3-D-Effekt projiziert werden – das gibt es zwar schon viele Jahre. Nur hatten die Exemplare der ersten Generationen das Format von Backsteinen. Damit war kein Geschäft zu machen. Doch inzwischen hat das chinesische Start-up Nreal ein Modell entwickelt, das den Namen Light trägt, nur noch 106 Gramm wiegt und fast wie eine Alltagsbrille daher kommt. In die Bügel sind Lautsprecher eingebaut.

Der Nutzer kann durch die getönten Gläser sowohl die wirkliche als auch die virtuelle Realität wahrnehmen: Mixed Reality. Was fängt man damit an? Die Innovationsabteilung von Vodafone hat sich fürs Kochen entschieden. ZDF Digital, eine Tochter der TV-Anstalt, hat dafür eine App entwickelt. Und der Fernsehkoch Steffen Henssler wurde als Protagonist engagiert. Er führt in Videoclips vor, was die Brillenträger nachvollziehen sollen und zeigt beispielsweise, wie der Eischnee für einen Kaiserschmarren besonders fest und fluffig wird: Beim Schlagen mit dem Schneebesen oder dem Mixer langsam anfangen, dann die Geschwindigkeit allmählich steigern und den Zucker nicht zu früh hinzugeben.

Ist das getan, kann der nächste Schritt in der Kaiserschmarrenherstellung abgerufen werden: Das Unterheben des Eischnees in den Teig aus Milch, Mehl, Zucker und Eiern. Um den kurzen Videoclip dazu auszulösen, muss der Nutzer seine Hände nicht von Schüssel und Schneebesen nehmen. Das geht mit Blicksteuerung (Gaze Control). Einfach nur den roten Startknopf fixieren, schon legt Henssler los. Man habe für den Marktstart der Brille eine Anwendung gesucht, die die Vorteile des elektronischen Geräts auf der Nase überzeugend demonstrieren könne, heißt es bei Vodafone. Zudem soll es um etwas gehen, das positiv besetzt ist. Wie Kaiserschmarren.

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Datenverbindung zwischen Brille und Smartphone

Deutschlandchef Hannes Ametsreiter betont, sein Unternehmen wolle bei dem Thema „einen Schritt vorweg gehen“. Anfang April soll die Vermarktung starten. In Zusammenarbeit mit Henssler und Nreal. Chi Xu, Gründer und Chef des Start-ups, ist davon überzeugt: „Mit der Smartbrille verändern und erweitern wir das Leben mit Mixed-Reality-Technologie.“

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Auch die Deutsche Telekom kooperiert seit geraumer Zeit mit dem chinesischen Unternehmen. In Kürze werde man ein eigenes Angebot mit der Lightbrille offerieren – „mit ernsthaften Anwendungen“, sagte eine Sprecherin des Bonner Konzerns dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Hilfreich sei dabei auch die neue 5G-Mobilfunktechnik. Weitere Details wurden nicht genannt. Insider gehen davon aus, dass die Telekom ebenfalls im April ihr Debüt im Fach Mixed Reality hinlegen wird. Wie bei Vodafone wird dabei die Brille mit einem Smartphone gekoppelt, beide Geräte werden zwecks Datentransports mit einem Kabel verbunden.

Die Nachfrage nach Mixed Reality wird weiter steigen

Für Experten besteht kein Zweifel, dass die Nachfrage nach solcher Hardware und den dazugehörigen Apps und Inhalten in den nächsten Jahren gehörig steigen wird. Wobei die jeweiligen Prognosen für die Wachstumsraten weit auseinander liegen. So rechnet die Unternehmensberatung Deloitte für Deutschland bis 2024 mit einem jährlichen Plus des Marktes um 30 Prozent. 530 Millionen Euro könnten dann umgesetzt werden. Die US-Marktforschungsfirma IDC geht hingegen von einem starken exponentiellen Wachstum aus. Die weltweiten Ausgaben für erweiterte Realität würden sich zwischen 2020 und 2024 versechsfachen – auf dann knapp 73 Milliarden Dollar. Für die Deloitte-Experten kommt alles darauf an, ob die Mobilfunkbranche einen Must-have-Effekt erzeugen kann: Anwendungen und Geräte, die heiß begehrt sind. Die IDC-Analysten erwarten, dass Spiele spielen enorm wichtig wird. Aber auch im Gesundheitswesen, im Handel, in der Unterhaltung (Filme) oder in der Immobilienbranche werden große Potentiale vermutet. Virtuelle Besichtigungen von Wohnungen bieten Architekten bereits an.

Vieles wird auch davon abhängen, wie sich die Hardware entwickelt. Branchenkenner vermuten, dass schon bald die Verbindungskabel zwischen Brille und Smartphone verschwinden werden und Daten per Bluetooth übermittelt werden. Brillen dürften mit der Miniaturisierung der Bauteile leichter und eleganter werden. Und eines Tages könnte das Smartphone als Datenspeicher und Empfangsgerät wegfallen. Eine Armbanduhr könnte diese Funktion übernehmen. Klar ist auch, dass Nreal nicht alleine bleiben wird. Apple-Chef Tim Cook hat die erweiterte Realität als ein wichtige Zukunftsaufgabe für sein Unternehmen längst benannt. Und Microsoft hat gerade bekannt gegeben, dass man die Anstrengungen in diesem Feld intensivieren will.

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Bei einem von Vodafone organisierten Test der Mixed Reality am Beispiel des Kaiserschmarrens hat sich allerdings auch gezeigt: Unterstützt der reale Steffen Henssler wird beim finalen Karamellisieren der Mehlspeise wird die smarte Brille überflüssig.

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