Mit Mut in den Umbruch: Warum der Dieselskandal für VW ein Glücksfall war

  • Der Dieselskandal wurde für VW zur existenziellen Bedrohung.
  • Doch er zwang den Konzern auch zum radikalen Umbruch.
  • Im Rückblick ein Glück für VW, kommentiert Stefan Winter.
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Manchmal passen mehrere Epochen in einen Moment. Am Mittwochmorgen trat der frühere Audi-Chef Rupert Stadler in München vor die Richter, um seine Rolle im VW-Dieselskandal aufzuklären. Es wird in den nächsten Monaten viel um Abgase gehen, die Grenzen einer Technologie und um die Hybris eines Weltmarktführers. Zur gleichen Zeit sprach Stadlers einstiger Kollege Herbert Diess 500 Kilometer weiter nördlich auf der VW-Hauptversammlung. Es ging um Elektroantrieb, Computersoftware als Kern des Autos und um Standortschließungen.

Radikaler Umbruch dank existenzieller Bedrohung

Vor fünf Jahren war der Abgasbetrug bekannt geworden, aber die Veränderung seitdem reicht für ein Vielfaches. Die existenzielle Bedrohung zwang den Konzern zum radikalen Umbruch. Bei allen Härten, die das brachte und bringen wird, ist es ein Glück. Denn sieht man sich heute die Pläne an, die VW vor jenem September 2015 schmiedete, sähe es jetzt wohl düster aus für die Zukunft.

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Man hätte ausgereizte Technik in teuren Trippelschrittchen optimiert und für ein paar Millionen Euro neue Technologien erprobt – und Tesla wäre wider Erwarten nicht pleitegegangen, sondern vernetzt und elektrisch uneinholbar davongefahren. Dass der Wandel bei VW ein wilder Ritt geworden ist, hat auch mit den handelnden Personen zu tun – aber nicht nur. Vor allem muss jetzt alles sehr schnell passieren, wofür in den goldenen Jahren noch Zeit gewesen wäre. Denn keiner der Trends, auf die sich VW und andere jetzt einstellen, entstand mit dem Dieselskandal. Aber wie der Mensch so ist: Der Abschied vom Gewohnten ist eine Abwägung des Komforts. Man macht es nur, wenn Beharren garantiert schlimmere Folgen hat als Verändern.

Der Fall VW ist auch exemplarisch

Vieles ist an VW speziell, aber eins ist exemplarisch: Viele Unternehmen haben zehn sehr gute Jahre hinter sich und sonnten sich im Erfolg – auch wenn der nicht immer eigener Brillianz, sondern oft niedrigen Energiepreisen, noch niedrigeren Zinsen und einem staatlich gelenkten China-Boom zu verdanken war. Manche weckt ein Dieselskandal, andere die Viruspandemie.

Denn während wir täglich der Konjunktur den Puls fühlen, darf man eins nicht vergessen: Die Krisenprogramme sind erst einmal nur Nothilfe. Selbst wenn sich die Wirtschaft zügig erholt, geht der Strukturwandel weiter – und zwar beschleunigt. Internetriesen wie Amazon kommen nicht nur schadlos durch die Krise, sie werden danach stärker sein denn je. Und mancher, der sich heute noch Chancen gegen sie ausrechnet, wird seine Reserven verbraucht haben.

Die gesamte Industrie steht vor einem Umbruch, wie ihn VW durchlebt. Es ist nicht der erste, und das sollte Mut machen: Auch die erste Welle der Digitalisierung und die Globalisierung begannen mit düstersten Prognosen und führten unterm Strich zum wirtschaftlichen Erfolg.

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