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Millionär kritisiert seine niedrigen Steuern: „Fair ist das nicht“

Peter Reese ist Unternehmer. Der Verkauf des von ihm mitgegründeten Vergleichsportals Verivox 2015 brachte dem heute 51-Jährigen ein üppiges Vermögen ein. Heute leitet Reese eine Digitalberatungsagentur. Er engagiert sich bei „Tax Me Now“, einem Zusammenschluss von Millionärinnen und Millionären, die höhere Steuern auf Vermögen, Erbschaften und Kapitalerträge sowie einen entschlosseneren Kampf gegen Steuervermeidung fordern.

Hannover.„Wäre ich nicht reich, wärst du nicht arm“ – frei nach Bertolt Brecht lässt sich so die Devise von 100 Millionären zusammenfassen, die in dieser Woche einen offenen Brief auf den Weg gebracht haben. Das Bündnis verschiedener Gruppen fordert mehr Steuern für Wohlhabende. Im Interview erklärt Peter Reese, warum er mitgemacht hat.

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Der 51-Jährige war einst Gründungsmitarbeiter beim Vergleichsportal Verivox, profitierte später vom Verkauf des Unternehmens. Mittlerweile führt Reese eine Digitalberatung und engagiert sich bei „Tax Me Now“. Der Zusammenschluss von Wohlhabenden setzt sich für höhere Steuern auf große Vermögen, Erbschaften und Kapitalerträge ein.

Herr Reese, sind Sie zu reich?

Ich selber bin wohl an der Grenze, aber es wäre in Ordnung, wenn ich mehr Steuern zahlen müsste. Wenn ich alle Einkommensklassen zusammenziehe, sind die Steuern meiner Mitarbeiter höher als meine eigenen. Denn ich habe ein relativ hohes Einkommen aus Kapitalerträgen, die werden bei uns in Deutschland nur pauschal besteuert. Und wenn man Immobilien und Anlagen nach einer Haltefrist veräußert, sind sie komplett steuerfrei, ebenso wie viele große Erbschaften. Je höher die Vermögensklassen werden, desto rapider nehmen die tatsächlich gezahlten Steuersätze ab. Fair ist das nicht.

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Wohlhabende können freiwillig mehr leisten, warum geben Sie sich damit nicht zufrieden?

Sie sprechen von Philanthropie. Das Handeln Einzelner ist gut und wichtig, wir bei „Tax Me Now“ unterstützen das und spenden selbst viel. Aber Staat und Gesellschaft können sich nicht davon abhängig machen, dass Wohlhabende nach Lust und Laune vielleicht gerade ein Kinderkrankenhaus spendieren. So kann man keine öffentlichen Güter finanzieren und auch keine soziale Sicherheit herstellen. Es reicht nicht, wenn einige mehr geben, weil der allergrößte Teil der Klasse der Reichen eben nicht freiwillig mitmacht. Sonst wären wir ja jetzt nicht hier.

Und was genau wollen Sie ändern?

Was die Besteuerung von Vermögen und Kapitalerträgen anbelangt, wünsche ich mir – platt gesagt – die gute alte Zeit unter Helmut Kohl zurück. Es gab mal einen Spitzensteuersatz von 53 Prozent, es gab eine progressive Besteuerung von Kapitalerträgen, es gab eine Erbschaftssteuer, die das Papier wert war, auf dem sie stand. Und es gab eine Vermögenssteuer, die nach Kritik an ihrer Ausgestaltung einfach ganz ausgesetzt wurde.

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Sie haben es als Unternehmer durchaus zu Erfolg gebracht, mit dem Verkauf von Verivox viel Geld verdient. Würden höhere Steuern nicht den Unternehmergeist ausbremsen?

Ich halte das für ein vorgeschobenes Argument. Ich werde ja nicht Unternehmer, weil Steuern ein bis 2 Prozent niedriger sind. Sondern, weil ich eine spannende Idee habe, weil ich es gut finde, mich ein Stück weit selbst zu verwirklichen und Spaß daran habe, etwas aufzubauen.

Bei den Ersatzveranstaltungen für das Weltwirtschaftsforum diskutieren Reiche gerade ebenfalls über allerlei Menschheitsprobleme. Zeichnet sich ein Umdenken ab?

Ich denke, dass wir in den nächsten zwei Jahrzehnten vor entscheidenden Fragen stehen. Es geht darum, ob wir die ökologische Krise meistern, ob wir die Krise der Ungleichheit in vielen Gesellschaften bewältigen und ob wir die Vertrauenskrise der Demokratie in den Griff bekommen. Die Welt ist reich, und wir könnten die Probleme lösen – aber das Geld ist schlecht verteilt. Der Grenznutzen großer Vermögen geht gegen null, während anderswo jeder Euro mehr einen Unterschied machen würde.

Trotzdem gibt es Ungleichheit schon lange. Wie kommt es, dass sich nun kritische Millionärinnen und Millionäre zusammenschließen?

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Die Zeit ist reif. Es gibt eine kritische Masse junger Erbinnen und Erben, die völlig verständnislos vor einem Haufen Geld steht – weil sie sich wundert, was ihnen da ohne jegliche Steuern überlassen wird. Zugleich leben wir in einer Gesellschaft, in der ein Drittel wirklich gegen den Abstieg kämpft. Wir haben soziale Nöte, ein Fünftel aller Kinder ist von Armut bedroht.

Hat auch die Pandemie Ihre Sichtweise verändert?

Ich glaube, auch den Vermögenden ist klar, dass es so nicht weitergehen kann. Um die Krise zu bekämpfen, haben die Zentralbanken massiv Geld ausgegeben. Dadurch haben alle Sachwerte, Aktien, Immobilien und Rohstoffe, deutlich an Wert gewonnen. Allein in den vergangenen zwei Jahren hat sich unser Vermögen dadurch fast verdoppelt, ohne dass wir etwas tun mussten.

Sie kommen selbst aus der Wirtschaft, haben sich auf dem freien Markt behauptet. Macht es Ihnen da keine Sorge, dass Vater Staat die zusätzlichen Einnahmen verschwenden könnte?

Ein intransparenter Fiskus ist ein Problem, wir haben ja nicht ohne Grund eine Vertrauenskrise in unserer repräsentativen Demokratie. Das Thema müssen wir lösen, definitiv. Aber man kann das eine Problem nicht gegen das andere ausspielen und keine Steuern zahlen, weil der Staat nicht so effizient ist, wie man es gerne hätte.

Am Freitag geht das Weltwirtschaftsforum zu Ende – das wegen der Pandemie in diesem Jahr nicht im Schweizer Davos, sondern im Internet stattfindet. Neben Auftritten zahlreicher Politiker diskutierten die Unternehmenslenker, Wohlhabenden und Nichtregierungsorganisationen vor allem über die Pandemiefolgen. Mehrere Zusammenschlüsse von Millionärinnen und Millionären weltweit kritisierten das Treffen am Donnerstag in einem offenen Brief.

Am Freitag geht das Weltwirtschaftsforum zu Ende – das wegen der Pandemie in diesem Jahr nicht im Schweizer Davos, sondern im Internet stattfindet. Neben Auftritten zahlreicher Politiker diskutierten die Unternehmenslenker, Wohlhabenden und Nichtregierungsorganisationen vor allem über die Pandemiefolgen. Mehrere Zusammenschlüsse von Millionärinnen und Millionären weltweit kritisierten das Treffen am Donnerstag in einem offenen Brief.

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Schlussendlich belaufen sich die Steuerprivilegien für uns Millionäre und Milliardäre auf 80 Milliarden Euro pro Jahr. Würde man das ändern, könnte man die Mehrwertsteuer deutlich senken oder die Einkommenssteuer für die unteren 80 Prozent drastisch reduzieren. Selbst wenn der Fiskus keine zusätzlichen Gelder einnehmen sollte, könnte man also viel für mehr Gerechtigkeit tun.

Die Ampelkoalition hat Steuererhöhungen bislang kategorisch ausgeschlossen. Was können sie realistischerweise erreichen?

Erst mal können wir über das Thema sprechen. Über Geld wird in Deutschland wenig geredet, am wenigsten von den Vermögenden, die sich gern bedeckt halten. Und ich hoffe, dass die FDP ihre Blockade bei der Erbschaftssteuer aufgibt. Die ist, wie wir sie gerade anwenden, verfassungswidrig, wie das Verfassungsgericht zweimal bestätigt hat. Wenn Sie über 10 Millionen Euro erben, zahlen Sie bei einem Betriebsvermögen oft überhaupt keine Steuern mehr. Wer hingegen ein kleines Haus erbt, muss jenseits des Freibetrags schnell mal 10 Prozent abgeben.

Nun sind Sie selbst wohlhabend. Wie erklären Sie Ihrem Nachwuchs, dass bei ihm am Ende weniger ankommen könnte?

Das Verständnis ist groß. Wenn sie smart sind, brauchen die Kinder das Geld ohnehin nicht. Und wenn sie nicht so smart wären, würde ihnen das viele Geld womöglich eher schaden als nutzen.

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Peter Reese ist Unternehmer und war einst Gründungsmitarbeiter bei Verivox. Der Verkauf des Vergleichsportals 2015 brachte dem heute 51-Jährigen ein kleines Vermögen ein. Heute leitet Reese eine Digitalberatungsagentur. Er engagiert sich bei „Tax Me Now“, einem Zusammenschluss von Millionärinnen und Millionären, die höhere Steuern auf Vermögen, Erbschaften und Kapitalerträge sowie einen entschlosseneren Kampf gegen Steuervermeidung fordern.

Hinweis: Der Beitrag wurde aktualisiert, da Peter Reese fälschlicherweise als Mitgründer bezeichnet wurde. Er war Gründungsmitarbeiter.

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