Facebook verspricht 10.000 Jobs in Europa – um eine Digitalwelt zu programmieren

  • Der US-Konzern Facebook will „Metaverse“ erschaffen – die nächste Stufe der elektronischen Kommunikation und Interaktion.
  • Das Management will Talente fördern und mit Regierungen kooperieren.
  • Zugleich wächst die Kritik an den Geschäftspraktiken von Facebook.
|
Anzeige
Anzeige

Frankfurt. Ist das Marketing oder ein unmoralisches Angebot? Oder will Facebook uneigennützige Talent- und Wirtschafts­förderung betreiben? Fest steht jedenfalls, dass der US-Gigant angekündigt hat, in den nächsten fünf Jahren 10.000 hoch qualifizierte Jobs in der EU zu schaffen.

Die Spezialisten sollen die Entwicklung von „Metaverse“ stemmen, dem nächsten ganz großen Ding für den Konzern. Auffällig dabei ist, dass die Ankündigung in einer Phase kommt, in der das Management mit heftigem Gegenwind zu kämpfen hat.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hatte schon im Sommer der Belegschaft mitgeteilt, dass die Zukunft des Unternehmens davon abhänge, ob es gelinge, ein Metauniversum zu bauen. Wie so häufig bei hochfliegenden Hightech­projekten stammt das Konzept aus einem Science-Fiction-Roman. Der wurde 1992 von Neal Stephenson geschrieben und trägt den Titel „Snow Crash“.

Anzeige

Es geht um die Erschaffung einer digitalen Welt, die Elemente von virtueller Realität und physischer Realität miteinander verknüpft. Ein gigantischer digitaler Raum soll entstehen, den die Nutzerinnen und Nutzer mitgestalten können. Die Plattform „Second Life“ gilt als einer der Vorläufer für ein Metauniversum. Der Film „Ready Player One“ von Steven Spielberg beschreibt, wie eine solche Welt funktionieren könnte.

Der Kern sei die Idee, eine größere virtuelle Präsenz zu erzeugen, um der Erfahrung einer persönlichen Interaktion näher zu kommen, erläuterte Facebook-Manager Nick Clegg in einem Blogeintrag. So werde der Zugang zu neuen kreativen, sozialen und ökonomischen Möglichkeiten geschaffen. Europäerinnen und Europäer könnten dem von Beginn an eine Gestalt geben.

Anzeige

Will Facebook bloß die Kritik besänftigen?

Clegg hebt hervor, dass Metaverse keinem Unternehmen gehören, sondern sich durch Offenheit und Interoperabilität auszeichnen werde – also der Möglichkeit, verschiedenste Plattformen und Kommunikations­werkzeuge miteinander zu verknüpfen und Daten problemlos hin- und herzuschicken. Das erfordere die Zusammenarbeit von Firmen, Politik und Technologie­entwicklung.

Anzeige

Für Facebook bedeute all dies permanente Investitionen in Produkte und Talente. 10.000 Frauen und Männer sollen in den nächsten fünf Jahren in der EU für das Projekt angeheuert werden. Welche geschäftlichen Interessen sich mit dem Projekt verbinden, wird nicht erläutert.

Video
Facebook will für „Metaverse“ 10.000 Mitarbeiter in der EU einstellen
1:28 min
Das Projekt wird von Facebook-Chef Mark Zuckerberg als zentral für die Zukunft des Konzerns angesehen.  © Reuters

Der Blogpost lobt stattdessen ausgiebig die Potenziale der europäischen Länder. Und Clegg beteuert: Facebook teile Werte wie Transparenz, Privatheit und die Wahrung der Nutzerrechte im Internet. Und schließlich: „Wir freuen uns darauf, mit Regierungen von EU-Ländern zusammenzuarbeiten, um die richtigen Menschen und die richtigen Märkte zum Voranbringen zu finden.“

Das hört sich stark nach Charmeoffensive an. Wobei zu bedenken ist, dass es derzeit enorm schwer ist, in Europa hoch qualifizierte IT-Expertinnen und IT-Experten aufzutreiben. Allein in Deutschland sind Tausende Stellen unbesetzt.

Der Internetkonzern hat indes derzeit massive Probleme: Unter anderem ermitteln in den USA Staatsanwälte in mehreren Bundesstaaten, weil sie vermuten, dass Facebook radikale Impfgegnerinnen und ‑gegner, die viele Nutzerinnen und Nutzer anlocken, indirekt unterstützt haben soll. Für weltweites Aufsehen sorgte kürzlich der stundenlange Ausfall der drei großen Plattformen des Konzerns, zu dem auch Whatsapp und Instagram gehören.

Der Tag Was heute wichtig ist. Lesen Sie den RND-Newsletter "Der Tag".
Anzeige

Kartellbehörden in mehreren Ländern untersuchen die Marktmacht von Facebook. Vorige Woche wurde bekannt, dass das Unternehmen massiv gegen einen britischen Programmierer und die Uni Neuchâtel (Schweiz) vorgegangen ist. Die Wissenschaftler wollten erforschen, inwiefern der Facebook-Newsfeed (die Auflistung der neuen Einträge der Freundinnen und Freunde) Nutzende süchtig macht.

Der Programmierer hatte einen Algorithmus geschrieben, mit dem der Newsfeed gelöscht werden kann. Sollte sich so etwas durchsetzen, könnte es dazu führen, dass die Verweildauer der Nutzerinnen und Nutzer sinkt, was wiederum die Werbeeinnahmen, von denen das Unternehmen vor allem lebt, drücken könnte.

Die Whistleblowerin Frances Haugen hat Facebook mangelnde Transparenz vorgeworfen. Sie beklagt, dass Instagram die psychische Gesundheit von Teenagern gefährde, das Management aber nichts dagegen unternehme.

Und in der EU wird derzeit über einen Digital Markets Act diskutiert, der Hightechriesen an die Leine legen soll. Dabei fällt auch immer wieder das von Clegg benutzte Zauberwort Interoperabilität. Diese und spezielle Auflagen für große Plattformen könnten helfen, zukünftige Monopole zu verhindern, betont etwa Rasmus Andresen, Digitalexperte der Grünen im Europa­parlament.

Video
Facebook unter Druck: viele Großbaustellen beim Onlineriesen
3:37 min
Technische Pannen, Enthüllungen zu fragwürdigen Geschäftspraktiken und Pläne für eine Zerschlagung des Internetriesen: Facebook steht massiv unter Druck.  © AFP

Er sagte dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND): „Grundsätzlich begrüße ich es, wenn neue Jobs im Digitalbereich geschaffen werden sollen. Aber klar muss sein: Facebook muss sich auch mit seinem neuen Geschäftszweig an EU-Gesetze halten, und wir dürfen uns von solchen Ankündigungen nicht von unserem Kurs abbringen lassen, den Digitalmarkt zu regulieren.“ Gerade bei Facebook sei eine monopolartige Kontrolle über wichtige Kommunikations­plattformen zu erkennen. Diese dürfe nicht noch weiter wachsen.

Anzeige

„Im Gegenteil: Wir müssen auch überlegen, wie wir eine solche Marktmacht nicht nur in ihrer Ausbreitung begrenzen, sondern auch im Nachhinein einschränken können. Entflechtungen dürfen kein Tabu mehr sein. Dazu muss geltendes Wettbewerbsrecht konsequent angewandt und im Zweifel auch reformiert werden“, so Andresen.

Markus Beckedahl von Netzpolitik.org hatte kürzlich gegenüber dem RND Facebook als ein Unternehmen bezeichnet, das durch seine monopolartige Position Wettbewerb und Innovationen behindere und eine Gefahr für die Meinungsbildung und damit für die Demokratie sei.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen