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  • Mehr Lust auf Wein in der Corona-Krise – Winzer bemerken höhere Nachfrage

“Mehr Lust auf Wein” – Winzer behaupten sich in der Corona-Krise

  • Der Weinhandel mit der Gastronomie ist zum Stillstand gekommen.
  • Exporte sind schwieriger geworden, aber die Nachfrage im Online-Handel hat sich verdoppelt.
  • Die Krise wirbelt auch die Weinbranche durcheinander.
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Mainz. Wenn die Corona-Krise den Alltag umstülpt, öffnen sich neue Blicke. “Das war eine interessante Einsicht”, sagt Elke Diepenbeck vom Kulturgut in Bechtolsheim (Rheinland-Pfalz), die jetzt nicht mehr als Künstlerin arbeiten kann und deswegen zusammen mit ihrem Mann im Weingut angepackt hat. “Da merkt man erst mal, wie viel Arbeit in einer Flasche Wein steckt.”

Diese Hilfe könne sie gut gebrauchen, sagt Winzerin Hanneke Schönhals im Nachbardorf Biebelnheim. Ihre beiden polnischen Saisonarbeitskräfte hätten wegen der Pandemie und der Reisebeschränkungen entschieden, erstmal nicht zu kommen. "Ich finde es sehr gut, dass diese unsichtbare Arbeit jetzt durch die Krise sichtbar wird", sagt die Winzerin. Die landwirtschaftlichen Saisonarbeitskräfte und ihre Arbeitsbedingungen hätten noch nie so viel Aufmerksamkeit bekommen wie jetzt.

“Man merkt, dass die Leute zu Hause mehr Zeit und Lust auf Wein haben”

Im Weinverkauf spürt die Winzerin die Schließung der Gaststätten. “Der Fachhandel ist fast komplett zum Erliegen gekommen, auch der Export.” Schmerzhaft sei auch die Absage von Veranstaltungen mit Weinausschank. Das Geschäft mit Privatkunden habe dafür angezogen, um etwa 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. “Man merkt, dass die Leute zu Hause mehr Zeit und Lust auf Wein haben.”

Der Weinhandel über die Gastronomie sei teilweise zusammengebrochen, sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Bodenheim bei Mainz. Auch der zunehmend wichtiger gewordene Weintourismus mit dem Direkteinkauf beim Winzer sei weitgehend zum Erliegen gekommen. Dafür berichte der Lebensmitteleinzelhandel von steigenden Weinabsätzen. “Die Corona-Krise hat den Weinverkauf durcheinander gewirbelt.” Zu den Exporten gebe es noch keine verlässlichen Daten. Schon jetzt sei aber klar, dass die Corona-Krise den ohnehin schon unter Strafzöllen leidenden Weinexport in die USA zusätzlich belasten werde. Allein im Januar und somit noch vor der Krise lag der Wert exportierter Weine in die USA um 40 Prozent unter dem Vorjahresergebnis.

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Umsatzeinbußen im Großhandel von 30 bis 35 Prozent registriert das Weinkontor Freund in Borgholzhausen (Kreis Gütersloh). Dies betreffe vor allem den klassischen Großhandel mit der Gastronomie, sagt Geschäftsführer Dirk Röhrig. Im Geschäft mit dem stationären Weinfachhandel gebe es wegen der unterschiedlichen Einschränkungen in den Bundesländern kein einheitliches Bild. "Es gibt eine große Verunsicherung im Markt, viele Verbraucher gehen deswegen direkt in den Supermarkt."

Weinfest einfach mal zu Hause und online

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Dem Interesse am Wein aber hat die Pandemie nicht geschadet. An der Mosel wie in anderen Regionen gibt es reges Interesse an Online-Weinproben mit der Vorbestellung von Weinen fürs gemeinsame, aber räumlich getrennte Verkosten, mit teilweise mehreren hundert Teilnehmern. Die zum “Pfälzer Weinfest für dehäm”, also fürs Zuhause, vorbereiteten Pakete seien schon Tage vorher ausverkauft gewesen, sagt Büscher. Er könne sich vorstellen, dass solche kreativen Ideen auch nach der Krise noch Bestand haben könnten.

Kräftige Zuwächse verzeichnet der Online-Handel mit Wein. Die Bestellungen von Weinen bis zu zehn Euro hätten sich ungefähr verdoppelt, sagt der Geschäftsführer des Online-Shops weine.de, Friedhelm Rosenow. Im Premium-Bereich sei die Entwicklung eher stabil. “Die Leute sitzen zu Hause im Homeoffice und wollen zum Feierabend einen guten Wein trinken.” Die hohe Nachfrage spürten auch die Hersteller von Kartonverpackungen für den Weinversand – “die produzieren am Limit”. Und die starke Belastung der Paketdienste führe zu längeren Lieferzeiten.

Branche kann Gastronomie-Verluste durch Online-Shopping ausglichen

“Die Bestellungen im Endkundengeschäft haben um 70 bis 100 Prozent zugenommen, sich also nahezu verdoppelt”, sagt auch der Geschäftsführer des Mainzer Online-Shops geileweine.de, Sedat Aktas. So könne der Ausfall des Geschäfts mit der Gastronomie ausgeglichen werden – “unterm Strich hält sich das die Waage”.

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Der Direktvertrieb könne diese Einbußen nicht ganz ausgleichen, sagt der Winzer Martin Tesch in Langenlonsheim an der Nahe. Auch der Export in Länder außerhalb Europas stehe unter Schock. Es sei sehr schwierig geworden, Containerraum nach Asien zu bekommen und die Frachtkosten seien stark gestiegen. Aber er beobachte in der Branche, auch bei manchen Gastronomen, einen richtigen Schub an Kreativität, sagt Tesch. Er sei optimistisch dass sich die Situation im Sommer wieder normalisieren werde. Anders als Bier habe Wein den Vorteil der Lagerfähigkeit, Qualität sei auch eine Frage der Zeit. "Wein ist keine Frischmilch, es muss nicht alles so schnell gehen."

RND/dpa

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