Mehr Betroffene von Sexismus und Rassismus suchen Hilfe

Diskriminierung? Verbietet in Deutschland schon das Grundgesetz. Trotzdem häufen sich die Beschwerden bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Und besonders am Arbeitsplatz geht es demnach mehr als ruppig zu.

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Berlin. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat an die Regierung appelliert, den institutionellen Schutz der Bürger vor Benachteiligung etwa wegen Herkunft, Geschlecht oder Alter zu stärken. Bei der Vorlage des jüngsten Jahresberichts ermutigte der Leiter der Stelle, Bernhard Franke, Betroffene, dagegen vorzugehen und sich auch an seine Stelle zu wenden. Er räumte aber ein, dass die Verfahren langwierig seien. "Gute Nerven, viel Geduld, das braucht man schon."

Insgesamt verzeichnete die Antidiskriminierungsstelle des Bundes im vergangenen Jahr einen spürbaren Anstieg von Beratungsanfragen auf 3455 Fälle. Die Zunahme habe im Vergleich zu 2017 rund 15 Prozent betragen, berichtete Franke. Im Vergleich zu 2015 seien es sogar annähernd 70 Prozent gewesen. Franke führte dies zum einen auf die gestiegene Bekanntheit des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes und des Angebots der Antidiskriminierungsstelle zurück. Es gebe aber zum anderen auch eine „wachsende gesellschaftliche Sensibilisierung“ für dieses Problem.

Am problematischsten ist laut der Antidiskriminierungsstelle die Situation auf dem Arbeitsmarkt: Mehr als jede dritte Beratungsanfrage (36 Prozent) bezog sich 2018 demnach auf Diskriminierung im Arbeitsleben. Dazu zählen Benachteiligungen Schwangerer in einem Arbeitsverhältnis, Diskriminierungen von Menschen mit zugeschriebenem Migrationshintergrund bei der Jobsuche oder Entgeltungleichheit.

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Auffallend ist dem Bericht zufolge der Anstieg der Beschwerden zu sexueller Belästigung bei der Arbeit: #MeToo habe eine längst überfällige Debatte über Machtstrukturen und Benachteiligung am Arbeitsplatz ausgelöst, schreibt die Antidiskriminierungsstelle. Insgesamt verzeichnete die Einrichtung 38 Prozent mehr Anfragen in diesem Bereich, im Vorjahr war die Zahl schon um 54 Prozent hochgeschnellt. Die überwältigende Mehrheit der Betroffenen sei weiblich gewesen, heißt es weiter.

Schon das Grundgesetz verbietet Diskriminierung. Es legt in Artikel 3 fest: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Im August 2006 trat außerdem das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Kraft. „Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen“, heißt es dort.

Schwerpunkt des Gesetzes ist der Schutz vor Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf - von der Stellenausschreibung bis zur Beendigung eines Arbeitsverhältnisses. Auch der Schutz vor Mobbing und vor sexueller Belästigung im Berufsleben fällt darunter. Das gilt für Beschäftigte in privaten Unternehmen ebenso wie im öffentlichen Dienst und auch für Beamte. Das Gesetz deckt aber auch das Zivilrecht ab und schützt bei Alltagsgeschäften wie Gaststättenbesuchen, Einkäufen, Wohnungssuche und Versicherungs- oder Bankgeschäften.

Die meisten Anfragen (31 Prozent) bezogen sich laut dem Bericht auf Diskriminierung wegen ethnischer Merkmale und Rassismus. Dieser Trend füge sich in bestimmte besorgniserregende Entwicklungen in der Gesellschaft, sagte Franke. "Zum einen gibt es in Teilen der Gesellschaft eine Radikalisierung des Ressentiments." So zeigten Statistiken seit mehreren Jahren einen Anstieg bei rassistischen Vorfällen und Übergriffen. Das dürfte sich auch im Bereich der Diskriminierung widerspiegeln. "Zum anderen sind von Alltagsrassismus betroffene Menschen heute eher bereit, ihre Erfahrungen zu artikulieren und ihr Recht zu verlangen."

Ebenfalls zahlreiche Anfragen erhielt die Antidiskriminierungsstelle von Menschen mit Behinderungen (26 Prozent) und Menschen, die aufgrund ihres Alters benachteiligt wurden (14 Prozent).

Von RND/dpa/hö

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