Streit über Neuausrichtung: Wohin fliegt die Lufthansa?

  • Das Lufthansa-Geschäft mit Langstreckenflügen ist wegen Corona fast komplett weggebrochen.
  • Noch erheblich mehr Jobs als zunächst befürchtet stehen zur Disposition.
  • Die Ferienfliegerei soll wichtiger werden, aber die Piloten ahnen Böses.
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Bei Deutschlands größter Fluggesellschaft eskaliert der Konflikt über den künftigen Kurs des Konzerns. Auch weil der Konzern für den Sommer im nächsten Jahr gerade 15 neue Ziele für Urlauber ins Programm genommen hat – der größte Teil rund ums Mittelmeer. Der Grund: “Die Nachfrage nach Urlaubsreisen erholt sich deutlich schneller als die nach Geschäftsreisen”, erläutert Vorstandsmitglied Harry Hohmeister. Für die Ferienfliegerei soll eine neue Gesellschaft zuständig sein.

Beschäftigte müssen sich neu auf Stellen bewerben

“Aktuell ist geplant, den Flugbetrieb der Ocean GmbH ab Sommer 2021 sukzessive aufzunehmen”, sagte eine Lufthansa-Sprecherin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Eine Lizenz dafür ist beantragt. Für die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) ist klar, dass Ocean neben der klassischen Lufthansa als “zweite Produktlinie” an den beiden wichtigsten Flughäfen (Frankfurt und München) aufgebaut werden soll. Es stelle sich die Frage, ob der Konzern nun viel Geld in die Hand nehmen müsse, um den ohnehin schon angeschlagenen Carriern Condor und Tuifly Konkurrenz im Tourismusgeschäft zu machen, betonte VC-Präsident Markus Wahl, der von einem unglücklichen und fragwürdigen Timing spricht. Er geht von “jahrelangen Anlaufverlusten” für die neue Tochter aus.

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Aber noch größere Sorgen bereitet ihm der Umgang mit den Crews. Zwar sollten die Maschinen im nächsten Jahr zunächst mit Beschäftigen aus dem Konzern abheben. Dennoch würden gleichzeitig Arbeitsplätze bei Ocean neu ausgeschrieben. Die Beschäftigten müssten sich also “auf ihre eigenen Strecken zu deutlich verschlechterten Bedingungen neu bewerben und dürfen auch nur auf einen befristeten Arbeitsplatz hoffen. Über ein solches Verfahren kann man nur den Kopf schütteln”, so Wahl.

Ocean GmbH soll touristische Ziele in Europa anfliegen

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Die VC fordert die Konzernspitze ultimativ auf, über einen Tarifvertrag nun in Verhandlungen zu treten. Die Lufthansa-Sprecherin bestätigt indes, “dass die neu gegründete Ocean GmbH am 9. September 2020 ein Bewerbungsverfahren gestartet hat, um rund 300 Cockpit- und Kabinenstellen zu besetzen. Es handelt sich um eine interne Ausschreibung, mit der wir Mitarbeitern aus der Lufthansa Group in diesen schwierigen Zeiten eine Perspektive bieten können.”

Ocean gilt als Haupthindernis für eine langfristige Vereinbarung mit den Piloten, die ein Baustein sein soll, um die Sanierung des Unternehmens zu stemmen. Auch für das Bodenpersonal konnte sich das Management bislang nicht mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi einigen. Mit der Flugbegleitergewerkschaft Ufo gibt es zwar einen Vertrag, der betriebsbedingte Kündigungen für Deutschland ausschließt. Doch Beobachter erwarten, dass auch hier schon bald nachverhandelt werden muss.

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Weltweit mehr als 22.000 Stellenstreichungen geplant

Denn die Turbulenzen werden für die Lufthansa immer heftiger. Vorstandschef Carsten Spohr will den Sanierungskurs nun verschärfen. Weltweit müssten eher 28.000 als die bisher geplanten 22.000 Stellen wegfallen. Immer wieder hat Spohr betont, so viele Beschäftigte wie möglich an Bord zu halten. Doch Entlassungen im größeren Stil werden auch bei den Belegschaften in Deutschland immer wahrscheinlicher.

Der Hintergrund: Mit der wieder steigenden Zahl der Corona-Infektionen und mit wieder strengeren Reisebeschränkungen und Quarantänebestimmungen sackt die Zahl der Fluggäste bei allen Airlines ab. Spohr hat die aktuelle Zahl der Buchungen für Oktober als “katastrophal” bezeichnet – sie liegen um 90 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Bis zum Jahresende soll jetzt nur noch etwa ein Viertel des ursprünglich geplanten Angebots an Flügen offeriert werden. Zunächst hatte der Vorstand gehofft, wieder auf 50 Prozent zu kommen.

Die finanziellen Folgen sind gewaltig: Derzeit verliert der Konzern pro Monat 500 Millionen Euro – das entspricht einer Million in anderthalb Stunden, rund um die Uhr. Spohr wertet das schon als Erfolg, denn zu Beginn der Pandemie fiel dieser Fehlbetrag sogar pro Stunde an.

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Fehlende Geschäftsreisen verschärfen Gewinneinbußen

Das größte Problem der Lufthansa: Die wichtigsten Gewinnbringer waren Geschäftsreisende, die auf Interkontinentalflügen in der Businessclass befördert wurden. Dieses lukrative Geschäft existiert mittlerweile kaum noch. Und immer mehr Luftfahrtmanager bezweifeln, ob es jemals wieder das alte Niveau erreichen wird. Denn viele Unternehmen streichen ihre Reisebudgets zusammen und setzen verstärkt aufs Homeoffice und Videokonferenzen.

Der Airline bleibt deshalb nach Ansicht von Branchenkennern keine andere Wahl, als auf das Tourismusgeschäft auszuweichen – insbesondere mit Mittelstreckenflügen innerhalb Europas. Doch da bekommt es die Lufthansa mit harter Konkurrenz wie Easyjet und Ryanair zu tun. Die Billigflieger operieren mit erheblich niedrigeren Kosten als Lufthansa – vor allem beim Personal. Zudem muss der Konzern in den nächsten Jahren viel Geld zur Seite legen, um milliardenschwere Staatshilfe zurückzuzahlen.

“Staat, Sex, Amen”
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