Fehlendes Geschäft und laufende Kosten: Der Winter wird für die Lufthansa hart

  • Wie schlecht es derzeit um die Lufthansa steht, wurde am Donnerstag auf einer digitalen Pressekonferenz klar.
  • Konzernchef Carsten Spohr rechnet auch für den Winter mit tiefroten Zahlen.
  • Unter dem Strich schlug im dritten Quartal ein Verlust von 2 Milliarden Euro zu Buche.
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In der Warteschleife für die Onlinepressekonferenz der Lufthansa lief am Donnerstag die Instrumentalversion eines Titels der Popband Coldplay: „Clocks“. Ob das ironisch gemeint war? In jedem Fall tickt für Europas größte Airline die Uhr. Konzernchef Carsten Spohr sagte, Vorhersagen für das neue Jahr seien enorm schwer – natürlich wegen der Pandemie. Ein paar Hinweise gab es dann aber doch. Die Airline wird im Winter noch tiefer in die roten Zahlen fliegen. Besserung ist laut Spohr erst zu erreichen, wenn die Flugkapazität auf 50 Prozent des Vorkrisenniveaus hochgefahren werden kann. Doch dafür muss es im neuen Jahr wohl erst einmal Sommer werden.

Weniger Ziele und Einsparungen beim Personal

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In diesem Sommer ist es immerhin gelungen, die Aufwendungen für den Flugbetrieb um fast die Hälfte im Vergleich zu 2019 zu drücken. Das hat zuallererst damit zu tun, dass das Angebot an Verbindungen radikal, nämlich auf gut ein Fünftel zusammengestrichen wurde. Dadurch fielen weniger Ausgaben für Flughafengebühren oder für Treibstoff an. Zudem ist ein großer Teil der Belegschaft in Kurzarbeit. Und die weltweite Belegschaft war Ende September mit rund 124.000 Frauen und Männern um etwa 14.000 Beschäftigte kleiner als vor Jahresfrist. Das alles hatte den Effekt, dass im dritten Quartal pro Monat „nur“ noch rund 200 Millionen Euro verbrannt wurden – nach 520 Millionen im Drei-Monats-Abschnitt zuvor. Dennoch schlug unter dem Strich ein Verlust von 2 Milliarden Euro zu Buche. Der Umsatz krachte um drei Viertel auf 2,6 Milliarden Euro ein.

Börsenwert der Lufthansa-Aktien fällt weiter

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Und die 200-Millionen-Marke beim „Cash Drain“ wird in diesem Winter nicht zu halten sein. Spohr taxiert den Mittelabfluss fürs vierte Quartal auf 350 Millionen Euro monatlich. Viel mehr soll es auch in den ersten Monaten des neuen Jahres nicht werden. Spohr und seine Vorstandskollegen haben sich für die Wintersaison, die bis Ende März geht, ein Maximum von 400 Millionen zum Ziel gesetzt.

Die Reaktionen der Anleger fielen am Donnerstag verhalten aus. Die Aktie bewegte sich nur wenig vom Fleck, obwohl die hiesigen Leitindizes deutlich zulegten. Der Wert des Papiers hat sich in den vergangenen zwölf Monaten halbiert. Die Lufthansa ist an der Börse nur noch rund 4,7 Milliarden Euro wert. Zum Vergleich: Der Billigflieger Ryanair bringt inzwischen immerhin dreimal so viel auf die Waage, obwohl auch die Iren massiv unter der Pandemie und unter den neuen Lockdowns in fast allen europäischen Ländern leiden. Konzernchef Michael O’Leary hat angekündigt, dass für die Monate von Oktober bis März ein Verlust anfallen wird, der die 197 Millionen Euro Miese für die sechs Monate von April bis September 2020 noch übersteigt.

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Billigflieger reduzieren Flugangebot

Ryanair wollte eigentlich mit 40 Prozent der angebotenen Flüge durch den Winter kommen, doch O’Leary deutete bereits an, dass es auch weniger werden könnte. Auch der Billigflieger Wizz teilte am Donnerstag mit, sein Flugprogramm stärker stutzen zu wollen. Die ungarische Airline hatte eigentlich eine Kapazität von 50 Prozent für die nächsten Monate eingeplant. Nun sollen nur noch die Strecken geflogen werden, mit denen Geld verdient werden kann. Und das könnten minimal wenige sein, wenn die aktuellen Restriktionen weiter bestünden, so Wizz-Chef Jozsef Varadi in einem Interview mit Bloomberg TV.

Auch die britische Easyjet fährt in Anbetracht des neuen Lockdowns in Großbritannien ihr Angebot auf ein Minimum zurück. Ähnliche Schritte dürfte es demnächst bei vielen anderen Fluggesellschaften in Europa geben. Die Internationale Luftfahrtorganisation IATA geht davon aus, dass Airlines im nächsten Jahr weniger als die Hälfte im Vergleich zu 2019 einnehmen werden. Ohne zusätzliche staatliche Unterstützung könnten sie im Schnitt noch knapp neun Monate durchhalten, wenn das Ausmaß der Fehlbeträge auf dem gegenwärtigen Niveau bleibe.

Verkauf von Flugzeugen könnte Aufschub verleihen

Die Devise in der Branche lautet: Geld zusammenhalten. Wobei Spohr auf die neuen Covid-Höchstwerte verweist, die am Donnerstag gemeldet wurden. Die Lufthansa steht unter Druck. Denn sie hat enorme finanzielle Verpflichtungen am Bein. Sie wurde mit einem dicken staatlichen Hilfspaket von 9 Milliarden Euro vor der Insolvenz gerettet. Das besteht unter anderem aus einem 3 Milliarden Euro schweren Darlehen eines Bankenkonsortiums, 300 Millionen Euro, die in frischen Aktien gezahlt wurden, sowie Stillen Einlagen des Bundes von insgesamt 5,7 Milliarden Euro, für die in diesem und im nächsten Jahr eine Vergütung von 4 Prozent gezahlt werden muss. Danach steigt der Prozentsatz deutlich. Die Airline hat also ein großes Interesse, die Stillen Einlagen so schnell wie möglich zurückzuzahlen. Unter den verschärften Bedingungen der aktuellen Corona-Beschränkungen wird das immer schwieriger.

Analysten hatten schon in den vergangenen Wochen immer wieder nachgefragt, wie sich die Lufthansa zusätzliches Geld beschaffen kann. Der Verkauf von Flugzeugen ist eine Möglichkeit. Auch soll zumindest ein Teil der Wartungstochter Lufthansa Technik veräußert werden, was aber schwierig wird, weil sie in den ersten neun Monaten einen Verlust von 208 Millionen Euro eingefahren hat. Daniel Roeska, Analyst bei Sanford Bernstein, macht in einer Analyse darauf aufmerksam, dass die geplante Kapazität von 50 Prozent erst im zweiten Halbjahr 2021 erreicht werden könnte. Deshalb sei es nötig, das Geldverbrennen noch viel stärker einzuschränken, um eine Kapitalerhöhung zu vermeiden. Spohr sprach indes von der großen Sehnsucht der Menschen, bald wieder zu reisen. „Es muss jetzt darum gehen, Gesundheitsschutz und Reisefreiheit miteinander zu vereinbaren, zum Beispiel durch flächendeckende Schnelltests.“

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