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Lieferando: Alle Kurierfahrer bekommen überraschend unbefristete Verträge

Ein Fahrradkurier des Lieferdienstes Lieferando sitzt auf dem Postplatz neben einem Rucksack.

Ein Fahrradkurier des Lieferdienstes Lieferando sitzt auf dem Postplatz neben einem Rucksack.

Der Essenslieferdienst Lieferando hat angekündigt, ab sofort alle neuen Fahrer und Fahrerinnen unbefristet einzustellen. Außerdem sollen die Verträge der rund 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bestandsbelegschaft entfristet werden. Bisher waren bei Lieferando kurze befristete Beschäftigungsverhältnisse die Regel.

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Gewerkschaft spricht von Druck aufgrund Personalmangels

Das Unternehmen, das zum niederländischen Aktienkonzern Just Eat Takeaway gehört, ist während der Corona-Pandemie stark gewachsen. Die Zahl der angestellten Kuriere hat sich im vergangenen Jahr von rund 5000 auf 10.000 verdoppelt. Um das hohe Bestellaufkommen bewältigen zu können, sucht Lieferando ständig neue Fahrerinnen und Fahrer.

Die zuständige Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) begrüßt die grundsätzliche Entfristung der Verträge der Kurierfahrer und -fahrerinnen, spricht aber auch von einem Druck aufgrund des anhaltenden Personalmangels in der Branche. „Es gibt mittlerweile viele Lieferdienste auf dem Markt, die alle um die Fahrerinnen und Fahrer kämpfen. Deshalb ist es für Lieferando natürlich strategisch sinnvoll, seinen Kurieren gute Arbeitsbedingungen zu bieten“, sagt NGG-Pressesprecherin Karin Vladimirov.

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„Worten müssen Taten folgen“

Gewerkschaftssekretärin Laura Schimmel verweist außerdem darauf, dass die NGG schon viele Entfristungsklagen vor Gericht geführt und diese gewonnen habe. „Wir haben da also auch entsprechend Druck gemacht.“ Sie hoffe, dass den Worten bei Lieferando jetzt auch Taten folgen. „Bisher haben wir noch keinen neuen Arbeitsvertrag gesehen.“

Laut Lieferando komme man mit der generellen Entfristung aller Verträge den Forderungen und Wünschen der Kurierfahrer und -fahrerinnen nach langfristigen und sicheren Beschäftigungsverhältnissen nach. „Ein Ende befristeter Arbeitsverträge gibt den Kollegen und Kolleginnen eine große Sicherheit und schafft Vertrauen, welches bisher schmerzlich in der Branche vermisst wurde“, bestätigt Semih Yalcin, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Takeaway Express GmbH.

Auch Kurierfahrer anderer Lieferdienste haben in der Vergangenheit immer wieder schlechte Arbeitsbedingungen beklagt. So kam es beim Lebensmittel-Lieferdient Gorillas wochenlang immer wieder zu Protestaktionen. Die Fahrer und Fahrerinnen kritisierten die befristeten und unsicheren Verträge, eine mangelhafte Ausrüstung und eine schlechte sowie späte Bezahlung.

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Lieferando stellt seine Kurierfahrer seit 2016 fest an - auch wenn sie in der Regel bisher nur Einjahresverträge erhielten. Mit einer Festanstellung bekommen Mitarbeiter einen Urlaubsanspruch sowie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Der Durchschnittslohn liegt laut einem Firmensprecher bei rund 12,50 Euro die Stunde.

Basisstundenlohn von 10 Euro zu niedrig

Die zuständige NGG-Gewerkschaftssekretärin Laura Schimmel bestreitet die Angaben des Unternehmens. „Lieferando zahlt einen Basisstundenlohn von 10 Euro, das sind 40 Cent mehr als Mindestlohn.“ Zwar gebe es Boni für besonders viele ausgelieferte Bestellungen, die würden aber meist nicht besonders hoch ausfallen.

Die Gewerkschafterin macht folgende Rechnung auf: Ab der fünfundzwanzigsten ausgelieferten Bestellung im Monat bekomme ein Kurierfahrer 25 Cent pro Order zusätzlich. Ab der 100. Bestellung wachse der Bonus auf einen Euro pro Order, ab der 200. Bestellung auf 2 Euro. “Das erreichen die meisten Kurierfahrer aber nie”, so Schimmel.

Anreizsystem zur Akkordarbeit

Sie kritisiert außerdem, dass das Bonussystem ein Anreiz zur Akkordarbeit sei. „Die Mitarbeiter sind den ganzen Tag im Straßenverkehr unterwegs, da sollten sie nicht dazu gedrängt werden, besonders schnell zu fahren und sich so vielleicht Gefahren auszusetzen.“

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Der Basisstundenlohn von 10 Euro sei außerdem zu niedrig angesichts der Tatsache, dass die Mitarbeiter ihr eigenes Handy und ihr Datenvolumen nutzen müssten. „Das Handy ist in dem Fall ein Arbeitsmittel, weil die Kurierfahrer ihre Aufträge per App bekommen. Und Arbeitsmittel sollten vom Arbeitgeber gestellt werden.“

Lieferando verlangt bis zu 30 Prozent Provision

Auf der Internetplattform von Lieferando können Restaurants ihre Speisen zum Mitnehmen anbieten. Bei einer Bestellung liefern die Gastronomiebetriebe entweder selbst mit eigenen Fahrerinnen und Fahrern oder sie greifen auf die Kuriere von Lieferando zurück. Sobald die Vermittlung über Lieferando läuft, bezahlen die Restaurants 13 Prozent Provision. Wenn der Betrieb auch die Kuriere von Lieferando nutzt, sind es üblicherweise 30 Prozent.

Das Unternehmen ist in Deutschland unangefochtener Marktführer. Seit Kurzem treten aber wieder mehr Konkurrenten auf den Plan. So ist der Pionier Delivery Hero kürzlich mit der Marke Foodpanda in Berlin gestartet, bald sollen die Städte Hamburg, Frankfurt und München dazukommen. Auch das finnische Start-up Wolt und Uber Eats bieten ähnliche Services.

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