Altersvorsorge: „Die Lebensversicherung ist tot“

  • Keine private Altersvorsorge ist in Deutschland so beliebt wie die Lebensversicherung.
  • Versicherer warnen, dass niedrige Zinsen das Konzept ins Wanken bringen – und setzen deshalb auf mehr Risiko.
  • Derweil machen Verbraucherschützer den Anbietern ganz andere Vorwürfe.
|
Anzeige
Anzeige

Lebenspolicen sind das Lieblingsprodukt von Bundesbürgern zu ihrer Altersvorsorge. Jeder der 83 Millionen Deutschen hält im Schnitt einen Vertrag, auch wenn der Gesetzgeber die Anbieter seit 2017 verpflichtet, darauf nur noch maximal 0,9 Prozent Garantiezins zu zahlen. Diese Garantie soll Anfang 2022 erneut deutlich auf 0,25 Prozent sinken. Das fordert die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) und richtet damit als Expertengremium eine Empfehlung ans Bundesfinanzministerium, der das meist folgt.

Dazu kommt eine zweite Empfehlung, die es in sich hat. „Produkte mit einer 100-Prozent-Beitragsgarantie sind in der heutigen Negativzinswelt aktuariell nicht mehr sinnvoll“, erklärt DAV-Chef Guido Bader. Er meint damit, dass Versicherer von der Pflicht enthoben werden sollen, wenigstens noch die vollständige Rückzahlung einmal einbezahlter Versicherungsbeiträge zu garantieren, und zwar für Riester-Renten und betriebliche Altersvorsorge.

Bei Lebenspolicen ist das bereits möglich und vom Marktführer Allianz auch für 2021 angekündigt. Für dann neu abgeschlossene Lebenspolicen garantiert der Assekuranzriese dann nur noch in drei Varianten eine Rückzahlung von 60 bis 90 Prozent zuvor eingezahlter Beiträge. 10 bis 40 Prozent Verlust sind damit möglich, was Verbraucherschützer heftig kritisieren.

Anzeige

Einige Policen werden zum Verlustgeschäft

Auch damit ist es aber noch nicht genug. Denn die Allianz hat gerade deklariert, was Lebensversicherte 2021 bei ihr erhalten sollen. Wer noch eine klassische Police aus früheren Zeiten hält, soll 2,9 Prozent Gesamtverzinsung bekommen. Für eine Lebensversicherung moderneren Ursprungs, die noch hundertprozentige Rückzahlung aller Beiträge garantiert, wurden 3,2 Prozent deklariert. Das bedeutet eine neuerliche Absenkung um 0,2 Prozentpunkte, nachdem die Allianz schon voriges Jahr um 0,3 Prozentpunkte reduziert hatte.

Das bedeutet nicht, dass Beiträge wirklich mit rund 3 Prozent verzinst werden. Denn verzinst wird nur ihr Sparanteil. Abgezogen werden vorher Vermittlerprovisionen und Verwaltungskosten, was eine transparente Rentabilitätsrechnung erschwert. Unter dem Strich ist manche Police ein Verlustgeschäft, rechnen Verbraucherschützer vor. Angesichts dessen und der neuen Entwicklungen verwundert das Urteil des Bundes der Versicherten (BdV) nicht. „Die Lebensversicherung als sinnvolles Altersvorsorgeprodukt ist tot“, sagt BdV-Chef Alex Kleinlein.

Anzeige

Auch die Riester-Rente ist in der Krise

Er rechnet zum einen damit, dass die Allianz als Branchenkrösus mit ihrer jetzigen Absenkung der Verzinsung die Richtung vorgibt. Zum anderen würden andere Lebensversicherer dem Allianz-Vorbild auch darin folgen, keine vollständige Rückzahlungsgarantie für einbezahlte Lebensversicherungsbeiträge mehr zu geben. „Das wird Markttrend werden“, ist Kleinlein sich sicher. Allianz, DAV und der Branchenverband GDV fordern indessen unisono weitere Systembrüche auch bei der Riester-Rente.

„Insbesondere muss die bisher verlangte Beitragsgarantie gelockert werden“, sagt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. „100 Prozent Beitragsgarantie passen auch bei Riester-Rente und betrieblicher Altersvorsorge nicht mehr in eine Zeit von Null- und Negativzins“, assistiert Volker Priebe als Produktvorstand der Allianz Leben. Er und Bader, der im Hauptberuf Vorstand der Stuttgarter Lebensversicherung ist, argumentieren gleich.

Keine Zinswende in Sicht

Anzeige

Seit Beginn der Corona-Pandemie seien ohnehin schon sehr niedrige Kapitalmarktzinsen weiter um 20 bis 50 Basispunkte gefallen. Zudem habe die Europäische Zentralbank erklärt, dass sie Spielraum für weitere Zinssenkungen sieht. „Diese tiefgreifenden Veränderungen erfordern eine Neukalkulation der gesamten Produktpalette“, sagt Bader und meint damit das komplette Spektrum der Altersvorsorge.

Für Versicherte würde das auf breiter Front einen Systemwechsel schaffen, der immer weniger Garantien bei gleichzeitig immer mehr Anlagerisiken für Verbraucher mit sich bringt. Trendsetter Allianz setzt dennoch auf Zuspruch. „Das Feedback von Vermittlern und Kunden ist positiv“, sagt Priebe und meint damit das Echo auf die neuen ab 2021 angebotenen Lebenspolicen, bei denen bis zu 40 Prozent Verlust drohen. Diesem Risiko stünden auch Anlagechancen gegenüber. Immerhin habe die Allianz jetzt für 2021 rund 3 Prozent Gesamtverzinsung für Lebenspolicen aller Art angekündigt.

Sind die Provisionen zu hoch?

Verbraucherschützer Kleinlein macht eine andere Rechnung auf und blickt dabei auf unvermindert hohe Provisionen für Vermittler von Lebenspolicen. Gemessen am Rückgang der Garantien für Lebenspolicen in den letzten Jahren hätten sich diese Provisionen branchenweit ungefähr verdoppelt. Vor allem auch wegen üppiger Vergütung von Vermittlern und hoher Verwaltungsgebühren der Versicherer würden deren Kunden mit immer weniger abgespeist.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen