• Startseite
  • Wirtschaft
  • Lebensmittel-Gipfeltreffen: Sind Fleischpreise in Deutschland wirklich zu billig?

Lebensmittelpreise: Ist Fleisch in Deutschland wirklich zu billig?

  • Beim Lebensmittel-Gipfeltreffen im Kanzleramt geht es um die Frage, wie die Preise von Fleisch- und Milchprodukten fairer gestaltet werden können.
  • Zuletzt sind die in Deutschland fast unverschämt niedrigen Preise für Fleisch ins Visier von Kritikern geraten.
  • Ein Blick auf Statistiken zeigt: Tatsächlich geben die Deutschen vergleichsweise wenig Geld für Fleisch aus.
|
Anzeige
Anzeige

Da liegt es in der Auslage des Metzgers: Zartrosa schimmert das Schweinefilet, die feste Struktur des Fleisches ist gut erkennbar. 18,90 Euro verlangt der Betrieb für ein Kilogramm - und ist damit mehr als doppelt so teuer wie der benachbarte Discounter. Dessen Kampfpreise sind für Julia Klöckner einer der Gründe für Probleme bei Tierhaltung und Umweltschutz. „Muss man jeden Tag Billigfleisch essen? Oder weniger Fleisch und dafür zu höheren Preisen?", fragte die Bundeslandwirtschaftsministerin.

Tatsächlich geben die Deutschen laut der EU-Statistikbehörde Eurostat vergleichsweise wenig Geld für Fleisch aus. Ein genauerer Blick auf die kaufkraftbereinigten Zahlen zeigt allerdings, dass das auch für Österreich, Schweden, die Niederlande, Großbritannien und andere vergleichbar wohlhabende Länder gilt. Selbst die Franzosen, in Europa für ihre Vorliebe für gutes Essen bekannt, investieren demnach nur unwesentlich mehr in Steaks, Filets und Hackfleisch.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Der deutsche Geiz beim Fleisch ist deshalb für den Göttinger Agrarökonom Achim Spiller eher ein Mythos. „Der Anteil der Ausgaben für Lebensmittel sinkt mit zunehmendem Wohlstand. Die niedrigen Ausgaben der Deutschen für Lebensmittel sind deshalb nicht gänzlich ungewöhnlich", so Spiller.

Anzeige

Welche Rolle spielen Discounter?

Etwas niedriger als andere vergleichbar wohlhabende Länder liegt Deutschland laut den Eurostat-Fleischpreisen allerdings schon. Wofür aus Spillers Sicht die Discounter eine Mitverantwortung tragen. „Die haben ein sehr effizientes Distributionssystem und tragen mit ihrer niedrigeren Handelsspanne zu den niedrigen Preisen bei", sagt Spiller. Demnach wären die Preise für Endkunden so niedrig, weil die Discounter an Fleisch relativ wenig verdienen - und nicht, weil ihre Einkaufspreise so niedrig sind.

Anzeige

An dem Argument haben vor allem Landwirte und Verbraucherschützer ihre Zweifel. „Die Margen der Landwirte sinken seit Jahren", beklagt etwa Dario Sarmadi, der für Foodwatch die Lebensmittelbranche im Blick hat. „Der Einzelhandel ist maßgeblich für die Preisgestaltung verantwortlich", sagt er weiter - und stößt damit in das gleiche Horn wie das Bundeskartellamt, dass schon seit Jahren die Marktmacht der Handelsketten im Blick hat.

Aldi verweist auf Angebot und Nachfrage

Die Discounter geben sich allerdings unschuldig: Man analysiere die Entwicklungen sehr genau und könne aufgrund hoher Abnahmemengen eben günstige Einkaufspreise erzielen, heißt es etwa bei Lidl. Und bei der Konkurrenz heißt es: „Die Preisgestaltung bei ALDI Nord folgt den allgemeinen Marktmechanismen von Angebot und Nachfrage."

Anzeige
Ein Schlachthof in Niedersachsen - wo ein beträchtlicher Teil des deutschen Fleisches verarbeitet wird. © Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass Angebot und Nachfrage beim Fleisch nicht im Einklang sind. Deutschland erzeugt etwa 20 Prozent mehr Schweinefleisch, als hier zu Lande verbraucht wird. „Wegen des Überangebots heißt es dann für die Erzeuger oft 'Friss oder stirb'", meint Sarmadi.

Viele europäische Staaten exportieren Fleisch

Allerdings ist Deutschland mit dieser Exportorientierung nicht allein: Zahlreiche Europäische Staaten verkaufen nachweislich des Berichts zur Markt- und Versorgungslage Fleisch (2019) vom Bundeslandwirtschaftsministerium große Mengen Fleisch ins Ausland - teilweise in weit größerem Umfang als Deutschland. Dänemark etwa exportiert mehr als sechs Mal so viel Schweinefleisch wie es verbraucht. Und Ökonom Spiller geht davon aus, dass die europäischen Exportmengen noch steigen, weil etwa Polen und Spanien ihre Tierhaltung ausbauen wollen.

Ein Zufall ist diese Exportorientierung aus Spillers Sicht allerdings nicht. „Seit den 80er Jahren haben Landwirte - auch auf Wunsch der Politik - darauf gesetzt, die Weltmärkte zu beliefern", sagt der Wissenschaftler. Teilweise stabilisiert das sogar die Preise, wie sich derzeit bei Schweinefleisch zeigt. Weil in China wegen der Schweinepest das Angebot knapp wird, ist die globale Nachfrage groß. Der Preis steigt deshalb schon seit Monaten, was allerdings ein temporäres Phänomen sein dürfte.

Anzeige

Tierwohl spielt beim Export eine geringe Rolle

Für besseres Fleisch und bessere Bedingungen in der Tierhaltung sorgt die Exportorientierung hingegen nicht. Längst nicht allen weltweiten Abnehmern liegt so viel am Tierwohl wie den deutschen Kunden. Selbst die sorgen sich allerdings längst nicht allesamt um das Wohlergehen von Tieren. Der Marktanteil von Biofleisch liegt immer noch unter zwei Prozent, „Wer wenig oder kein Fleisch isst, dem liegt das Tierwohl tendenziell mehr am Herzen. Denen, die viel Fleisch essen, eher nicht", sagt auch Spiller angesichts von Umfragen.

Immerhin haben diese ihm zufolge zuletzt auch ergeben, dass eine leichte Mehrheit der Verbraucher durchaus bereit wäre, mehr Geld für Fleisch zu berappen. In Frage käme demnach eine zusätzliche Abgabe auf Fleisch oder eine höhere Mehrwertsteuer. „Aber nur, wenn sichergestellt ist, dass die Einnahmen auch ins Tierwohl investiert werden", betont Spiller.

Die Landwirte wissen nicht, wie es weitergeht

„Die Anforderungen der Konsumenten steigen wieder," ist Agrarökonom Spiller überzeugt. Ein Knackpunkt bleibt es aus seiner Sicht, dies nun auch den Fleischerzeugern schmackhaft zu machen.

Denn die haben ihre Strukturen in den vergangenen 40 Jahren der exportorientierten Fleischwirtschaft angepasst - und von Heute auf Morgen lässt sich eben kaum ein Stall umbauen. „Die Landwirte sind momentan extrem unzufrieden, denn sie wissen nicht, wie es weitergeht", fasst Spiller die Stimmung in der Branche zusammen.


“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen