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Lebenslauf für Autos: Wie ein Wiesbadener Start-up Tachobetrug stoppen will

  • Der Kauf von Gebrauchtwagen ist eine heikle Sache   vor allem wegen der Gefahr manipulierter Kilometerstände.
  • Betrüger verursachen durch zurückgedrehte Kilometerstände jährlich einen Milliardenschaden.
  • Eine Bertelsmann-Tochter hat nun eine Idee, um den Autokauf sicherer zu machen.
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Früher half eine Bohrmaschine, das Auto jünger zu machen. Deren hohe Drehzahl erleichterte nämlich das Zurückdrehen eines Tachometers enorm. Heute ist auch die Geschwindigkeits- und Streckenmessung im Auto digitalisiert, und an die Stelle der Bohrmaschine eine kleine Box getreten – leicht zu bedienen und noch leichter zu bekommen. So wurde Tachobetrug zum Massenphänomen.

Die Verkäufer der Geräte werben mit der legalen Anwendung, zum Beispiel bei der Anpassung des Tachos an eine neue Radgröße. Doch für diese Nische ist das Angebot auffallend üppig, viele Käufer dürften stattdessen die illegale Nutzung im Sinn haben: Sie manipulieren den Tachostand, um mehr Geld für einen Gebrauchtwagen zu bekommen.

Geschätzt jeder dritte Gebrauchtwagen manipuliert

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Nach einer Untersuchung der Münchner Polizei wird jeder dritte Gebrauchtwagen mit gefälschtem Kilometerstand verkauft. Da München in der Kriminalstatistik zu den vergleichsweise sicheren Städten zähle, „dürfte die Größenordnung auch für andere Städte gelten“, heißt es beim ADAC.

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Jährlich wechseln in Deutschland sieben Millionen Gebrauchtwagen den Besitzer, und Tachobetrug treibt den Preis nach ADAC-Angaben um durchschnittlich 3000 Euro nach oben – in Summe ein Milliardenschaden.

Hier sieht Experian Carcert seine Chance. Das Wiesbadener Startup, gegründet vom irischen Datendienstleister Experian und der Bertelsmann-Tochter Arvato, bietet einen „Autolebenslauf“ an, der Kilometerstände nachvollziehbar macht. „Der digitale Autolebenslauf ersetzt das Bauchgefühl durch Fakten“, sagt Carcert-Chef Patrick Scharwenka.

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Versammelt sind dort Daten für das jeweilige Fahrzeug, vor allem die Kilometerstände bei der Hauptuntersuchung und das jeweilige Prüfergebnis. Aber auch Rückrufe für das Modell, die typische Laufleistung und die Sonderausstattung bei Auslieferung sind aufgelistet – inklusive Neu- und Restwert.

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Auf dieser Basis könne man einschätzen, ob der angegebene Kilometerstand plausibel sei, sagt Scharwenka. „Wir würden nie sagen: Der Tachostand ist definitiv korrekt oder manipuliert. Aber Carcert liefert objektive Daten für ein Urteil.“ In Belgien etwa habe ein solches System den Tachobetrug weit zurückgedrängt. Autoverkäufer, die mit dem Zertifikat um Vertrauen werben wollen, zahlen 29,99 Euro.

Was so einfach klingt, brauchte jahrelange Vorarbeit, denn Carcert kann nicht einfach TÜV-Berichte und andere personenbezogene Daten abrufen. Zusammen mit dem Datenschützer Thilo Weichert wurde ein Konzept entwickelt, das auch von Datenschutzbehörden „geprüft und für gut befunden“ wurde, wie Scharwenka sagt.

Den Autolebenslauf kann nur der Besitzer oder die Besitzerin des Fahrzeugs beantragen. Online wird die Fahrzeug-Identifizierungsnummer (Fin) eingegeben, und Carcert prüft, ob für dieses Fahrzeug überhaupt Daten vorliegen. Dann muss sich der Nutzer mit einem Bild des Fahrzeugscheins identifizieren, und erst dann wird gezahlt und der Autolebenslauf geliefert. Dessen Echtheit können Kaufinteressenten mit einem QR-Code online überprüfen. „Unser Ziel ist es, Betrug beim Gebrauchtwagenkauf und -verkauf vollständig zu verhindern“, sagt Scharwenka.

Eingebaute Sperre wäre eine günstige Lösung

Der ADAC hält sich mit einem Urteil über das neue Angebot zurück, man habe Carcert noch nicht im Detail geprüft. Grundsätzlich ist der Autoclub allerdings skeptisch gegenüber Kilometerstands-Datenbanken, die es in anderen Ländern schon länger gibt. Sie blieben letztlich unsicher und lückenhaft, sagt eine Sprecherin. Der ADAC fordert stattdessen – wie die EU-Kommission in einer Richtlinie von 2017 – eine eingebaute Sperre gegen Tachomanipulation im Auto. Die Technik dafür gebe es bereits, die Kosten lägen bei unter einem Euro pro Fahrzeug.

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Ohnehin dürfte Tachomanipulation eigentlich nicht mehr so einfach sein. Mit einer eigenen Richtlinie sagte die EU dem Betrug 2017 den Kampf an. Bei einer Probe aufs Exempel hatten die ADAC-Experten jüngst allerdings immer noch leichtes Spiel. Bei drei aktuellen Modellen, die eigentlich ab Werk besser geschützt sein müssten, ließ sich der Tachostand mit handelsüblichen Geräten innerhalb von Minuten beliebig verändern.

„Es fehlen genaue Detailvorgaben, wie der Schutz aussehen muss – und wie er überprüft wird“, erklärt eine ADAC-Sprecherin. Der Autoclub fordert deshalb detaillierte Vorgaben des Gesetzgebers, wie Tachos gegen Manipulation geschützt werden müssen. Das Verfahren müsse von neutraler Seite, zum Beispiel dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, überprüft und zertifiziert werden.

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