Langzeitstudie: Wie hoch ist das Corona-Infektionsrisiko im Büro?

  • Erstmals gibt eine Studie aus Deutschland Aufschluss darüber, wie riskant Präsenzarbeit während der Pandemie ist.
  • Bei Beschäftigten, die nicht im Homeoffice arbeiten, ist demnach das Infektionsrisiko deutlich erhöht.
  • Die Konstanzer Wissenschaftler haben zugleich herausgefunden, dass die Potenziale des Homeoffices momentan nicht ausgeschöpft werden.
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Wissenschaftlern zufolge sind Beschäftigte, die nicht im Homeoffice arbeiten, einem deutlich erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Abhängig von den jeweiligen Aktivitäten gebe es bei der Präsenzarbeit vier- bis achtmal mehr Infektionen, heißt es in einer Langzeitstudie von Konstanzer Arbeitsforschern. Sie sehen zugleich immer noch ungenutzte Homeofficepotenziale – obwohl momentan die Produktivität in Präsenzarbeit unter der Pandemie zu leiden scheint.

Die vom Konstanzer Soziologen Florian Kunze vorangetriebene Langzeitstudie ist eine von wenigen umfangreichen Untersuchungen zum Coronavirus in der deutschen Arbeitswelt. Knapp 700 Beschäftigte werden regelmäßig befragt, sie arbeiten in verschiedenen Branchen und sind repräsentativ für die gesamte deutsche Erwerbsbevölkerung, wie die Studienautoren schreiben. Bei den Befragungen geht es unter anderem um Ansteckungsrisiken, psychische Belastungen und mögliche Konflikte mit Arbeitgebern. Für die jüngsten Ergebnisse haben die Wissenschaftler die Aussagen von 384 Beschäftigten ausgewertet.

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Bei den Befragten, die in den vergangenen Monaten häufig im Betrieb erschienen, gaben demnach 4,2 Prozent an, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben. Beim Vergleich mit Beschäftigten ohne Präsenzaktivitäten zeige sich ein klares Bild: „Die Infektionen sind um den Faktor vier bis aht erhöht, abhängig von der jeweiligen Aktivität”, schreiben die Wissenschaftler.

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Ansteckung bei Besprechungen und in Kantinen

Vor allem Meetings sind vergleichsweise häufig Infektionsherde: 9,9 Prozent der Beschäftigten, die an Besprechungen vor Ort teilgenommen haben, haben sich seit Oktober 2020 mit dem Coronavirus angesteckt. Bei den Befragten, die nicht an physischen Treffen teilnahmen, lag der Anteil lediglich bei 1,2 Prozent. Generell gaben 34 Prozent der Befragten an, auch während des aktuellen Lockdowns noch an nicht virtuellen Meetings teilgenommen zu haben.

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Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Aufenthalten in Kantinen. Blieben diese in Betrieben offen, infizierten sich seit vergangenem Oktober 9,8 Prozent der Befragten. Waren die Kantinen geschlossen, steckten sich nur 2,7 Prozent an. Von den Beschäftigten berichteten insgesamt 22 Prozent, dass ihre Kantine noch geöffnet sei. Die aktuellen Arbeitsschutzregeln sehen vor, dass Kantinen nur geöffnet werden dürfen, wenn die Situation im Betrieb es nicht anders zulässt.

Potenzial von Homeoffice wird nicht ausgeschöpft

Außerdem hätten 26 Prozent der Befragten angegeben, sich zuletzt weiterhin mit Kollegen vor Ort zu treffen. 9,1 Prozent von ihnen berichteten von einer Corona-Infektion. Bei denjenigen, die keine Kollegen vor Ort trafen, lag der Anteil laut der Studie bei 2,5 Prozent.

Zugleich gehen die Konstanzer Wissenschaftler davon aus, dass theoretisch mehr Menschen als bislang im Homeoffice arbeiten könnten. Zu Beginn der Pandemie sei niemand aus der Stichprobe vollständig in Präsenzarbeit gewesen. Ende Januar – also nach Verschärfung der Homeofficepflicht durch die Bundesregierung – seien 20 Prozent der Befragten zur Arbeit gefahren. „Grundsätzlich stellen wir fest, dass das volle Potenzial von Homeoffice zur Verringerung des Infektionsrisikos derzeit nicht ausgeschöpft wird”, schreiben deshalb die Wissenschaftler.

Produktivität bei Präsenzarbeit niedriger

Die Gründe dafür sind mannigfaltig: 36 Prozent der Befragten gaben an, in Präsenz zu arbeiten, weil sie es selber gerne so wollen. 37 Prozent berichteten allerdings, auf Wunsch des Arbeitgebers zur Arbeit zu fahren. Und bei 15 Prozent lag es an den Wünschen der unmittelbaren Vorgesetzten.

Ob sich Arbeitgeber und Vorgesetzte damit einen Gefallen tun, kann entlang der Studie allerdings bezweifelt werden: Während 85 Prozent der Beschäftigten ihre Produktivität im Homeoffice als hoch oder sehr hoch einschätzten, betrug dieser Wert bei Beschäftigten in Präsenzarbeit 73 Prozent. Zugleich gaben 26 Prozent der im Betrieb Tätigen an, emotional ausgebrannt und erschöpft zu sein. Bei Beschäftigten im Homeoffice waren es mit 21 Prozent etwas weniger.

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