Kunden kritisieren Discounter im Netz – weil sie Böller verkaufen

  • Während zuletzt immer mehr Supermärkte oder Baumärkte einen Verzicht auf den Verkauf von Böllern ankündigten, wollen die Discounter nicht mitziehen.
  • Aldi, Lidl und weitere setzen in ihren Prospekten auf farbenfrohe Feuerwerksartikel.
  • Jetzt häuft sich in den sozialen Netzwerken Kritik.
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Auf manch einen wirkte das Böllerverbot möglicherweise wie eine aufgebauschte Diskussion. Es war ein Vorstoß der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Feuerwerk großflächig verbieten zu lassen. Jetzt die Trendwende: Immer mehr Supermärkte verzichten inzwischen auf den Verkauf von Feuerwerk.

Laut einer aktuellen Umfrage des RedaktionNetzwerks Deutschland (RND) befürwortet die Mehrheit der Deutschen sogar ein Feuerwerksverbot. Das bekommen jetzt auch viele Discounter zu spüren.

In ihren Prospekten bewerben sie seitenweise Feuerwerksartikel. Aldi, Lidl, Kaufland und Real hatten bereits angekündigt, an dem Geschäft mit der Böllerei festhalten zu wollen – weil es die Kunden so wünschten. Aber ist das wirklich so? Ein Blick auf die Facebook-Seiten der Discounter offenbart: Auch dort wird die Böllerverbotsdebatte geführt.

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Sollten Discounter auf den Böllerverkauf verzichten?

Auf der Facebook-Seite von Penny schreibt beispielsweise eine Nutzerin: „Es ist mir nicht ganz klar, warum ihr noch Werbung für Knaller und so weiter für Silvester macht.“ Und auf der Seite von Aldi Süd finden sich Kommentare wie „Vielleicht sollten wir in diesen Tagen einmal unser Einkaufsverhalten ändern und bei Unternehmen einkaufen, die kein Feuerwerk verkaufen. Es gibt sie wie Metzger etc. Und diese Discounter, die ihre Profitgier auf Kosten der Unternehmen befriedigen, die kein Feuerwerk verkaufen.“ oder „Gehört meiner Meinung nach einfach verboten. In anderen Ländern überleben die Menschen auch ohne!“

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Penny antwortet traditionsbewusst und beschwichtigend: „Den Jahreswechsel mit Feuerwerk zu begleiten ist in vielen Ländern rund um den Erdball Brauchtumspflege. Es gehört für viele Menschen zum festen Ritual. In Deutschland regeln bundesweite und kommunale Bestimmungen den Verkauf und die Verwendung von Böllern und Raketen. Sie gehören europaweit zu den restriktiveren. Vor diesem Hintergrund bieten die Märkte der Rewe Group (Rewe, Penny, Toom) Silvesterartikel an wenigen Tagen im Jahr an.“

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In der Silvesternacht werden jedes Jahr unzählige Raketen und Böller gezündet. Tiere leiden stark unter der enormen Lautstärke und dem entstehenden Rauch.  © RND
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Supermärkte werben und kommunizieren unterschiedlich

Aldi Süd zeigt sich währenddessen familienfreundlich und serviceorientiert bei Facebook: „Das private Feuerwerk ist für viele Familien in Deutschland weiterhin das Highlight zu Silvester, auf welches sich eine beachtliche Anzahl unserer Kunden – von jung bis alt – sehr freut. Wir wissen, dass das Thema seit einiger Zeit sehr umstritten ist, und auch wir machen uns Gedanken dazu. Allerdings wollen wir als Discounter weiterhin auf die Bedürfnisse und Nachfragen unserer Kunden eingehen.“

Während viele Rewe-Märkte sich bereits vom Feuerwerksverkauf distanziert haben, gibt es keine klare Leitlinie vom Konzern. Man stelle es den selbstständigen Rewe-Kaufleuten frei, ob sie in ihren Supermärkten Silvesterfeuerwerk verkaufen möchten oder nicht, heißt es in einer konzernseitigen Äußerung bei Facebook. In den sozialen Netzwerken kritisieren Nutzer allerdings, dass es für den Verkauf von Feuerwerk auch noch zusätzlich zehnfache Payback-Punkte gebe.

Aldi Süd hat seinen Prospekt denkbar ungünstig geplant und heizt so die Debatte weiter an. Auf einer Seite wird eine Aktion zum „Kampf gegen den Klimawandel“ beworben, bei der 15 Cent pro Tüte Weingummi zugunsten des Klimaschutzes gehen. Blättert man die Seite um, geht es mit „Feuerwerk für die ganze Familie“ weiter.

Verzicht auf Feuerwerksverkauf für Unternehmen riskant

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Durchschnittlich geben die Deutschen über 100 Millionen Euro für Pyrotechnik aus, 2018 setzte der Einzelhandel 133 Millionen Euro mit Knallern um. Aus Marketingsicht könnte ein Verzicht auf Böllerverkäufe ein Erfolg sein, wirtschaftlich ist es schwieriger. Händler, die die Silvesterknaller aus dem Sortiment nehmen, gehen ein Risiko ein.

„Wir verzichten auf den Umsatz, und wir wissen nicht, wie die Kunden reagieren“, sagt etwa Christoph Windges, der einen der größten Edeka-Märkte Nordrhein-Westfalens betreibt und in diesem Jahr ebenfalls keine Silvesterknaller im Angebot hat. Schließlich könne der Kunde einfach in den nächsten Supermarkt gehen und dort seine Einkäufe erledigen.

Trotz der Debatte in der Öffentlichkeit hat das Silvesterfeuerwerk weiterhin einen hohen Stellenwert. Branchenkenner Uwe Krüger vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) geht davon aus, dass die Nachfrage weiter hoch bleibt. „Ich glaube nicht, dass die Konsumenten dieses Jahr weniger Geld für Feuerwerk ausgeben werden“, sagt er. „Die Nachfrage ist ungebrochen und der Handel wäre schlecht beraten, diese nicht zu bedienen.“

Im Netz entbrennt Debatte zum Silvesterfeuerwerk

Unter einem Facebook-Post bei Lidl zum neuen Feuerwerksprospekt prallen zwei Ansichten aufeinander: Die einen freuen sich auf das Silvesterfeuerwerk, die anderen wollen es am liebsten verbieten. In einem Kommentar äußert sich eine Lidl-Kundin: „Meine Kids sind schon so aufgeregt. Es wird wieder toll und wir werden uns definitiv wieder beim Lidl für Silvester eindecken.“

Allein auf diesen Kommentar gab es rund 700 Reaktionen. Die Folgekommentare reichen von „Für unsere verstorbenen Lieben schicken wir immer eine Wunschrakete ab“ bis zu „Du bist ja schon so alt, dass du an deine Zukunft nicht mehr zu denken brauchst“. Kaufland versucht auf seiner Facebook-Seite deeskalierend einzuwirken: „Liebe Community, wir freuen uns, dass ihr euch so intensiv austauscht. Bitte achtet aber darauf, sachlich zu bleiben und einen angemessenen Tonfall zu wahren.“

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Größte Motivation für den Böllerverzicht: Das Tierwohl

Spannend ist auch ein Blick auf die Begründung, warum Bau- und Supermärkte auf den Böllerverkauf verzichten. Während in der Öffentlichkeit viel über Feinstaubbelastung und Umweltschutz gesprochen wird, steht bei den Bekanntmachungen der Unternehmen meist das Tierwohl im Vordergrund.

Die Baumarktkette Hornbach kündigte bereits an, in diesem Jahr zum letzten Mal Feuerwerkskörper zu verkaufen. Nicht zuletzt aus Umwelt- und Tierschutzgründen habe man sich dazu entschlossen, sagte Pressesprecher Florian Preuß gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Langfristige Lieferantenverträge haben uns hier von einem früheren Ausstieg abgehalten“, ergänzte er. Das eingesparte Werbebudget soll an Tierschutzvereine gespendet werden.

Auch bei der Diskussion in den sozialen Netzwerken rund um Feuerwerk ist zu beobachten, dass über Umweltaspekte deutlich schärfer diskutiert wird.

Zahlreiche Gründe für Böllerverbote – oft Sicherheitsbedenken

Trotz Protesten von Umweltschützern gibt es kein generelles Feuerwerksverbot, allerdings Verbotszonen in mehreren deutschen Städten. Erst vor einigen Wochen verkündete Hamburg ein Böllerverbot im Bereich der Binnenalster. Polizeipräsident Ralf Martin Mayer sagte laut NDR, die Situation sei im vergangenen Jahr „aus dem Ruder gelaufen“. Jugendliche und junge Erwachsene hätten sich Böllerschlachten geliefert, Raketen in die Menschenmenge gefeuert, dabei hätte es Verletzte gegeben.

Rund 30 Städte und Gemeinden in Deutschland haben für das kommende Silvester ein Böllerverbot in bestimmten Bereichen erlassen. Dazu zählen Berlin, Hamburg, München und Köln. Dort geht es vor allem darum, größere Menschenansammlungen vor „Beschuss“ zu schützen.

Sicherheitsbedenken waren der häufigste von Städten genannte Grund für Verbote und Verbotszonen. Die Stadt München etwa beruft sich in diesem Jahr auf eine Gefahreneinschätzung der Polizei und erlässt ein komplettes Feuerwerksverbot in der Altstadt sowie ein Böllerverbot in einem größeren Areal. Auch rund um den Stuttgarter Schlossplatz ist privates Feuerwerk aus Sicherheitsgründen verboten. „Die Gefährdungslage an Silvester im Stadtinneren nimmt seit ein paar Jahren zu“, sagte Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne).

Stattdessen soll es eine zentrale Party mit Lichtshows, Videoleinwänden und Livemusik geben. Nach guten Erfahrungen beim vergangenen Jahreswechsel sollen Böller auch in Teilen der Innenstadt Hannovers erneut verboten sein. Vor einem Jahr habe das Böllerverbot zu „einer erheblichen Entspannung der Lage“ geführt, sagte ein Sprecher der niedersächsischen Landeshauptstadt.

Berlin verbietet, nach Senatsangaben vor allem zum Schutz von Polizisten und Feuerwehrleuten, Böllern und Feuerwerk neben dem Gelände der zentralen Feier am Brandenburger Tor erstmals auch auf dem nördlichen Alexanderplatz sowie in der Pallasstraße in Schöneberg. In anderen Städten mit Verbotszonen steht der Denkmalschutz im Vordergrund: Nürnberg etwa verbietet bereits seit 2001 das Böllern im Bereich der Burg.

In diesem Jahr kommt eine neue böllerfreie Zone um die Lorenzkirche hinzu – nachdem sie laut Ordnungsamt in den vergangenen Jahren immer wieder beschossen wurde. An Nord- und Ostsee gilt größtenteils ein komplettes Verbot. Der Grund: eine erhebliche Brandgefahr für reetgedeckte Häuser.

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