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Künast lobt Aldi-Ankündigung zu Aus für Billigfleisch: „Mehr als ein PR-Gag“

  • Discounterriese Aldi will ab 2030 kein Frischfleisch aus schlechter Tierhaltung mehr verkaufen.
  • Politiker von Grünen und SPD begrüßen die Pläne.
  • Aldi erkenne den gesellschaftlichen Wandel deutlich schneller als Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner.
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Berlin. Der Discounter Aldi hat angekündigt, langfristig nur noch Fleisch aus tierfreundlicheren Haltungsformen verkaufen zu wollen. Bis 2025 will Aldi auf Frischfleisch aus der Haltungsform eins verzichten, die nur dem gesetzlichen Mindeststandard entspricht. Bis 2030 soll auch Fleisch der Haltungsform zwei aus den Regalen verschwinden, die den Tieren 10 Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben einräumt. Die Ankündigung vom Freitagmorgen hatten viele Experten nicht erwartet.

„Das ist ein überraschender Schritt mit einem ambitionierten Zeitplan“, sagt der Göttinger Agrarwissenschaftler Achim Spiller, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Tierwohllabels beim Bundeslandwirtschaftsministerium und Mitglied der sogenannten Borchert-Kommission. Die hatte im Auftrag des Ministeriums untersucht, wann aus höherwertigen Haltungsformen gesetzliche Standards werden könnten. Noch im März dieses Jahres hielten die Fachleute das Jahr 2040 für realistisch.

Dass Aldi es bis 2030 schaffen will, dürfte Signalwirkung haben, glaubt Spiller. „Aldi setzt häufig Standards“, sagt der Agrarmarktkenner. Er betont, dass mehr Engagement für das Tierwohl nötig und im Sinne von Supermarktkundinnen und Supermarktkunden sei. „Die Verbraucher wollen einen fairen Deal: Sie wollen das Tier noch essen, aber es soll was vom Leben gehabt haben“, fasst er Forschungen zum veränderten Konsumverhalten zusammen.

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Lob für Aldi, Tadel für Klöckner

Auch Tierschutzpolitiker von SPD und Grünen begrüßten die Ankündigung des Discounters. Gleichzeitig übten sie scharfe Kritik an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). „Der heutige Schritt von Aldi ist mehr als ein PR-Gag. Wenn ein wichtiger Player im Wettbewerb ein solches Signal setzt, werden sich dem auch andere Marktteilnehmer nicht entziehen können“, sagte die frühere Bundeslandwirtschaftsministerin und heutige Sprecherin der Grünen-Fraktion für Ernährungspolitik und Tierschutz, Renate Künast, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Die gesellschaftliche Betriebserlaubnis für die Tierhaltung, wie sie heute noch mehrheitlich betrieben wird, ist sichtbar abgelaufen. Das erkennt auch der Handel“, sagte Künast weiter.

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Die Bundeslandwirtschaftsministerin habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt und werde nun vom Handel überholt, kritisierte die Grünen-Politikerin. „Es ist falsch zu glauben – wie es Frau Klöckner tut –, der Umbau der Tierhaltung wäre mit kleinen Schritten bis 2040 ausreichend betrieben. „Der Markt ändert sich schneller, als die Union gucken kann.“

SPD-Politikerin Mittag: Trotz der Initiative kalkuliere Aldi „knallhart“

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Die Tierschutzbeauftragte der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Susanne Mittag, warf der Landwirtschaftsministerin ebenfalls Behäbigkeit vor. „Bereits bei der Einführung von Tierwohllabeln war der Handel schneller als Frau Klöckner. Die Initiative ist sehr zu begrüßen und sollte einmal mehr der Ansporn für eine politische Lösung sein. Denn diese brauchen wir trotzdem dringend“, sagte Mittag dem RND.

Ein staatliches Tierwohllabel würde nicht nur die Haltung, sondern auch die Bedingungen für den Transport und die Schlachtung regeln, erklärte die SPD-Politikerin. „Außerdem würde ein staatliches Label die Finanzierung des Umbaus und eine langfristige Planungssicherheit für die Landwirte mit sich bringen.“

Trotz der begrüßenswerten Initiative stehe der Discounter Aldi weiter unter Beobachtung, so Mittag. „Bei allen positiven Effekten des Aldi-Vorstoßes für das Tierwohl bleibt der Konzern ein Unternehmen, das knallhart kalkuliert. Die Landwirte, die bisher dem starken Preisdruck ausgesetzt waren, werden es vermutlich auch weiterhin sein, wenn sie über die Fleischindustrie an Aldi liefern – auch wenn sie für mehr Tierwohl sorgen.“

Foodwatch will gesetzliche Standards

Skeptischer äußerte sich die Nichtregierungsorganisation Foodwatch. „Aldis Discounttierschutz gaukelt den Menschen vor, mit dem Kauf von Produkten der Haltungsstufen drei und vier das Leben der Tiere nachhaltig verbessern zu können“, sagte Matthias Wolfschmidt, bei Foodwatch für die Fleischwirtschaft zuständig, dem RND.

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„In Wahrheit aber schützen etwas mehr Platz und Auslauf nicht vor massenhaften Lungenentzündungen, Abszessen und Kannibalismus oder enorm schmerzhaften Euter- und Klauenentzündungen“, so der studierte Tierarzt weiter.

Er glaubt, dass Aldi nun vor allem seine Marktmacht ausnutzt, „um von Landwirten zulasten der Tiere massenhaft ‚tiergerechtes‘ Billigfleisch“ zu bekommen. „Gegen Krankheit und Elend von Millionen Tieren hilft keine Haltungskennzeichnung, sondern nur ein klarer, gesetzlich vorgegebener Fokus auf exzellente Tiergesundheit“, betonte Wolfschmidt.

Agrarexperte Spiller befürchtet „ungedeckte Mehrkosten“

Auch Agrarexperte Spiller sieht Probleme auf die Landwirte zukommen. Um Aldi künftig zu beliefern, werden sie ihre Ställe kostspielig umbauen müssen. Aldi will aber nur bei Frischfleisch auf höherwertige Haltungsformen umstellen. Nicht geplant ist, dass auch verarbeitetes Fleisch wie Wurst oder Fertigprodukte aus besserer Haltung stammen – und deshalb höhere Preise dafür gezahlt werden. „Möglicherweise bringt die Entscheidung erhebliche und schwer zu deckende Mehrkosten mit sich, schließlich wird das einzelne Schwein ja zu unterschiedlichen Produkten verarbeitet“, sagt Spiller.

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Hinzu kommt, dass manche Teile von Schweinen ohnehin nur beim Export verwertet werden können. Doch ob etwa russische Kunden einen Tierwohl-Aufpreis für hierzulande unbeliebten Rückenspeck zahlen wollen, ist unklar. Spiller hält es deshalb für möglich, dass Landwirte auch bei der nun vom Markt forcierten Umstellung auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Insgesamt beziffert Spiller die Kosten einer flächendeckenden Umstellung auf die Haltungsformen drei und vier in Deutschland mit etwa 3 bis 4 Milliarden Euro jährlich.

Spiller: Stallumbau ist nicht unkompliziert

Damit Landwirte nun schnell ihre Ställe umbauen können, brauchen sie außerdem die entsprechenden Genehmigungen. „Baurechtlich und umweltrechtlich sind die notwendigen Maßnahmen alles andere als trivial, längst nicht jede nun notwendige Veränderung wird in Deutschland genehmigt“, sagt Spiller. Auch auf dieser Ebene müsse die Politik noch Hausaufgaben machen, woran sie aber zuletzt gescheitert sei.

Auf die vier Haltungsstufen hatten sich die führenden Supermarktketten 2019 verständigt, um Verbrauchern mehr Orientierung zu geben. Die erste Haltungsform „Stallhaltung“ entspricht lediglich den gesetzlichen Anforderungen. In der Stufe zwei „Stallhaltung plus“ gibt es für die Tiere unter anderem mehr Platz und zusätzliches Beschäftigungsmaterial. Stufe drei „Außenklima“ garantiert den Tieren noch mehr Platz und Frischluftkontakt, etwa durch offene Seitenwände der Ställe. Bei Stufe vier „Premium“ haben sie außerdem Auslaufmöglichkeiten im Freien, auch Biofleisch wird in diese Stufe eingeordnet.

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