Kristallzucker und Sonnenblumenöl: Die Inflation bedroht Putins Macht

  • Die Lebensmittelpreise in Russland sind im vergangenen Jahr deutlich gestiegen.
  • Vor den anstehenden Duma-Wahlen im Herbst passt das dem Kreml überhaupt nicht ins Konzept.
  • Dass die Preise für Nahrungsmittel in Russland stärker steigen als etwa in der EU, ist nach Expertenmeinung in weiten Teilen allerdings ein hausgemachtes Problem.
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Moskau. Seit vergangenem Jahr machen Lebensmittel einen immer größeren Posten im Haushaltsbudget der pensionierten Geschichtslehrerin Pelageja Bobrowa (75) aus. Wenn sie aus ihrem Plattenbau im Moskauer Stadtteil Konkowo im nächsten Supermarkt der Kette Perekrjostok einkauft, muss sie laufend mehr Geld ausgeben.

Kristallzucker? Der Preis ist 2020 um knapp 65 Prozent gestiegen. Mohrrüben sind mehr als 30 Prozent teurer und Sonnenblumenöl 25 Prozent. Ein halbes Kilo Forelle, die Bobrowa so gern isst, kostete vergangenes Jahr noch 300 Rubel (3,40 Euro), nun muss sie 330 Rubel dafür berappen. Mit Schweinefleisch kann sie den Preisanstieg ihrer Lebensmittelrechnungen etwas dämpfen. Im Gegensatz zu Rindfleisch oder Geflügel wurde es etwas billiger. 165 Rubel (1,85 Euro) fallen nun für das halbe Kilo an, statt der gut 180 Rubel, die noch vor einem Jahr dafür zu bezahlen waren.

Doch unterm Strich zahlt Bobrowa mehr für Nahrungsmittel, was ihr bei einer staatlichen Rente von 18.500 Rubel (208 Euro) im Monat schwerfällt: „Es war nie genug Geld da“, sagt sie. „Doch nun ist es noch weniger.“

Russland hat Export von Weizen begrenzt

Vor allem Rentner und kinderreiche Familien leiden unter der Lebensmittelinflation. Staatspräsident Wladimir Putin ist die Problematik nur allzu bewusst. Er macht sich wegen des Preisanstiegs bei Lebensmitteln ganz offensichtlich große Sorgen, denn seine Umfragewerte sind derzeit ohnehin im Keller. Die Proteste nach der Festnahme Alexej Nawalnys haben seiner Popularität geschadet, und im Spätsommer stehen die wichtigen Duma-Wahlen an.

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Schon im Dezember bläute Putin bei einem Treffen mit dem Regierungskabinett den zuständigen Ministern ein, dass der Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln inakzeptabel sei. Kurz darauf wies die Regierung den Einzelhandel an, die Preise für Zucker und Sonnenblumenöl einzufrieren. Zudem wurden Quoten verfügt, um den Export von Weizen zu begrenzen. Das dadurch höhere Angebot im Inland soll den Preisdruck senken.

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Weltmarkt-Preis-Index für Nahrungsmittel erreicht Sechs-Jahres-Hoch

Allerdings werden die gedeckelten Lebensmittelpreise nach derzeitiger Planung schon Ende März wieder freigegeben. Das könnte dann zu einem sprunghaften Preisanstieg dieser Nahrungsgüter führen.

Die Preislawine bei Lebensmitteln trifft aber nicht nur Russland – sie ist ein globales Problem, bei dem viele Ursachen unglücklich aufeinandertreffen, wie die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (Fao) im Februar mitteilte.

Für Januar konstatierte die Organisation mit Sitz in Rom ein Sechs-Jahres-Hoch ihres Weltmarkt-Preis-Index für Nahrungsmittel. Binnen zwölf Monaten sei das Barometer um 11 Prozent auf 113,3 Zähler gestiegen, den höchsten Stand seit Juli 2014: „Die Gründe für diesen Preisanstieg bestanden in Witterungsproblemen in Südamerika, die Einführung eines Exportzolls auf Weizen durch Russland und ein Rückgang der Erträge bei einer Reihe von Feldfrüchten in den USA“, fasst Ole Hansen, Rohstoffstratege bei der dänischen Saxo Bank, die Ursachen der weltweiten Lebensmittelteuerung gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) zusammen: „Verschärfend kam hinzu, dass China seine Nahrungsmittelreserven durch Käufe von Sojabohnen und Mais massiv aufgestockt und das weltweite Angebot dadurch verknappt hat.“

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Dürren sorgen 2008 für Explosion der Lebensmittelpreise

Auch andere Großimporteure von Lebensmitteln wie die Türkei hätten ihre Lagerstätten aufgefüllt, sagte der Rohstoffanalyst Carlos Mera von der niederländischen Rabobank dem RND: „Denn sie wollten nicht denselben Fehler wie vor zwölf Jahren machen.“ Mera spielt damit auf das Jahr 2008 an, als die Lebensmittelpreise rund um den Globus aufgrund schwerer Dürren in die Höhe geschnellt waren. Das löste damals Volksaufstände in einigen afrikanischen Ländern aus.

Als Russland 2010 seine Getreideexporte beschränkte und die Lebensmittelpreise weltweit stiegen, war dies nach Auffassung von Beobachtern eine der Ursachen für die Revolten des Arabischen Frühlings.

Produktionskosten für russische Lebensmittelhersteller gestiegen

Der globale Anstieg der Lebensmittelpreise wirkt sich in Russland allerdings viel stärker aus als zum Beispiel in Westeuropa: Laut der russischen Statistikbehörde Rosstat stiegen die Lebensmittelpreise in Rubel zwischen Januar 2020 und Januar 2021 im Durchschnitt um 8,2 Prozent. Die Lebensmittelteuerung in der EU fiel in den dortigen Landeswährungen mit 1,1 Prozent sehr viel geringer aus.

Wladislaw Inozemtsew, russischer Wirtschaftswissenschaftler bei der US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington führt zur Erklärung des Unterschieds mehrere Faktoren an: „Der Rubel hat gegenüber Euro und Dollar im vergangenen Jahr um circa 27 beziehungsweise 19 Prozent abgewertet“, erklärte er dem RND, „wodurch die Produktionskosten der russischen Nahrungsmittelhersteller deutlich gestiegen sind, weil sie viele Produktionsmittel wie etwa Saatgut oder Medikamente für die Tierhaltung importieren müssen.“

Ein Baguette kostet in Frankreich seit 30 Jahren nur 90 Cent

Wenn die Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt stiegen, führe das außerdem automatisch zu Preisdruck in Russland, weil sich die russischen Erzeuger am Weltmarktpreis orientierten: „Sie wollen mit ihren Produkten in Russland ja nicht weniger verdienen, als wenn sie sie exportieren würden.“

Ganz entscheidend seien aber die Subventionen, die in der EU landwirtschaftlichen Betrieben gezahlt würden, um die Lebensmittelpreise tief zu halten: „41,4 Milliarden Euro gingen 2019 als direkte Einkommenshilfe an die Bauern in der EU“, verdeutlicht Inozemtsew: „So ist es zum Beispiel möglich, dass ein Baguette in Frankreich seit 30 Jahren nur 90 Cent kostet.“

Die russischen Landwirte würden finanziell hingegen nicht direkt vom Staat alimentiert: „Sie kommen mit staatlicher Hilfe an günstige Kredite, aber das hilft eher den Bürokraten im Finanzwesen als den Bauern. Wenn der Staat den Erzeugern in Russland nicht effektiver hilft, werden die Lebensmittelpreise dort weiter steigen, daran kann es keinen Zweifel geben.“

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